Der Belgier Jasper Stuyven triumphiert beim ersten großen Rennen des Radsportjahres. Foto: dpa/Gian Mattia D'alberto

Der Belgier Jasper Stuyven gewinnt überraschend den Klassiker Mailand–Sanremo, und auch hinter den Kulissen geht es rund: Der Streit zwischen zwei mächtigen Teamchefs bewegt die Szene.

Stuttgart - Der Radsport, keine Frage, ist immer gut für eine negative Schlagzeile. Und bleibt doch, nicht nur für die bedingungslosen Anhänger, eine faszinierende Sache – nicht zuletzt, weil er so unberechenbar ist. Dies zeigte sich auch am Samstag beim Klassiker Mailand–Sanremo. Auf der Straße. Und hinter den Kulissen.

Am Ende der 299 Kilometer triumphierten nicht die großen Favoriten Wout van Aert (3.), Mathieu van der Poel (5.) oder Julian Alaphilippe (16.), sondern ganz vorne lag ein Außenseiter. Einer, den niemand auf der Rechnung hatte. Und einer, der im entscheidenden Moment das richtige Näschen bewies. „Das war mehr Instinkt als Strategie“, sagte Jasper Stuyven (28) nach dem größten Coup seiner Karriere, „es ist unglaublich.“

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Der Belgier war nach dem finalen Anstieg hinauf zum Poggio Teil der Spitzengruppe, und er ließ sich auch auf der Abfahrt nach Sanremo nicht abschütteln. Als er sich seine 16 Konkurrenten näher anschaute, erkannte er, wie gering seine Chancen waren – es befanden sich zu viele starke Sprinter um ihn herum. Also attackierte Stuyven drei Kilometer vor dem Ende und rettete sich mit letzter Kraft ins Ziel. „Ich bin ,all-in‘ gegangen“, sagte er, „und es ist perfekt gelaufen.“ Das konnten die Profis aus dem deutschen Team Bora-hansgrohe nicht von sich behaupten. Einigermaßen zufrieden waren sie trotzdem.

Peter Sagan ist enttäuscht

Peter Sagan (31) hat ziemlich viel gewonnen in seiner Laufbahn, unter anderem drei WM-Titel. Ein Erfolg bei der La Classicissima aber fehlt noch in seiner Sammlung. Zweimal war er in Sanremo Zweiter (2013, 2017), diesmal belegte der Bora-Star Rang vier und sagte: „Es war ein bittersüßes Rennen.“ Einerseits hätte der Slowake gerne gewonnen. Andererseits liegt seine Corona-Infektion gerade mal sieben Wochen zurück, die Folgen spürt er weiterhin. „Ich freue mich, dass meine Form langsam zurückkommt, auch wenn noch viel Arbeit vor mir liegt“, meinte Sagan, „zugleich bin ich enttäuscht, weil ich in Sanremo wieder mal eine Chance verpasst habe.“ Darüber ärgerte sich auch Maximilian Schachmann.

Der Gewinner des Etappenrennens Paris–Nizza hatte sich für den ersten großen Klassiker der Saison viel ausgerechnet, konterte am Poggio alle Attacken, war aber doch nicht stark genug, um in einer finalen Attacke auf eigene Rechnung zu fahren. Schachmann unterstützte im Sprint auf der Via Roma seinen Teamkollegen Sagan, belegte Rang 14. „Das Resultat spiegelt leider nicht wider, wie ich mich im Rennen gefühlt habe – die Form ist absolut so, wie sie sein sollte“, sagte Schachmann, „ich habe eine ganze Menge Erfahrung gewonnen, die mir helfen wird. Es war noch nicht mein Sanremo.“

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Den Tag am Mittelmeer hatte sich auch Ralph Denk anders vorgestellt. Über den Auftritt seiner Fahrer war der Bora-Teamchef „glücklich“, doch letztlich interessierte das nicht groß. Das Thema war sein Disput mit Patrick Lefevere. Der Boss des belgischen Rennstalls Deceunick-Quickstep, Nummer eins der Weltrangliste, hatte seinen Kollegen aus Niederbayern in einer Kolumne bei „Het Nieuwsblad“ als „König der Jagd“ bezeichnet und behauptet, Denk wolle Fahrer wie das Supertalent Remco Evenepoel abwerben, versende entsprechende Vertragsvorschläge und habe vor, zur Saison 2022 das gesamte Team Deceunick-Quickstep zu übernehmen. Das klang, obwohl Lefevere (66) Schwierigkeiten hat, Sponsoren für seine Equipe zu finden, nicht nur abenteuerlich, es entspricht auch nicht der Realität. Sagt zumindest Ralph Denk (47).

Ralph Denk kontert Patrick Lefevere

Er habe zwar im Januar in einem Hotel in Brüssel auf Einladung von Lefevere ein Gespräch gegeben, erklärte der Bora-Inhaber, abgelaufen sei alles aber ganz anders. „Ich habe den höflichen Weg gewählt. Wir haben 19 World-Tour-Teams, und jedes hat Interesse an Evenepoel. Lefevere hat ihn entdeckt, deshalb habe ich mit ihm über die Situation gesprochen“, sagte Denk. „Er hat mir angeboten, dass er verhandeln wird, wenn er kein Team mehr hat. Deshalb empfinde ich es schon fast als Schweinerei, dass er das jetzt so hinstellt. Ich bin es nicht gewohnt, dass man unter Kollegen so miteinander umgeht.“ Was nur bestätigt, wie unberechenbar der Radsport ist. Nicht nur in den Rennen.

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