So richtig vorwärts ging es mit der schnellen Verbindung für Radfahrer im vergangenen Jahr nicht. Und auch 2026 wird beim Bau des RS4 wohl recht wenig passieren.
Stuttgart 21 (S21) und der Radschnellweg 4 (RS4) haben eine Gemeinsamkeit: Beide Projekte wird Winfried Hermann in seiner ihm noch verbleibenden Zeit als Landesverkehrsminister nicht mehr einweihen. Bei der Bahnhofstieferlegung stört ihn die Hängepartie von Amts wegen. Aus individueller Sicht dürfte ihm diese indes keine Schmerzen bereiten. Gemocht hat Hermann S21 noch nie.
Beim Radschnellweg 4 durchs Neckartal, der von der Esslinger Kreisgrenze bis nach Stuttgart führen soll, ist das anders. Der Minister ist ein Fan der Radautobahnen – und deshalb ärgert es ihn nicht nur als Politiker, sondern auch persönlich, dass es mit diesen im Allgemeinen und mit dem RS4 im Besonderen nicht so recht vorangeht.
2017 wurde der Radschnellweg Neckartal von seinem Ministerium zu einer von drei Pilotstrecken im Land erklärt. Im Herbst 2018 stellte das Planungsbüro Radverkehr-Konzept, nach mehreren Runden mit den betroffenen Kommunen und dem Landratsamt, eine Trassenvariante „für die finale Bewertung“ vor. Ende Februar 2019 wurde eine Machbarkeitsstudie des Landkreises Esslingen veröffentlicht. Im September 2021 erfolgte die Freigabe des 1,3 Kilometer langen Demonstrationsteilstücks zwischen Reichenbach und Ebersbach.
Gespräche, Diskussionen, Debatten
Es folgten Gespräche, Planungen, Diskussionen, Umplanungen, Debatten und neuerliche Umplanungen, ehe das Stuttgarter Regierungspräsidium (RP) im März 2023 eine Vorzugsvariante vorstellte. Diese wiederum stieß nicht überall auf Zustimmung, weshalb weitere Gespräche, Diskussionen und Debatten folgten. Daran hat sich bis heute nicht viel geändert.
Aktueller Stand der Dinge ist, dass zurzeit für rund 2,1 Millionen Euro ein weiteres, 1,4 Kilometer langes Teilstück des RS 4 – vom Ende der „Demo-Strecke“ bis zum Reichenbacher Bahnhof – gebaut wird. Dieses soll dem RP zufolge Ende April freigegeben werden. Zudem, so lässt die Behörde wissen, beginnt in diesem Jahr die Genehmigungsplanung für den direkt anschließenden Abschnitt bis Plochingen.
Schon seit längerem nicht mehr „öffentlich“
Wie es danach weitergeht, bleibt im Vagen: „Grundsätzlich sind wir zum RS 4 mit allen beteiligten Kommunen im regelmäßigen, konstruktiven Austausch. Im Bereich Plochingen werden derzeit verschiedene Varianten geprüft. Nach Festlegung einer Vorzugstrasse für diesen Bereich kann voraussichtlich bis Mitte 2026 mit der Entwurfsplanung begonnen werden“, teilt das RP mit.
Im Juni 2025 stand man im Plochinger Gemeinderat schon an ähnlicher Stelle, als der Auftrag für ein Brückenbauwerk hätte erteilt werden sollen. Das geschah aber nicht, sodass vom Gremium als Ziel ausgegeben wurde, „bis Ende Oktober in Absprache mit dem RP ein Trassenergebnis vorzuweisen“. Es hat dazu, so heißt es , auch Gespräche – unter anderem mit der Stadt Wernau sowie dem RP – gegeben und eine Information an den Gemeinderat hinter verschlossenen Türen. Öffentlich wurde das Thema seither aber nicht behandelt.
Ganz ähnlich ist die Situation im Bereich Esslingen: „Die weitere Planung ist vom Streckenverlauf in der Esslinger Ortsdurchfahrt abhängig. Die Stadt stellt aktuell gemeinsam mit dem Regierungspräsidium Überlegungen für die genaue Führung der Trasse an, wovon schlussendlich auch die Baulastträgerschaft abhängig ist“, schreibt das Regierungspräsidium.
Unruhe in der Rad-Community
Miran Rebec, der sich selbst als „unabhängiger, kritischer Bürger und Alltagsradfahrer“ bezeichnet, beschäftigt sich schon seit langem mit dem RS4, fragt dazu auch immer wieder beim RP sowie bei Anliegerkommunen nach – und ist schon seit geraumer Zeit skeptisch: „In der Rad-Community macht sich Unruhe breit, denn niemand weiß, wer nach der Landtagswahl im Verkehrsministerium sitzen wird. Gerade was den Radverkehr angeht, kamen von der CDU bereits Signale, dass es Kürzungen geben könnte.“
Überdies befürchtet Rebec, angesichts leerer Kassen, dass sich der Bau des RS4 endlos verzögern könnte. Konkrete Antworten auf Nachfragen bei der Stadt Stuttgart habe er nicht bekommen. „In einem Hintergrundgespräch, das ich geführt habe, hieß es jedoch, dass man mittlerweile davon ausgehe, dass eine Fertigstellung im besten Fall 2032 erfolgen wird.“ Ähnlich sieht er die Lage im Bereich Esslingen, „obwohl sich OB Klopfer ja immer als Radverkehr-Macher geriert“.
Vieles bleibt im Allgemeinen
Von der Hand zu weisen sind die Schlussfolgerungen und Vermutungen des Radaktivisten indes nicht, denn so wie seitens des RP von „konstruktiven Gesprächen“, „gemeinsamen Überlegungen“ und „vorhandener Planungssicherheit“ gesprochen wird, hält sich auch das Esslinger Landratsamt auf Nachfrage mehr als allgemein. Weder am RP, bei dem es nicht so recht vorangeht, noch an den Kommunen, die immer wieder Extrarunden drehen, gibt es Kritik.
Stattdessen freut man sich im Kreishaus darüber, „dass zwischen Reichenbach und Ebersbach eine Verbindung entstanden ist, auf der Radfahrer praktisch erfahren, wie schnell und komfortabel Radwege im Alltag genutzt werden können“. Reichenbachs Bürgermeister Bernhard Richter hingegen ist eher bei Miran Rebec: Bei einer Besichtigung der RS4-Baustelle im Dezember wünschte er sich, „dass Plochingen und Esslingen in die Puschen kommen“.
Der RS 14 – Verlängerung ins Filstal
Ebersbach
Obwohl mit den Planungen für den RS14, der eine Verlängerung des Radschnellwegs Neckartal (RS4) ins Filstal – im besten Fall bis Geislingen an der Steige – vorsieht, später begonnen wurde als mit denen für den RS4, sind dort schon Teilabschnitte eingeweiht worden. So hat das sogenannte Demo-Teilstück zwischen Reichenbach und Ebersbach in Richtung Osten im Juni 2025 eine Verlängerung von 800 Metern mitsamt Filsquerung erhalten. Kostenpunkt: 3,9 Millionen Euro.
Eislingen/Süßen
Eröffnet wurde im August 2025 zudem die gut drei Kilometer lange Strecke zwischen Eislingen und Süßen. Diese verläuft auf der alten B-10-Trasse, die etliche Jahre nach dem Bau der neuen B 10 zurückgebaut wurde. Das gesamte Projekt – drei Kreisverkehre, acht barrierefreie Bushaltestellen, zwei Brückensanierungen, Abbruch einer Unterführung, Bau des RS14 – kostete 8,8 Millionen Euro.
Ausblick
Bereits nach Abschluss einer Machbarkeitsstudie haben sich Geislingen, Kuchen und Gingen gegen weitere RS14-Planungen auf ihren Gemarkungen entschieden. Die „Vorzugstrasse“ von Ebersbach bis Süßen fiel im Uhinger Gemeinderat durch, sodass dort – Stand heute – eine RS14-Lücke bliebe.