Sorgt beim deutsche Bora-Team für Glamour und Erfolge: Peter Sagan. Foto: ANSA

Mit Neuzugang Peter Sagan hat sich das deutsche Bora-Team einen erfolgreichen Fahrer mit Glamour geholt. An diesem Samstag will der Slowake zum ersten Mal in seiner Karriere den Klassiker Mailand–Sanremo gewinnen.

Stuttgart - Peter, der Magier – so wird Peter Sagan in seiner Wahlheimat Italien gern genannt. Das letzte magische Kunststück vollbrachte der Slowake auch in Italien, jüngst bei Tirreno–Adriatico. Da ließ er an einem 15 Prozent steilen Anstieg Kletterkünstler wie Thibaut Pinot, Rigoberto Uran und selbst Nairo Quintana hinter sich. Sagan, der Kletterer-Bezwinger, ist aber auch ein Sprinter-Bezwinger.

Er hat sie schon alle mal hinter sich gelassen, Marcel Kittel und Mark Cavendish, André Greipel und John Degenkolb. Das Punkte-Trikot bei der Tour de France hat er ohnehin gepachtet. Außerdem ist er bei den Klassikern erfolgreich, zuletzt in Kuurne–Brüssel–Kuurne. Und was man fast vergisst: Zweimal hintereinander gewann er die WM. Er trägt das Trikot so lange schon, dass man glauben könnte, die Farben des Regenbogens ­seien die der Nationalfahne der Slowakei. Oder ein politisches Bekenntnis Sagans.

Contador ist das Gegenteil zum „Feierbiest“

Denn Gedanken über die Welt und was in ihr nicht funktioniert, macht sich der Bursche aus Zilina schon. Nach seinem ersten WM-Triumph hielt er in Richmond eine etwas ungelenke, aber sichtlich von Herzen kommende Rede, in der er an die Flüchtlinge auf der ganzen Welt erinnerte. Bei der Feier seines zweiten WM-Titels war er auf der UCI-Gala in Abu Dhabi so angeheitert, dass er gerade einmal den Zylinder, den er sich aufgesetzt hatte, unfallfrei durch den Saal bringen konnte. Das Reden ließ er lieber sein. Auch das gehört zu Sagan.

Sein früherer Teamchef Oleg Tinkov ­bezeichnete ihn mal als „Feiertier“, weil er mit ihm so gut die Wodka-Karte von Moskaus Nobeldiskotheken durchbuchstabieren konnte. Seinen anderen Starfahrer ­Alberto Contador bezeichnete Tinkov ­hin­gegen als „langweiligen Asketen“. Das Blatt drehte sich, als Sagan zu viele zweite Plätze, zu wenige Siege also, einfuhr. Da forderte Tinkov, dass sein Fahrer für die vielen ­Millionen, die er ihm zahle, auch mal was leisten solle. An Contador lobte er dagegen die „professionelle Haltung“, also das zuvor kritisierte asketische Langweilertum.

Sagan soll dem Team ein Gesicht geben

Bei Bora muss Sagan solche Ansprachen nicht befürchten. Hauptsponsor Willi Bruckbauer ist ein solider Mittelständler, der nicht wie Tinkov im Goldrausch der ersten postsowjetischen Jahre reich wurde. Bruckbauer funkt auch Teamchef Ralph Denk nicht dazwischen, selbst wenn er ihm für die Geschäftsstelle des Rennstalls einen Raum in der eigenen Firma zur Verfügung gestellt hat. Bruckbauer leitet kein Herrschaftsgebaren daraus ab. Keine Anmaßung, kein selbstherrlicher Patron – für Sagan eine ganz neue Erfahrung.

Für den Rennstall Bora- hansgrohe wiederum ist Sagan ein echter Glücksfall. Er ist der Star, der dem Team zu einem neuen Status verhalf. Das war schon ganz arithmetisch so. Bora konnte bei dem Krimi um die Lizenzvergabe am Ende der letzten Saison auf die Weltranglistenpunkte des durch die Auflösung des Tinkoff-Rennstalls frei werdenden Doppelweltmeisters bauen und so in die oberste Radsport-Klasse aufsteigen. Mit Sagan kommt aber auch Flair zu Bora. Fans umlagern den Teambus, Kameras werden aufgebaut. Eine neue Ära ist für das zuvor tapfer kämpfende, aber eben auch etwas gesichtslose Team angebrochen.

Sechs Millionen Jahressalär für den Slowaken

Was es sich Bora und der neue Co-Sponsor hansgrohe kosten ließen, Sagan zu verpflichten, ist unklar. Allein sechs Millionen Euro soll das Jahressalär des Slowaken betragen. Weitere sieben Fahrer sowie sechs Betreuer – Mechaniker, Physios, Trainer, auch ein Sportlicher Leiter – wechselten mit ihm von Tinkoff. Der Deal klappte nur, weil Ausrüster Spezialized in die Finanzierung der Sagan-Gruppe mit einstieg.

Was so ein Team im Team bedeutet, wird je nach Perspektive unterschiedlich gedeutet. „Ein Team kann man nicht einfach so kaufen, man muss es konstruieren“, meinte etwa skeptisch Patrick Lefevere, Boss des Quick-Step-Rennstalls von Marcel Kittel und dem härtesten Gegner Sagans bei Mailand–Sanremo, dem Kolumbianer Fernando Gaviria. Jens Zemke, Sportlicher Leiter bei Bora, ist hingegen glücklich über „die Wohlfühlumgebung, die Peter mit so vielen vertrauten Leuten um sich hat“.

Mit einem sich offensichtlich pudelwohl fühlenden Sagan ist auch eine ganze Portion Lebensfreude bei Bora eingekehrt. Sie mögen ihn bei Bora, und wenn der Mitfavorit Peter Sagan, der in Vorjahren immer zu den großen Favoriten gehörte, aber doch nie siegte, an diesem Samstag zum ersten Mal in seiner Karriere den Klassiker Mailand–Sanremo gewinnen sollte, werden sie richtig Grund zum Feiern haben.