Beim Ötztaler Radmarathon wissen die Teilnehmer gleich am Anfang, wo es langgeht – bergauf. Foto: privat

Thomas Wyhlidal aus Leonberg bestreitet den Ötztaler Radmarathon. Auf dem 238 Kilometer langen Rundkurs sind 5500 Höhenmeter zu absolvieren. Nach fast zwölf Stunden kommt der 32-Jährige ins Ziel.

Leonberg - Schuld ist unsere Zeitung. Denn da hat Thomas Wyhlidal einen Selbsterfahrungsbericht über den Ötztaler Radmarathon gelesen. Es dauerte nicht lange, und für den Leonberger war klar: Er will sich der wohl schwersten Eintagesprüfung für Freizeitradler in den Alpen, so jedenfalls hat Organisator Ernst Lorenzi einst gesagt, stellen. Allein dieser Entschluss reicht noch lange nicht, um dann auch tatsächlich den 238 Kilometer langen Rundkurs vom österreichischen Sölden aus in Angriff nehmen zu können. Maximal 4000 Starter werden zugelassen. Weil aber in der Regel über 10 000 Bewerbungen eingehen, entscheidet das Los. Dreimal hatte Thomas Wyhlidal Pech – danach Gewissheit. Wer sich dreimal vergeblich beworben hat, bekommt automatisch einen Startplatz.

Jetzt hat es Thomas Wyhlidal geschafft – und ist es auch. Beim Erinnerungsfoto vor der Ergebnistafel fällt es ihm schwer, sich auf den Beinen zu halten und ein Lächeln in die Kamera zu zaubern. Unter zehn Stunden wollte er bleiben. Das hat nicht geklappt. Die Uhr stoppt bei 11:42,53 Stunden. Sieger Roberto Cunico aus Italien benötigt 7:05,12 Stunden. Ex-Profi Jan Ullrich braucht rund eine halbe Stunde länger und landet auf Rang 33. Beim letzten Anstieg rauf aufs Timmelsjoch büßt er einige Plätze ein.

Die letzten sechs Kilometer bis zum Gipfel zu Fuß

Nicht anders ergeht es dem 32-jährigen Leonberger. Der linke Oberschenkel macht zu. Nach 22 Kilometern muss er vom Rad und schieben. Sechs lange Kilometer, bis er den 2509 Meter hohen Gipfel erreicht. „Das ist schon frustrierend. Weil ich noch relativ weit vorne war, bin ich da der einzige gewesen, der vom Rad musste“, sagt Wyhlidal. Zu allem Übel fängt es auch noch just zu diesem Zeitpunkt heftig zu regnen an. Oben angekommen, geht es bei zehn Grad hinunter Richtung Ausgangspunkt Sölden. Die schnellsten kommen bei den Abfahrten auf über 100 Stundenkilometer. „Ab dreistellig mache ich nicht mit“, sagt Wyhlidal und verlässt sich auf seine Bremsen. Einen Tacho hat er nicht am Rad. Von den anderen Teilnehmern weiß er aber, dass auch er mit rund 90 Sachen unterwegs ist. Die Fingerkuppen sind selbst einen Tag nach dem Rennen noch ein bisschen taub.

Den größten Bammel hat Wyhlidal davor, die Richtzeiten auf der für den Autoverkehr gesperrten Strecke nicht zu schaffen. Während die Spitzenfahrer eine Viertelstunde früher starten, ist er um 6.45 Uhr dran. In der letzten Gruppe angetreten, passiert er die Startlinie um 6:57 Uhr. Fast 4000 machen sich auf den beschwerlichen Weg. Als es nach Kühtai mit bis zu 18 Prozent Steigung gut läuft, ist der ehemalige Polizeibeamte, der derzeit eine Ausbildung im Logistikbereich macht, beruhigt. Der Besenwagen ist keine Gefahr. Mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 20,316 Stundenkilometern kommt er ins Ziel. Das macht am Ende in der Gesamtwertung Rang 2717. Wenn es überhaupt so etwas wie Enttäuschung wegen des Verfehlens des selbst gesteckten Zieles gab, dann ist die schnell verflogen. Hauptsache angekommen, lautet die Devise.

Bergtraining auf Gerlingens Füller- und Panoramastraße

Geholfen hat besonders, dass Wyhlidal, dessen sportliche Wurzeln im Tischtennis liegen, die Strecke zusammen mit seinem Bruder Nikolaus zwei Tage vor dem Rennen mit dem Auto abgefahren hat. Rund fünf Stunden haben die beiden gebraucht – inklusive Mittagessen. Und dann waren da auch noch die rund 4500 Trainingskilometer in diesem Jahr. Bevorzugt ging es ins Würmtal nach Weil der Stadt über Calw und Hirsau wieder zurück. Um die 130, 140 Kilometer kommen da schnell zusammen. Und um die Steigungen zu simulieren, war Gerlingen ein bevorzugtes Ziel. Vier- bis achtmal die Füller- und Panoramastraße mit bis zu 16 Prozent Steigung herauf haben erahnen lassen, was ihn in den Alpen erwartet. Ohne es beschönigen zu wollen, sagt Thomas Wyhlidal ohne Umschweife: „Es ist schon eine Quälerei. Und das muss man auch wollen.“

Der Leonberger, der 2003 so richtig mit dem Radfahren begonnen hat, als er einem Schulfreund ein Rennrad abkaufte, will es noch einmal. „Ich werde mich auf alle Fälle nochmal anmelden und dann hoffentlich unter zehn Stunden bleiben.“

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