Abgeschirmt und streng überwacht: Die Tour de France sucht in Nizza nach den Emotionen, die sie sonst so auszeichnen. Foto: imago/Hans Lucas

Beim Auftakt der Frankreich-Rundfahrt in Nizza erleben die Radprofis, wie sich ein Rennen in der Blase anfühlt. Sorgen machen weiterhin die Infektionszahlen.

Nizza - Der große Radzirkus ist gestartet zu seiner Tournee durch Frankreich. In Nizza, beim Grand Depart, war alles etwas kleiner als gewohnt, etwas unaufgeregter, etwas weniger euphorisch. Nur die Farbenvielfalt blieb unverändert. Die Wertungstrikots haben ihre Tönung behalten, 22 bunte Teams bilden das Peloton. Und auch die PR-Karawane fährt voraus – um etwa 40 Prozent reduziert zwar, aber sie fährt. Weil viele Werbepräsente, zum Beispiel auch Klatschpappen, wegen der Gefahr von Schmierinfektionen nicht freigegeben worden sind, herrschte allerdings gedrückte Stimmung an der Strecke. Die übliche Begeisterung am Straßenrand mochte sich nicht einstellen.

Immerhin, es standen Menschen dort. Und das oft, ohne den geforderten Zwei-Meter-Abstand einzuhalten. Die Polizisten sahen zu, griffen nicht ein. Sie achteten lediglich darauf, dass aus den einfachen Reihen keine Zehnerreihen wurden – wie sonst bei der Tour de France.

Die Fans verhalten sich der Pandemie angemessen

Ganz so streng wie erwartet waren in Nizza auch die Teams nicht abgeschirmt. Gut, im unmittelbaren Startbereich umgab eine schwarze Wand das Fahrerlager. Die Trennelemente reichten aber bei weitem nicht aus, um alle Teamfahrzeuge von den Fans abzuschirmen. Viele Busse waren nur durch ein Meter hohe metallene Absperrgitter vom Publikum getrennt. Und weil manche Teams ihre Räder gleich neben diesen Gittern aufbauten, waren die Stars der Szene plötzlich doch nur eine Armlänge entfernt.

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Das Gute aber war: niemand streckte den Arm aus. Alle hielten sich brav an das Selfie- und Autogrammverbot – wie es die überall sichtbaren Piktogramme vorgaben. Es war ein gutes Beispiel, wie es funktionieren kann bei dieser Tour: Die Teams gehen auf Distanz, sind aber nicht komplett abgekapselt. Die Fans können ihre Lieblinge sehen, verhalten sich aber rücksichtsvoll. Einer Pandemie angemessen eben. „Wir wollen der Welt ein Beispiel geben“, erklärte Christian Estros, der Bürgermeister von Nizza, „indem wir zeigen, dass solche Veranstaltungen auch unter Corona-Bedingungen möglich sind.“

Teppich zählt die Smartphones

In diesem Sinne war es ein guter Auftakt – zumal es sogar ein paar Relikte aus den Zeiten vor dem Virus gab. An der Côte d’Azur war ein Startvillage aufgebaut, mit Petanque-Parcours und Weinverkostung. Die Petanque-Kugeln wurden nach jedem Spiel desinfiziert, der Wein hinter Barrieren aus Kunststoff ausgeschenkt. Ein Fanpark für immerhin 450 Besucher war ebenfalls aufgebaut worden. Der Clou dort ist ein schwarzer Teppich gewesen, der mit Sensoren ausgestattet war, um die Anzahl der Smartphones zu zählen, die sich auf ihm bewegten. So habe man, versicherte Entwickler Pierre Iceta, jederzeit die Zahl der Personen auf dem Areal im Blick – die Pandemie als Innovationstreiber für Überwachungstechnologie.

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Sogar Interviews mit den Radprofis waren in Nizza möglich, allerdings auf einem ganz besonders präparierten Areal. In Sichtweite der Bühne für die Einschreibezeremonie waren aus Absperrgittern enge Boxen errichtet worden, in denen je ein Journalist oder ein Kamerateam Platz nehmen durfte. Das Arrangement erinnerte etwas an die Startboxen im Pferdesport – mit dem Unterschied, dass dort Pferd und Jockey losgelassen werden. Bei der Tour sorgte die doppelte Gitterbarriere dafür, dass die Reporter nicht in die Wettkampfzone kommen konnten und mindestens eineinhalb Meter Abstand zu den Athleten hielten. Ohne Selfie-Stick musste man einen ganz langen Arm machen, um ein paar Worte aufzeichnen zu können. All das geht – erst recht, weil die Freude, dass die Tour überhaupt stattfindet, allerorten überwiegt.

Fürst Albert spielt eine Partie Petanque

Sorgen bereitet allerdings die Corona-Lage. Zwar ist die Zahl der Neuinfektionen in Frankreich von 7379 am Freitag auf 5453 am Samstag gefallen – ein hoher Wert war aber auch das. Erst recht beunruhigte die Zahl von 119 Neuinfektionen auf 100 000 Einwohner im Departement Alpes Maritimes, zu dem Nizza gehört. „Wir hoffen, dass bis Montag nichts falsch läuft“, lautete deshalb das Stoßgebet von Bürgermeister Christian Estrosi. Und Jean-Michel Blanquer, der Sport- und Bildungsminister von Frankreich, meinte am Samstag an der Startlinie: „Man kann nicht ausschließen, dass die Tour abgebrochen werden muss. Aber es ist alles so gut vorbereitet, dass die Wahrscheinlichkeit sehr gering ist.“

Gemeinsam mit Prinz Albert von Monaco, der aus seinem nahen Fürstentum herübergekommen war und auch eine Partie Petanque spielte (seine Kugeln wurden danach ebenfalls desinfiziert), hatten Estrosi und Blanquer den Tour-Tross auf die Reise geschickt. Ob er in drei Wochen in Paris ankommen wird? Diese Frage vermag derzeit niemand zu beantworten.

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