Radroute in Stuttgart Mit dem Fahrrad einmal quer durch die Stadt

Von Jürgen Löhle 

Geht es nach Oberbürgermeister Kuhn, sollen die Stuttgarter mehr Radfahren. Dafür braucht es gute Strecken. Ob die Hauptradroute 1 dazuzählt, haben wir getestet und sind die Strecke von Vaihingen nach Cannstatt abgefahren.

Stuttgart - Das politische Ziel von OB Fritz Kuhn (Grüne) ist klar definiert: Radfahrer sollen langfristig in Stuttgart 20 Prozent des Verkehrs stemmen. 2009 waren es sechs Prozent, eine aktuellere Zahl gibt es nicht, aber die dürfte höher sein. Und die Tendenz ist steigend, wie man zum Beispiel an der Zählstelle vor dem Mineralbad Leuze sehen kann. Dort wurden bis zum 10. August 596 733 Radfahrten gezählt, etwa 47 000 mehr als im gleichen Zeitraum des Vorjahrs. Und damit es noch mehr werden, plant die Stadt den Aufbau von insgesamt 36 Hauptradrouten. Eine davon ist schon fertig und so etwas wie das Leuchtturmprojekt: der rund 16 Kilometer lange Tallängsweg von Vahingen nach Bad Cannstatt. Auf der West-Ost-Verbindung soll das Radeln nach dem Willen der Verkehrsplaner „direkt, sicher, angenehm, möglichst schnell und einfach“ sein.

Soweit die Theorie – und vorneweg zur Praxis. Auf vielen Abschnitten der Route – wie zum Beispiel zwischen dem Vaihinger Schillerplatz und Heslach, in der Burgstallstraße, in der Möhringer und Tübinger Straße, bei Ortskenntnis im Schlossgarten und vom Cannstatter Wilhelmsplatz bis zur Theodor-Heuss-Kaserne – funktioniert das auch ganz gut. Daneben gibt es aber neuralgische Punkte, die im Widerspruch vor allem zu den Zielen „einfach und schnell“ stehen und manchmal auch alles andere als sicher sind. Das liegt vor allem an einem: Der Tallängsweg nennt sich zwar Hauptroute 1, ist aber kein durchgängiger Radweg. Die Velofahrer müssen sich die Strecke an vielen Stellen mit Fußgängern und auch mit Autos teilen, was eigentlich nicht der Anspruch einer Hauptradroute sein kann. Wir haben den Weg im Sattel abgefahren und nach diversen Punkten geschaut:

Logik der Verkehrsführung

Los geht es am Vaihinger Bahnhof. Wir biegen von der Vollmoellerstraße rechts in die Robert-Koch-Straße. Es gibt einen separaten Radstreifen am Rand der Straße, alles gut. Der wird sogar Richtung Hauptstraße plötzlich rot hervorgehoben, aber exakt da biegt die Route rechts ab in die Emilien­straße. Das erkennt aber nur, wer das sehr hoch montierte Schild bemerkt hat. Unserer Beobachtung nach fahren 95 Prozent aller Radler geradeaus und dann an der Kreuzung bei der Schwabengalerie nach rechts Richtung Schillerplatz – wobei da kein Radweg ist. Der verläuft eben durch die Emilienstraße, und wer die offizielle Route tatsächlich nimmt, braucht Ortskenntnis, um zum Schillerplatz zu kommen. Von dort läuft es dann mustergültig bis hinunter nach Heslach. Eigener Radstreifen, klare Verkehrsführung, Sattelglück pur. Bis der Radweg auf Höhe der Straßenbahnhaltestelle Vogelrain rechts abknickt um nach wenigen Metern in einen gemischten Rad- und Fußweg zu münden. Die Stelle kommt abrupt und ist kaum einsehbar. Zudem ist der Fußweg von rechts eine beliebte Hundestrecke. Ein unfallträchtiges Eck. Danach geht es im gemischten Verkehr bis zur Burgstallstraße weiter.

Kleiner Exkurs: Auf allen Wegen, auf sogenannten gemischten Rad- und Fußwegen, hat der Fußgänger grundsätzlich das Vorrecht. Auf reinen Gehwegen, die für Radfahrer frei sind, gilt für Velos Schrittgeschwindigkeit. Exkurs Ende.

Solche Nadelöhre gibt es auch auf der Hauptroute 1. Das hinderlichste ist kurz vor dem Marienplatz, wo die Route von der Möhringer Straße über einen Gehweg führt – und vorbei an einer Parkhauseinfahrt sowie an einem Supermarkt. Da ist zu jeder Zeit reger Betrieb und selbst Schrittgeschwindigkeit ist an dieser Stelle nur bedingt möglich.

Weitere verwirrende Passagen: Der Radweg am Landtag vorbei endet vor dem Operhaus im schilder- und spurlosen Nirwana und zu Zeiten des Sommerfestes an einer Theke. Im Unteren Schlossgarten weisen auf Höhe der Haltestelle Mineralbäder die Schilder mit der Zahl 1 nach links und rechts, wobei nur der rechte Pfad durchgängig weiterbeschildert ist. Negativer Höhepunkt ist die Unterführung vor dem Cannstatter Wilhelmsplatz. Schmal, dunkel, dazu Fußgänger rechts und Autos links. In der Gegenrichtung führt die Route ohne Unterführung über den Bahnhof. Und es gibt noch andere Bremsklötze.

Ampelschaltungen

„Möglichst schnell“ soll die Radroute sein. Da sind allerdings einige Ampelschaltungen dagegen. Grundsätzlich wäre ein ampelfreier Radweg am besten, aber das ist nicht realistisch. Wünschenswert wäre aber, manche Ampeln besser zu takten. Die größten Bremsen auf der Route: ganz vorne die Ampeln am Tagblattturm. Standzeiten bis zu knapp drei Minuten, dann zehn Sekunden Grün. Der Takt ist zudem nicht nachvollziehbar, weil oft die ganze Kreuzung steht. Die Ampel soll laut Auskunft des städtischen Radbeauftragten Claus Köhnlein aber bald Geschichte sein. Nervig auch die Überquerung der B 27 am Charlottenplatz. Drei nicht aufeinander abgestimmte Ampeln kosten Zeit und Nerven, 100 Meter weiter Richtung Schlossplatz kommt man auf einmal durch. Zäh ist auch die Querung der Mercedesstraße nach der König-Karls-Brücke. Rot bis zum Abwinken, auch wenn alles steht. In Richtung Vaihingen stört in Kaltental die Ampel an der Haltestelle Waldeck. Selbst besonnene Radler witschen durch die Haltestelle, um nicht bei Dauerrot festzuwachsen.

Fazit nach

Der Tallängsweg ist ein guter Schritt auf dem Weg zu mehr Radverkehr in der Stadt. Es sollte aber das Ziel sein, Burgstallstraße und Möhringer Straße zu Fahrradstraßen zu erheben und die Ampeltaktungen zu überdenken. Und am Ende müssen Hauptrouten komplett vom Fußgängerbereich getrennt werden, sonst wird mehr Radverkehr am Ende gefährlich.

Radverkehr in Stuttgart

Sollzustand 180 Kilometer Radwege gibt es derzeit in der Stadt. Noch vor 20 Jahren war es weniger als die Hälfte. Die Zahl der Radfahrten in der Stadt nimmt dabei kontinuierlich zu, wie an den zwei Zählstellen an der Hauptradroute 1 abzulesen ist. 2014 passierten 738 880 Radfahrer die Zählsäule vor dem Leuze. Im Jahr 2017 waren es schon 828 373 Velofahrer. In diesem Jahr dürfte die 900 000er-Marke fallen. Stolz ist man bei der Stadt auf die Zahl von etwa 700 Leihrädern, die im Stadtgebiet zur Verfügung stehen. Darunter sind 100 Pedelecs, die bei Stuttgarts Topografie natürlich Vorteile haben. Wer einen radkompatiblen Weg durch Stuttgart sucht, kann auf der Internetseite der Stadt einen Radroutenplaner nutzen.

Planung Der Anteil des Radverkehrs liegt im Moment bei etwa sechs Prozent. Als nächste Zielmarke sind zwölf Prozent angepeilt, langfristig sollen es 20 Prozent werden. Damit die auch Platz haben, plant die Stadt vor allem sogenannte Hauptradrouten, die alle Stadtteile miteinander verknüpfen und möglichst einfach, sicher und schnell durch die Stadt führen sollen. Bisher ist nur die etwa 16 Kilometer lange Hauptradroute 1 zwischen Vaihingen und Bad Cannstatt komplett fertig. Am Ende sollen es 36 Hauptradrouten mit einer Gesamtlänge von 240 Kilometern werden.

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