Für 52 Strecken sieht das Verkehrsministerium Baden-Württemberg laut einer Machbarkeitsstudie hohes Potenzial für einen Radschnellweg. Bald schon könnte also vielerorts im Land... Foto: Shutterstock/Alex Sipetyy

Damit Radler in Baden-Württemberg zügig vorankommen und der Autoverkehr auf Autobahnen und Bundesstraßen entlastet wird, will das Land Radschnellwege bauen. Für drei Projekte gab es bereits Förderzusagen vom Bund.

Sicher mit dem Fahrrad zur Arbeit, in die weiter vom Wohnort entfernte Schule und Uni oder zur Oma in einer der Nachbargemeinden – mit den geplanten Radschnellwegen – einer zwischen Stuttgart-Vaihingen und Böblingen/Sindelfingen ist bereits in Betrieb – ist dies keine ferne Zukunftsvision mehr.

Gudrun Zühlke, Landesvorsitzende des ADFC Baden-Württemberg und Axel Dürr, Pressesprecher des Verkehrsministeriums Baden-Württemberg, haben unsere Fragen dazu beantwortet.

Für die Radschnellwege Heidelberg-Mannheim, im Rems-Murr-Kreis sowie Heilbronn-Neckarsulm/Bad Wimpfen gab es Zuschüsse vom Bund. Welche weiteren Radschnellwege halten Sie zukünftig in Baden-Württemberg für nötig und machbar?

Gudrun Zühlke: Für Baden-Württemberg gibt es eine ausführliche Potenzialanalyse für Radschnellverbindungen. Alle Verbindungen, die dort mit einem hohen Potenzial bewertet wurden (52, Anm. d. Red.) halten wir für nötig und machbar. Wir sind uns sicher, dass durch steigende Radverkehrsanteile künftig mehr Strecken die entsprechenden Potenziale erreichen.

Axel Dürr: Das Pionierprojekt Radschnellweg im Landkreis Böblingen ist auf einem rund sieben Kilometer langen Abschnitt zwischen Böblingen/Sindelfingen und Stuttgart bereits fertiggestellt. Die Fortführung in Richtung Ehningen befindet sich derzeit im Bau.

Das Land wird zeitnah zusätzlich zu den drei Pilotprojekten die Planung für sechs weitere Strecken in den Räumen Freiburg, Karlsruhe und Tübingen aufnehmen. Eine positive Förderzusage des Bundes liegt außerdem für die Planung des kommunalen Projekts Radschnellweg Fellbach-Schorndorf des Rems-Murr-Kreises vor.

Ganz direkt gefragt: was bringen die Radschnellwege?

Gudrun Zühlke: Radschnellverbindungen führen dazu, dass die Radfahrenden schneller unterwegs sind als bisher, weil bei deren Bau nicht nur auf eine direkte Führung Wert gelegt wird, sondern auch darauf, dass das Anhalten so weit wie möglich vermieden wird. Etwa dadurch, dass große Straßen kreuzungsfrei gequert werden oder die Radfahrenden gegenüber kleinen Sträßchen Vorrang bekommen. Das spart eine Menge Energie und trägt vor allem bei Konditionsschwächeren sehr zur Freude am Fahren bei.

Zusätzlich ermöglichen die breiten Wege ein problemloses Überholen auch wenn Lastenräder oder Anhänger unterwegs sind.

Axel Dürr: Die Radschnellwege haben zudem insbesondere im Hinblick auf die steigende Nutzung von E-Bikes und Pedelecs großes Potenzial, um Hauptverkehrsachsen auf Straße und Schiene zu entlasten, Staus zu vermeiden und zur Luftreinhaltung beizutragen.

Der fertiggestellte Radschnellweg-Abschnitt im Landkreis Böblingen zeigt, dass sich das Radverkehrsaufkommen aufgrund der attraktiven Infrastruktur signifikant erhöht. Vor dem Ausbau des Radschnellwegs wurden bei einer Stichprobe zirka 700 Radfahrende gezählt. Die nun eingerichtete Dauerzählstelle ermittelt im Schnitt pro Tag rund 1200 Radfahrende.

Herr Dürr erwähnte E-Bikes und Pedelecs - wer genau darf die Radschnellwege nutzen?

Gudrun Zühlke: Das kann nicht so pauschal beantwortet werden. In Baden-Württemberg wird deswegen auch nicht von Radschnellwegen sondern von Radschnellverbindungen gesprochen. Das können verkehrsrechtlich dann Radwege im engeren Sinn sein (blaues Schild mit weißem Rad, Anm. d.Red.), Fahrradstraßen (auch mit Anlieger frei oder KfZ frei, Anm. d. Red.), landwirtschaftliche Wege oder Busspuren fahrradfrei sein.

Je nach Anordnung sind unterschiedliche Nutzungen zugelassen. Aber durchgängig gilt: jeder Nutzer eines Fahrrades darf die Radschnellverbindung nutzen. Pedelecs bis 25 Kilometer pro Stunde gelten als Fahrrad und sind daher auch erlaubt. Sogenannte S-Pedelecs, die bis zu 45 Kilometer pro Stunde erreichen, können abschnittsweise zugelassen werden, müssen aber separat ausgewiesen werden.

Wie kostenintensiv und zeitaufwändig ist ein solcher Bau?

Gudrun Zühlke: Ganz allgemein kann davon ausgegangen werden, dass der Bau eines Radweges immer deutlich preiswerter ist, als der Bau einer Autobahn. Wenn auf einer mehrspurígen Straße eine Fahrspur zum Radschnellweg wird, dann ist nur die Trennung der Verkehrsarten zu bauen. Abschnittweise können auch landwirtschaftliche Wege mir geringen Umbaukosten genutzt werden oder Wohnstraßen, die zu Fahrradstraßen werden.

Axel Dürr: Grundsätzlich kann von mindestens zirka einer Million Euro je Kilometer Radschnellweg ausgegangen werden. Sind aufwändige Brückenbauwerke nötig, können die Kosten davon auch deutlich abweichen.

Wie einschneidend ist der Bau von Radschnellwegen für die Natur?

Gudrun Zühlke: Natur und Umwelt profitieren davon, wenn wir den Autoverkehr mit all seinen schädlichen Folgen reduzieren können.

Wie steht der ADFC zu Radschnellwegen?

Gudrun Zühlke: Der ADFC fordert seit vielen Jahren ein Netz aus sicheren und komfortablen Wegen für die Radfahrenden, damit nicht nur die mutigen sondern alle Menschen ihre Wege mit dem Rad zurücklegen können. Radschnellwege sind ein wichtiges Element in einem solchen Netz, nämlich auf den Abschnitten wo eine hohe Auslastung besteht oder zu erwarten ist.

INFO: Die Projektstände der drei Pilotprojekte sind sehr unterschiedlich. Das RP Karlsruhe hat die Planung der Strecke Heidelberg-Mannheim bereits im letzten Jahr begonnen. Nun wird geprüft, ob Teilabschnitte bereits frühzeitig realisiert werden können. Läuft alles nach Plan, kann voraussichtlich 2022 in ersten Abschnitten mit dem Bau der Radschnellverbindung begonnen werden.

Der Radschnellweg Heilbronn-Neckarsulm-Bad Wimpfen ist in zwei Abschnitte unterteilt, die unabhängig voneinander geplant werden. Für den nördlichen Teilabschnitt ist der Baubeginn bereits Ende 2021 vorgesehen, der südliche Teilabschnitt folgt dann im Jahr 2022.

Für das dritte Pilotprojekt (Stuttgart-) Esslingen-Plochingen sollen die Planungen nach einer Förderzusage des Bundes beginnen. Der Förderantrag soll zeitnah gestellt werden.

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