Zwei Radprofis, die auf einer Wellenlänger funken, aber in unterschiedlichen Metiers zuhause sind: Mountainbiker Luca Schwarzbauer (li.) und Straßenradfahrer Florian Lipowitz. Foto: IMAGO/NurPhoto/IMAGO/Roberto Tommasini

Luca Schwarzbauer ist Mountainbiker, Florian Lipowitz war Biathlet und ist nun Straßenradprofi. Im Training auf der Schwäbischen Alb machen die beiden dennoch oft gemeinsame Sache. Wie passt das zusammen?

Es ist ein verregneter, windiger und kalter Tag kurz nach dem Jahreswechsel. Auch rutschig ist es hier und da auf den Straßen und Feldwegen. Kein Wunder also, dass Luca Schwarzbauer sein Radtraining auf die Rolle, also in Innere verlegt hat. Und dass Florian Lipowitz sich seinen freien Tag auf jenen gelegt hat. Dennoch sind sie zum Frühstück zusammen gekommen – der Top-Mountainbiker und der Straßenradprofi. Um darüber zu sprechen, was sie verbindet, was sie trennt, was sie voneinander lernen können. Und wie es kommt, dass sie immer wieder gemeinsam auf dem Rad sitzen.

 

Auf den ersten Blick ist es ja keine große Sache. Beide sind professionelle Radsportler. Der eine, Luca Schwarzbauer, lebt am Fuße der Schwäbsichen Alb in Weilheim/Teck. Der andere, Florian Lipowitz stammt aus Laichingen auf der Schwäbischen Alb. Allerdings: Kennengelernt haben sich die beiden erst vor etwas über einem Jahr während des jeweiligen Trainingslagers auf Mallorca.

„Ich hatte“, sagt Luca Schwarzbauer und grinst, „gar nicht auf dem Schirm, dass Florian so eine Maschine auf dem Rad ist.“ Das wusste der Gelobte lange Zeit ja selbst nicht. Florian Lipowitz war während seiner Jugendjahre ein talentierter Biathlet, ehe ihn Knieprobleme zunächst zu einer längeren Auszeit zwangen. Kaum wieder fit, riss er sich das Kreuzband – und saß in der Reha dann mehr und mehr im Sattel. Er nahm an Radmarathons teil, bei einem Biathlon-Event kam dann Lipowitz’ Vater mit dem Trainer Dan Lorang ins Gespräch. Sie organisierten einen Leistungstest.

Der Rest ist jüngere Sportgeschichte. Lipowitz, heute 24 Jahre alt, wechselte die Sportart, bekam einen Vertrag beim österreichischen Team Tirol, zum Jahr 2023 verpflichtete ihn das deutschen Bora-hansgrohe-Team, das mittlerweile auch von Red Bull gesponsert wird. Und das sich im vergangenen Herbst nicht nur über den Vuelta-Sieg von Primosz Roglic freute – sondern auch über Rang sieben von Florian Lipowitz.

„Als Quereinsteiger, musste ich mich im Profi-Radsport erst einmal behaupten“, erinnert er sich. Spätestens im vergangenen Jahr hat er sich aber in der Weltspitze einen Namen gemacht. Das war Luca Schwarzbauer schon ein Jahr zuvor gelungen.

Intervalltraining am Albaufstieg

Der Mountainbiker fährt für das Team des deutschen Radherstellers Canyon, ist mittlerweile konstanter Top-Acht-Fahrer im Weltcup und hat 2023 die Gesamtwertung in der Disziplin Shorttrack gewonnen. Das sind kurze, knackige Rennen, die wenig zu tun haben mit den Tagesetappen der Straßenradprofis. Aber: Grundlagen muss auch Luca Schwarzbauer legen. So steigt er vor allem in der Saisonvorbereitung auch aufs Rennrad – und dann kommt eben auch Florian Lipowitz ins Spiel.

„Wenn man an einem Tag vorhat, fünf oder sechs Stunden auf dem Rad zu sitzen, ist es ganz normal, dass man sein Umfeld abklappert und fragt, ob jemand ein ähnliches Programm hat“, sagt Luca Schwarzbauer. Also radelt der 28-Jährige an solchen Tagen gerne mal nach Laichingen und sammelt dort Florian Lipowitz ein. Oder es geschieht andersherum. An einem der Albaufstiege, bevorzugt an der Hepsisauer Steige, fahren sie dann auch immer wieder intensive Intervalle.

Hoch, runter. Wieder hoch, wieder runter. Und währenddessen, zwischendurch und bei längeren Ausfahrten, tauschen sich die beiden dann auch aus über ihre Trainingsinhalte und deren Effekte.

Florian Lipowitz (li.) und Luca Schwarzbauer Foto: IMAGO/Sirotti/IMAGO/Fotoreporter Sirotti Stefano

„Ein Netzwerk zu haben, ist immer gut“, sagt Luca Schwarzbauer, „wir können voneinander profitieren.“ Zumal sie in unterschiedlichen Disziplinen fahren. „Somit sind wir zwar beide Radsportler, aber eben keine Konkurrenten“, sagt Florian Lipowitz. Der Straßenradsportler profitiert von einem mittlerweile riesigen Team, hat je nach Rennen eine andere Aufgabe und bereit sich entsprechend unterschiedlich darauf vor. Als Mountainbiker ist Luca Schwarzbauer in einem kleinen Team unterwegs, hat dafür zu den Mitarbeitern einen extrem engen Draht – und stets ein klares Ziel, wenn er an der Startlinie steht: Er selbst muss es möglichst weit nach vorne schaffen.

Der Teamgedanke mit Leadern und Helfern übt da durchaus seinen Reiz auf den Cross-Fahrer aus. Die gemeinsamen Ausfahrten mit dem Freund aus der anderen Radsportwelt nutzt er aber eher, um möglicherweise frische Ideen für sein eigenes Training zu bekommen. „Es bringt mir viel, da einen Einblick zu bekommen“, sagt er. Zumal im Straßenradsport eben viel mehr Geld stecke. Und damit an vielen Stellen auch mehr oder moderneres Know-how.

„Etwa 80 Prozent des Grundlagentrainings“, meint dennoch Florian Lipowitz, könnten die beiden gemeinsam machen. Limitierende Faktoren hat die Zusammenarbeit dennoch. Zum einen lebt Florian Lipowitz mit seiner Familie die meiste Zeit im österreichischen Seefeld. Zum anderen brauchen beide ab einer gewissen Phase in der Vorbereitung dann eben doch andere Inhalte.

Schwarzbauer kommt im Jahr auf rund 20 000 Trainings- und Rennkilometer. Bei Lipowitz sind es noch einmal 10 000 mehr. Er muss an langen Anstiegen „bergfest“ sein, wenn er bei den großen Rundfahrten gegen die Konkurrenz bestehen will. Sein Kollege auf dem Mountainbike muss sich Spritzigkeit aneignen, auf dem Rad technisch stark sein. Auch baut er Läufe und Krafttraining in sein Wochenprogramm ein. Das gegenseitige Interesse ist dennoch groß.

Zum Beispiel haben sich beide schon die Frage gestellt, welche Vorteile Lipowitz’ Biathlon-Vergangenheit für den Radsport wohl bringt. Sie sind sich einig: Weil im Langlauf der ganze Körper belastet wird, ist bei den Wintersportlern die Fähigkeit zur Sauerstoffaufnahme besonders groß. Es müssen über einen bestimmten Zeitraum eben viele Muskeln versorgt werden. Zudem ist es bei den Biathleten selbstverständlich, nicht nur eine Trainingseinheit am Tag zu bestreiten – im Radsport teilt man die Inhalte je Tag dagegen noch selten auf.

Austausch auch über die mentale Komponente des Sports

Der Austausch bleibt also interessant – auch zur mentalen Komponente des Profisports. In denen beide spezielle Erfahrungen gemacht haben. Luca Schwarzbauer wollte einst zu viel, hat es mit dem Training übertrieben, dabei aber wenig oder falsch gegessen. Die Karriere schien in der Sackgasse, „danach musste ich meine Basics erst einmal neu lernen“, erinnert er sich. Florian Lipowitz hat am Beispiel seines Bruders Philipp erlebt, wie fragil das Leben als Leistungssportler sein kann. Seit der Biathlet an einer Depression litt, hat sich auch sein Blick auf den Sport verändert. Was nicht heißt, dass es an Ehrgeiz mangelt.

Platz Sieben bei der Vuelta hat Florian Lipowitz gezeigt, dass er sich in Richtung Klassementfahrer entwickeln, bei kleineren Rundfahrten vielleicht schon in diesem Jahr in die Rolle des Co-Leaders schlüpfen kann. Sein großer Traum ist die Teilnahme an der Tour de France samt Ankunft in Paris. Wann? Das wird sich zeigen. In dieser Woche startet er auf Mallorca in die Rennsaison.

Luca Schwarzbauer will derweil weiter auf konstant hohem Niveau im Weltcup der Mountainbiker mitmischen. Nachdem er 2023 um einen neuen Vertrag gefahren ist und 2024 Olympia im Fokus stand, steht ein „normales“ Jahr an. Er beendet im Frühjahr sein Studium, will sich als Vollzeit-Radprofi dann offen zeigen für neue Impulse in seinem Trainingsalltag.

Zudem sicher auch Ausfahrten mit Florian Lipowitz weiter dazugehören werden. Oder auch mal nur ein gemeinsames Frühstück.