Mathieu van der Poel (li.) und Wout van Aert liefern sich spektakuläre Rennen – wie hier bei der Cross-WM 2021 am Strand von Ostende. Foto: imago/Cerveny Michal, Bram Berkien, dpa/Marco Alpozzi

Das spektakuläre Duell zwischen dem Niederländer Mathieu van der Poel und dem Belgier Wout van Aert belebt nicht nur den Profiradsport, aktuell prägt es ihn sogar. Beim Klassiker Mailand–Sanremo planen die beiden Rivalen den nächsten Coup.

Stuttgart - Ob Matsch oder Sand, ob Asphalt oder Schotterpisten – egal! Der Niederländer Mathieu van der Poel (26) und der Belgier Wout van Aert (26) sind die vielseitigsten und derzeit spektakulärsten Radprofis. Sie begannen ihre Karriere im Cyclocross, nun erobern sie die Straße. Beim Klassiker Mailand–Sanremo am Samstag zählen die beiden zu den Topfavoriten. Das haben die letzten Rennen eindrucksvoll gezeigt.

Es war das Bild dieses Radsport-Frühjahrs: Ausgepumpt kauert Mathieu van der Poel an den Zielbarrieren der fünften Etappe des Tirreno Adriatico. Das Gesicht des Siegers ist blass, mühsam öffnet er die Trinkflasche. Dennoch stiehlt sich ein verschmitztes Lächeln über seine erschöpften Züge. Er hat gerade eine Tat vollbracht, die an den Radsport aus anderen Zeiten erinnert. 50 Kilometer vor dem Ziel in der Bergstadt Castelfidardo in Mittelitalien war er aus dem Hauptfeld herausgefahren: „Auf der Abfahrt befand ich mich plötzlich vorn. Mir war kalt, und ich war unzufrieden über die Zusammenarbeit in der Gruppe. Also habe ich einfach weitergetreten.“

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Der Niederländer baute seinen Vorsprung auf 20 Sekunden aus, dann auf eine und schließlich auf mehr als drei Minuten. Hinter ihm fuhren Weltmeister Julian Alaphilippe, Tour-Sieger Tadej Pogacar, dessen Vorgänger Egan Bernal und auch sein Dauerrivale Wout van Aert. Doch keiner konnte den Solisten aufhalten. Mit einem Parforceritt hatte van der Poel, der Enkel der französischen Radlegende Raymond Poulidor, zuvor bereits das Sandstraßenrennen Strade Bianche gewonnen, ähnlich triumphal war er Ende Januar zum vierten Mal Weltmeister im Cyclocross geworden, als er sich nach einem Sturz wieder an van Aert vorbeikämpfte, allerdings auch von einem Plattfuß seines Gegners profitierte. „Im zweiten Teil ist er so stark gefahren, dass ich keine Chance mehr hatte. Ich bin mental gebrochen“, konstatierte van Aert, immerhin selbst zweimaliger Cross-Weltmeister.

Die Konkurrenz ist frustriert

Das Dauerduell der beiden Stars im Gelände frustriert die Konkurrenz. „Als Mathieu und Wout auftauchten, ging es für uns ja nur noch um Platz drei – der wurde dann wie ein Sieg gefeiert. Da muss man seinen Sport schon sehr lieben, wenn man trotzdem weitermacht“, meinte Philipp Walsleben, immerhin sechsmaliger deutscher Meister im Cross. Der Teamkollege van der Poels beim Rennstall Alpecin-Fenix setzt nun mehr auf Straßenrennen. Nur um Platz drei im Gelände zu fahren ist eben nicht für jeden ein erstrebenswertes Vergnügen.

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Ob van der Poel bei seinem Husarenritt auf den Straßen Richtung Castelfidardo deshalb ein zusätzliches Spannungsmoment eingebaut hat? 20 Kilometer vor dem Ziel begann er plötzlich zu schwächeln, während sich aus dem Verfolgerfeld der spätere Tirreno-Gesamtsieger Pogacar löste. „Ich war alle, hatte keine Kraft mehr. Ich habe nicht mehr gehört, was aus dem Begleitauto an Anweisungen kam, mich nur noch auf die Pedaltritte konzentriert“, beschrieb van der Poel seine Leidensphase. Zehn Sekunden rettete er schließlich vor Pogacar ins Ziel.

Der Niederländer hatte eine enorme Willensleistung vollbracht, war zugleich voll ins Risiko gegangen, seinen Instinkten gefolgt. Genau diese Qualitäten zeichnen ihn aus – dabei macht er allerdings auch Fehler. Wie bei der Straßen-WM 2019, als er bei einer Attacke seine Kräfte überschätzte und durchgereicht wurde. Klar aber ist: Seine unkonventionelle Fahrweise belebt die Rennen.

In Sanremo werden wohl beide vorne mitmischen

Damit stellt van der Poel selbst van Aert zunehmend in den Schatten. Der Belgier räumte im letzten Jahr die Klassiker ab, gewann unter anderem Mailand–Sanremo. Er ist ein ähnlicher Fahrertyp, sehr explosiv und attackierfreudig – Eigenschaften, die im Cross herausgebildet werden. „Ich bin vielleicht ein wenig besser im Massensprint, wenn von einem hohen Tempo aus nochmals beschleunigt wird. Mathieu hat Vorteile, wenn es bergauf geht oder von einer tieferen Geschwindigkeit aus angetreten wird“, erklärt van Aert die wichtigsten Unterschiede.

Der Belgier entwickelt sich zudem immer mehr zu einem Klassementfahrer. Beim Tirreno wurde er Gesamtzweiter, gewann dabei einen Massensprint und das Abschlusszeitfahren. Wenn an diesem Samstag auf der Via Roma in Sanremo eine größere Gruppe um den Sieg spurtet, hat van Aert die besten Karten. Ist die Gruppe kleiner und das Tempo geringer, dürfte van der Poel schwer zu schlagen sein. Dass beide vorne mitmischen werden, ist sehr wahrscheinlich.

Was die Zukunft für die beiden Rivalen bringt? Wichtig wird für van der Poel und van Aert sein, ihr enormes Potenzial in den spezifischen Rennsituationen auszuschöpfen, sich also für den Moment zu spezialisieren, ohne dabei ihre größte Stärke – die enorme Vielseitigkeit – zu verlieren. Zugleich muss der Radsport hoffen, dass ihre phänomenalen Leistungen allein auf pures Talent und harte Arbeit zurückzuführen sind. Die Entwicklung des Duos ist zumindest nachvollziehbar, belastbare Hinweise auf Doping gibt es nicht. Dafür Bilder, die Radsport-Fans so schnell nicht vergessen werden.

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