Janina Tonello und Matthias Kleiß genießen die unbeschwerte Zeit in Marokko voll und ganz. Was danach kommt, planen sie noch nicht. Foto: privat (Johannes Gey)

Janina Tonello (33) und Matthias Kleiß (37) haben Jobs und Wohnung gekündigt und sind mit dem VW-Bus nach Nordafrika gefahren – ohne Deadline. Ihr neues Leben zeigen sie auf Instagram.

Die Gegensätze hätten wohl nicht gravierender sein können. Vom Marokko-Trip mit coolem Hostel, Surf-Spots und toller Atmosphäre am Meer zurück in den gefühlt immer gleichen, tristen Job-Alltag in der deutschen Heimat. Janina Tonello und Matthias Kleiß aus Weinstadt taten sich nach ihrem Weihnachtsurlaub 2024 in Nordafrika sehr schwer, wieder in ihr normales Leben zurückzufinden.

 

So schwer, dass das Paar schnell anfing, sich Gedanken darüber zu machen, nach Marokko zurückzukehren. Aber dieses Mal wollten sie nicht als Urlauber in Nordafrika sein, sondern als Aussteiger – quasi auf unbegrenzte Zeit. „Wir waren so inspiriert von dem Land und haben dort viele Camper kennengelernt. Da wir auch einen VW-Bus hatten, war uns schnell klar, wir wollen eine längere Auszeit wagen“, sagt Matthias Kleiß.

Der VW-Bus war zu klein – das Paar kauft einen Anhänger dazu

Gesagt, getan: Das junge Ehepaar – er ist gelernter Zimmermann und Architekt, sie Technische Zeichnerin und Innenarchitektin – kündigte Jobs und Wohnung und bereitete alles vor für den Trip seines Lebens. „Wir verkauften viele Dinge, um möglichst wenig Ballast mitnehmen zu müssen. Aber uns wurde trotzdem schnell klar, dass der VW T4 alleine zu klein ist“, sagt Janina Tonello und erinnert sich noch gut, wie dann plötzlich und perfekt passend die Kleinanzeige der Ölmühle aufploppte. „Die hatten einen Verkaufswagen zum Aufklappen im Angebot. Wir schliefen eine Nacht darüber, dann waren wir uns sicher, dass wir den Anhänger als Zusatzraum kaufen und den Trip wagen wollten.“

Während die 33-Jährige und ihr 37-jähriger Mann per Videocall davon berichten, was sie seit ihrer Entscheidung alles erlebt haben, sitzen sie ziemlich zusammengequetscht vor dem Tablet im VW-Bus. Besagten Anhänger haben sie etwas weiter weg geparkt, um mit dem Camper direkt am Strand zu übernachten. Dort ist es am Vormittag noch etwas kühl, aber je länger das Gespräch geht, desto wärmer wird es. Und während Matthias irgendwann den Pulli auszieht, wirft Janina mal schnell einen Blick auf die Surf-Forecast-App. Die Vorhersage-App liefert Daten darüber, wann und wo die Bedingungen fürs Surfen am besten sind. „So wie es gerade aussieht, können wir vielleicht nachher doch eine Runde ins Wasser“, sagt Janina Tonello.

Bei ihrer Hochzeit gab es Pizza aus dem Ofen, der jetzt mit auf Reisen ist

Die beiden leben ihren Traum – Surfen, Skaten und Zeit haben – für sich und für die Menschen, die ihnen begegnen. Besonders bei Pizza-Abenden mit Freunden, komme man ins Gespräch. Dass sie einen Pizzaofen mit sich herumfahren, liegt daran, dass es bei ihrer Hochzeit Pizza daraus gab. „Wenn wir die hier mit Freunden essen, geben manche eine Spende. Das hilft, neue Lebensmittel zu kaufen. Wir müssen und wollen mit wenig Geld auskommen.“ Wie das aussieht, wenn sie in Jeans und Shirt Gemüse shoppen, eine Runde auf den Skateboards drehen, sich Pancakes gönnen oder auf die perfekte Welle warten, das zeigen sie auf Instagram. Mit cooler Musik und passendem Text geben Janina und Matthias stimmungsvolle Einblicke. Man spürt die Sonne und das Lebensgefühl förmlich.

Abenteuer-Trip in die Sahara – das Paar möchte Land und Leute kennenlernen. Foto: privat

Aber funktioniert das immer, oder gab es auch schon Momente, wo sie sich doch mal zurück in die Heimat gewünscht hätten? Die gab es, da sind sich beide einig. Als es mehrere Tage regnete zum Beispiel, oder immer dann, wenn das Ersparte fast aufgebraucht ist, weil der Van viel Benzin schluckt. Auch als sie erkältet waren, sah ihre Aussteigerwelt mal kurz nicht ganz so bunt aus. „Ich wünsche mir auch manchmal eine heiße Dusche, und Maultaschen vermissen wir auch sehr“, sagt Janina Tonello.

Die Weinstädter wollen ohne viel Ballast auskommen und genießen das schlichte Leben ohne Alltagszwänge. Foto: privat

Aber Gründe, das Ganze abzubrechen, sind das wohl bei Weitem nicht. „Wir versuchen, uns dann gegenseitig zu helfen und uns Freiräume zu geben.“ Und wenn der Heißhunger auf Schwäbisches zu groß wird, stellen sie sich auch mal in den Van und schaben Spätzle. „Einmal haben wir uns auch einen Kurztrip nach Teneriffa gegönnt. Die kleine Pause war eine gute Abwechslung.“

Weil beide ihre Freunde und die Familie vermissen, wollen sie im Sommer die Heimat besuchen – Vorräte auffüllen und wieder los. „Marokko ist toll. Vielleicht können wir uns hier was Kreatives aufbauen. Manchmal überlegen wir auch wegen einer Surfschule“, sagt Matthias. Sie würden nicht ausschließen, ganz im Ausland zu bleiben. „Mich würde auch noch Südafrika interessieren“, sagt Janina plötzlich und handelt sich einen schiefen Blick von Matthias ein. Er kannte die Idee noch nicht, scheint aber offen. „Janina ist die Reisemaus. Ich musste erst lernen, loszulassen. So ein Trip verändert einen.“

Abendstimmung mit Van und Anhänger – das Meer und die Surfboards sind nie weit. Foto: privat (Johannes Gey)

Vorerst sind sie einfach nur glücklich, dass sie Weinstadt durch Marokko ersetzt haben. Und wenn Janina langweilig wird, sticht sie Matthias oder Freunden ein Tattoo, das kann sie nämlich auch und macht es gern. „Es ist toll, wenn da aus Punkten ein Bild entsteht“, sagt sie und steigt aus dem Van. Genug erzählt für heute, die Wellen rufen. Und Aufräumen steht auch noch an, bevor am Abend, wenn der Sonnenuntergang den Himmel und das Meer in Rot und Orange getaucht hat, mal wieder der Ofen angeschmissen wird. Ein bisschen Alltagsstruktur gibt es also auch in Marokko, aber anders eben.

Daheim hätten sie vor der Entscheidung gestanden, jetzt einfach noch 30 Jahre so weiterzumachen, oder den Break zu wagen. Sie entschieden sich für Wellen, Tattoos und Pizza. „Es ist ein simples Leben mit toller Community. Man kommt mit so viel weniger aus.“ Ein Account für Netflix-Marokko haben sie sich trotzdem gemacht – Fernsehabende gehen auch im Van – notfalls mit Wärmflasche. Nachts wird es kalt an der Küste. Trotzdem zieht es sie nicht in die Städte und zu den Touri-Spots. „Wir genießen die Ruhe und die Sterne über uns, ganz weit weg von allem. Wie es weitergeht, werden wir sehen.“

Van Life – Matthias und Janina auf Instagram

Info
Wer verfolgen will, was Janina Tonello und Matthias Kleiß so machen und erleben, kann ihnen im Internet unter achiri.vibe auf Instagram folgen. „Achiri“ bedeutet übrigens in Marokko umgangssprachlich so viel wie Bruder – der Begriff für einen engen Kumpel war also Namensgeber für ihren Abenteuertrip.