Petra Schulz, Vorsitzende des VCD-Kreisverbands Esslingen, hält die Strecke am Nordufer des Neckars für die beste Option für den Radschnellweg. Foto: Roberto Bulgrin

Das Land und die Stadt Esslingen empfehlen inzwischen eine Trasse südlich des Neckars durch die Pliensauvorstadt für den Radschnellweg zwischen Alicensteg und Stuttgart. Die örtlichen Mobilitätsverbände halten sie aber nur für die zweitbeste Lösung.

Was in der Pliensauvorstadt Aufruhr verursacht, trifft bei den Esslinger Mobilitätsverbänden durchaus auf Zustimmung: Sie können sich eine Radroute durch den Stadtteil südlich des Neckars gut vorstellen. Allerdings vor allem als Ergänzung zu anderen Trassen. Klar ist für die Radler nämlich nach wie vor, dass die Strecke am Neckarnordufer am besten geeignet ist für den Abschnitt des Radschnellwegs zwischen Alicensteg und Stuttgart. Die Südroute sei lediglich die zweitbeste Lösung.

 

Bis vor Kurzem wurde die Strecke nördlich des Neckars als beste Option für den Radschnellweg im Bereich zwischen Alicensteg und Stuttgart gehandelt. Doch kurz vor Weihnachten wurde bekannt, dass eine Arbeitsgruppe aus Vertretern des Regierungspräsidiums Stuttgart und der Stadt Esslingen nach einem erneuten Variantenvergleich nun für diesen Abschnitt eine Route südlich des Neckars und durch die Pliensauvorstadt empfiehlt. In dem Stadtteil ruft das einigen Aufruhr hervor. Die örtlichen Mobilitätsverbände hingegen sehen durchaus Chancen in der Südtrasse – allerdings vor allem als Ergänzung zu einem Radschnellweg am Neckarnordufer.

Nordroute hat laut Radverbänden mehr Nutzerpotenzial

So betont Petra Schulz, Vorsitzende des Esslinger Kreisverbands des Verkehrsclubs Deutschland (VCD), dass ein Radschnellweg nördlich des Neckars laut allen Potenzialanalysen erheblich mehr Menschen aufs Rad locken würde als eine Südroute. Und genau das sei enorm wichtig. Denn neben der Trennung von Fuß- und Radverkehr sowie einem hohen Maß an Sicherheit, Attraktivität und Erreichbarkeit der Trasse sei das entscheidende Kriterium für den Radschnellweg zwischen Alicensteg und Stuttgart eine breite Akzeptanz. „Wichtig ist aus unserer Sicht, so viel Nutzerpotenzial wie möglich zu heben“, betont Petra Schulz – und zwar im gesamten Neckartal. Deshalb brauche man nicht nur einen Ausbau der Route am Neckarnordufer, sondern auch der Innenstadtroute und der Südroute.

Doch Schulz sagt auch: „Wenn ein Radschnellweg Nord in absehbarer Zeit nicht möglich ist, sehen wir den Radschnellweg durch die Pliensauvorstadt als zweitbeste Lösung.“ Würde man die Trasse etwa durch die Stuttgarter Straße führen, so böten sich dort erhebliche Chancen für eine stadtteilverträglichere Umgestaltung, glaubt man beim VCD. Durch eine autofreie Radschnellweg-Fahrradstraße etwa könnte das Stadtteilzentrum sehr gewinnen, glaubt Schulz. Auch für den Schüler-Radverkehr sei eine sichere Radverbindung zwischen den Stadtteilen Weil und Pliensauvorstadt wünschenswert. Allerdings würde ein Radschnellweg südlich des Neckars wohl schlechter genutzt, weil der Großteil der Esslinger Bevölkerung auf der Nordseite wohne und der Radweg von dort aus nur über zeitraubende und unsichere Umwege erreichbar sei. Zudem befürchte man, dass bei einem Radschnellweg südlich des Neckars die Konflikte zwischen Radlern und Fußgängern auf der Nordseite – etwa auf dem Bahnhofsvorplatz, auf dem Neckartalradweg am Freibad oder im künftigen Neckaruferpark – ungelöst bleiben würden.

Thomas Albrecht vom Vorstand des Esslinger Kreisverbandes des ADFC (Allgemeiner Deutscher Fahrrad-Club) betont: „Wir sind interessiert daran, dass es einen Radschnellweg gibt – unabhängig davon, wo er entlangführt.“ Die Trasse durch die Pliensauvorstadt halte er im Grunde für keine schlechte Idee, allerdings gebe es auf der Nordseite einfach mehr Potenzial für den Radverkehr. „Eigentlich müsste es beide Trassen geben“, findet Albrecht. Ganz wichtig seien zudem die Radverbindungen zwischen Nord und Süd, damit die Radler überhaupt zum Radschnellweg gelangen könnten. Im Übrigen sei dieser, anders als vielfach angenommen, eben nicht nur für Raser gedacht, sondern für alle Radfahrerinnen und Radfahrer – auch für solche, die gemütlich oder von einem Stadtteil zum anderen unterwegs sind. Entscheidend sei, dass es sich um eine Vorrangtrasse handele, auf der Radler sicher und ohne Unterbrechungen fahren könnten.

Flächen könnten anders genutzt werden

Insofern halte er eine Route durch die Pliensauvorstadt gar nicht für abwegig, gerade weil sie auch an Schulen vorbeiführe und diese somit sicher mit dem Rad erreichbar würden. Gleichwohl sei klar, dass der Platz im Neckartal begrenzt sei, so Albrecht. Für ihm stelle sich daher die Frage, ob das Land nicht stellenweise von seinen Standards abweichen und den Radschnellweg etwas schmaler als die vorgesehenen vier Meter breit bauen könnte – oder ob für den Autoverkehr reservierte Flächen nicht anders genutzt werden könnten.

Für Schulz und Albrecht ist nun wichtig, dass Zug in die Sache kommt – und eine Bürgerbeteiligung angestoßen wird. Das sei zuletzt versäumt worden. Die Esslinger Stadtverwaltung will sich erst in etwa zwei Wochen dazu äußern, wie sie bei dem Thema weiter vorgehen will.

Langes Ringen um das Leuchtturmprojekt

Route
 Schon lange wird über die Streckenführung des Radschnellwegs durch Esslingen diskutiert. Im Dezember 2021 hatte der Esslinger Mobilitätsausschuss grünes Licht für eine Trasse südlich des Neckars gegeben – allerdings nur für den Abschnitt zwischen Deizisau und dem Alicensteg. Auf Betreiben von Esslinger Stadträten wurde anschließend noch einmal ein Vergleich von Süd- und Nordvariante für den Abschnitt zwischen Alicensteg und Stuttgarter Gemarkung vorgenommen. Auf Grundlage dieser Untersuchung empfehlen das Land und die Stadt Esslingen nun für den Abschnitt die Südroute durch die Pliensauvorstadt.

Radschnellweg
 Der Radschnellweg RS 4 soll künftig von Reichenbach über Plochingen und Esslingen nach Stuttgart führen. Er ist eines von drei Leuchtturmprojekten des Landes für den Radverkehr.