Das Problem von Emanuel Buchmann: Er weiß nicht, zu welcher Leistung er imstande ist. Foto: imago/Vincent Kalut

Warum das Podium der Tour de France in Paris für Emanuel Buchmann, den mit Abstand besten deutschen Rundfahrer, weit entfernt ist.

Nizza/Stuttgart - Das Leben in der Blase, der auf Ende August verschobene Start, für Zuschauer gesperrte Bergpässe, die Sorge vor einem Rennabbruch: das Coronavirus hat die Tour de France fest im Griff, zumindest was die Rahmenbedingungen angeht. Was den Sport betrifft, versuchen alle, sich aus der Umklammerung zu befreien. Anstatt über mögliche positive Tests wird lieber über die Favoriten gesprochen, über deren Form, Figur, Fehlbarkeit. Und natürlich über die Strecke. Insbesondere im deutschen Rennstall Bora-hansgrohe ist das der Fall – was auch mit einer alten Weisheit zu tun hat.

Diese besagt, dass die Tour de France in der ersten Woche nicht gewonnen werden kann. Aber sehr wohl verloren. In diesem Jahr gilt das noch mehr als sonst. „Nie zuvor“, sagt Enrico Poitschke, der Bora-Sportchef, „haben wir einen so harten und intensiven Start in die Tour erlebt.“ Und das kann zum Problem werden – vor allem für Emanuel Buchmann.

Zu Prellungen und Hautabschürfungen gesellt sich der Frust

Der beste deutsche Rundfahrer hat sich hohe Ziele gesetzt. Nach Platz vier 2019, als ihm nur 25 Sekunden auf den drittplatzierten Niederländer Steven Krujswijk fehlten, wollte er nun in Paris aufs Podium, und er war auch auf einem guten Weg. Bis zu jenem verhängnisvollen Samstag vor zwei Wochen. Bei der Dauphine-Rundfahrt, der Generalprobe für die Tour, stürzte Buchmann (27) auf einer mit Rollsplit und Schlaglöchern gespickten Abfahrt schwer. Er lag im Graben, konnte ohne fremde Hilfe nicht aufstehen. Zu den starken Prellungen und Hautabschürfungen gesellte sich der Frust. „Ich dachte, die Tour sei gelaufen“, sagt Buchmann, „das war schon ein herber Rückschlag.“

In den Tagen danach schmerzte den 59-Kilo-Mann schon das normale Gehen, sein Hüftgelenk macht ihm noch immer Probleme. „Auf dem Rad ist es auszuhalten“, sagt der Bora-Kapitän, doch seine Skepsis ist deutlich herauszuhören: „Aktuell können weder ich noch mein Trainer einschätzen, wie groß mein Leistungsvermögen ist.“

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Klar ist nur: Buchmann fehlen wichtige Vorbereitungstage, normalerweise hätte er sich im Höhentrainingslager in Livigno den letzten Schliff geholt. Sein Körper ist weiterhin angeschlagen, das Selbstvertrauen angekratzt. Er bräuchte nun Zeit, um langsam wieder in Topform kommen zu können, vier oder fünf Flachetappen zum Auftakt wären genau richtig für ihn. Stattdessen geht es schon an diesem Sonntag über den Col de la Colmiane und den Col de Turini (bekannt aus der „Nacht der langen Messer“ bei der Rallye Monte Carlo), zwei Pässe der ersten Kategorie. Und am Dienstag folgt die erste Bergankunft in Orciéres-Merlette auf 1825 Metern Höhe. „Zeit zum Einrollen“, sagt Buchmann, „gibt es nicht.“ Und das könnte gravierende Auswirkungen auf die Strategie bei Bora-hansgrohe haben.

Schon jetzt meint Enrico Poitschke: „Buchmann hatte zuletzt einige sehr schwierige Tage. Das Podium ist weit, weit weg.“ Noch haben alle die Hoffnung, dass es doch klappen könnte. Irgendwie. Genau so gut ist aber möglich, dass bereits Mitte nächster Woche alle Chancen dahin sind. Weil Buchmann sich bis dahin einen zu großen Rückstand eingehandelt hat. „Dann“, sagt er, „ändern wir eben unseren Plan.“ Optionen gibt es genug.

Von Tag zu Tag denken

Buchmann könnte sich ein paar Tage schonen, um wieder voll da zu sein, wenn es in der dritten Woche zurück in die Alpen und um prestigeträchtige Tagessiege geht. Auch Lennard Kämna (23) ist auf den Bergetappen gut genug für einen Coup, das hat er mit seinem Etappenerfolg bei der Dauphine bewiesen – just an dem Tag, an dem Buchmann so schwer stürzte. Und Peter Sagan (30) würde bei seinem Vorhaben, zum achten Mal das Trikot des Punktbesten zu gewinnen, mehr Unterstützung, als bisher von seiner Equipe in Aussicht gestellt, sicherlich gerne annehmen. „Wir müssen jetzt eben von Tag zu Tag denken“, sagt Teamchef Ralph Denk, „auch wenn wir uns das ursprünglich nicht so vorgestellt hatten.“

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Aber natürlich passt dieses Szenario zu einem Jahr, in dem ohnehin alles anders ist. Selbstverständlich auch für den Inhaber eines Radrennstalls. Denk hat schon zu Beginn der Pandemie im März keinen Zweifel daran gelassen, wie existenziell wichtig die Tour de France ist. Für sein Team. Und für den gesamten Radsport. An dieser Meinung hat sich nichts geändert. Im Gegenteil. Mittlerweile spricht Denk dem Rennen sogar noch einen wichtigen Symbolcharakter zu: „Dass die Tour stattfindet, ist ein gutes Zeichen für Radsport-Fans, aber auch sonst für alle Menschen. Weil es zeigt, dass nicht das komplette Leben gestoppt wird.“ Ob es dabei bleibt? Zumindest mal der Start in Nizza und das Ziel in Paris befinden sich in einer Hochrisikozone – auch wenn Denk die Tour davon nicht tangiert sieht. „Die Reisewarnung ist hauptsächlich für Touristen gedacht“, sagt er, „unsere Reise ist definitiv nicht aufschiebbar, und touristischen Zwecken dient sie ebenfalls nicht.“

Das stimmt – auch wenn noch niemand weiß, wo die Reise hingehen wird. Sportlich. Und was das Coronavirus betrifft.

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