Den Sieg fest im Blick: Elisabeth Brandau auf der Rennstrecke in Wombach. Foto: Fuchs

Elisabeth Brandau tritt seit Kindesbeinen in die Pedale. Die deutsche Mountainbike-Meisterin aus Schönaich bei Böblingen will 2020 zur Olympiade nach Tokio und bei der Heim-WM in Albstadt glänzen. Doch auch abseits der Rennstrecke setzt sie sich ein - für mehr Fahrradfahrer in der Automobilregion Stuttgart.

Das Wasser für die Nudeln blubbert im Topf. Die Gasflamme zischt. Heute ist keine Zeit für Elisabeth Brandaus Leibspeise: gedünstetes Gemüse auf Sprossen mit Olivenöl und Apfelessig-Curry-Dressing mit selbst gebackenem Brot. Elisabeth Brandau kocht Pasta für ihre Familie. Der zweijährige Alexander und der vierjährige Maximilian toben derweil vor dem Caravan herum. Was nach Urlaubsidylle aussieht, gehört zur Vorbereitung für die deutsche Mountainbike Meisterschaft in Wombach.

Fahrradfahrer in Sachen Umweltschutz auf der Überholspur

Ein paar Tage vor dem Rennen ist die Profi-Mountainbikerin mit ihrem Mann und den Jungs vom heimischen Schönaich bei Böblingen bereits nach Unterfranken gereist. Ganz gemütlich. „Ich mache meine Entspannungsübungen auf der Autofahrt“. Auch den Ruhetag vor dem Wettkampf versucht sie konsequent einzuhalten. Runterfahren, um im entscheidenden Moment einige Gänge hochzuschalten. Gar nicht so leicht für die Bikerin. Schließlich sind da auch zwei quirlige junge Männer, die ihre Aufmerksamkeit einfordern. Zweifachmama, Renn-Profi, Geschäfts- und Ehefrau. Ganz schön viel für 24 Stunden an sieben Tagen in der Woche. „Die Kids lenken mich auch ab“, sagt Elisabeth Brandau. Dann fährt der Kopf nicht so sehr Karussell und die Rennstrecke in Gedanken ab. Doch das Pensum, das sie abspult sei manchmal schon „grenzwertig“, gibt die 33-Jährige offen zu. Daher hat sie nach der Geburt ihres ersten Kindes mit mentalem Training begonnen. „Es ist brutal, was da hochkommt.“ Ihr Sport sei zwar Ventil aber gleichzeitig komme durch den Wettkampfdruck zusätzlich was oben drauf.

Elisabeth Brandau steckt das nicht einfach weg. Sie ist eine mit Tiefgang. Das spürt, wer mit ihr ins Gespräch kommt. Und sie ist eine, die für etwas brennt. Geboren am 16. Dezember 1985 im Sternzeichen Schütze, das für Kämpfernaturen mit Feuer unterm Hintern steht. Ihr Lebensmotto lautet: „wer nicht kämpft, hat schon verloren“. Von Kindesbeinen an. Bereits als kleines Mädchen sitzt sie im Sattel. Die Liebe fürs Zweirad mit Muskelantrieb hat sie vor allem vom Vater mitbekommen. Genau wie ihr Bruder. „Was er kann, kann ich auch“, sagt sich Elisabeth Brandau. Sie trainiert mit ihm gemeinsam im RSC Schönaich, wo sie auch ihren späteren Ehemann Marco kennenlernt. Als wieder mal das traditionsreiche Radrennen im Heimatort veranstaltet wird, fährt sie mit – und gewinnt. Seitdem schmücken zahlreiche Titel in verschiedenen Mountainbike-Disziplinen die Vita und das Zuhause von Elisabeth Brandau. Das ist immer noch in Schönaich, wo die Frau mit dem Strahlelachen und der dunklen Haarpracht, die sich kaum unterm Radhelm bändigen lässt, aufgewachsen ist. Denn Heimat ist für Elisabeth Brandau wo Familie und Freunde sind.

Ihre Verbundenheit mit dem elterlichen Betrieb zeigt sie mit ihrer Ausbildung zur Kälte- und Klimaanlagenbaumeisterin. Später lässt sie sich zur Gebäudenergieberaterin schulen. Beides Berufe mit Zukunft. Erst recht aktuell im Zeichen der „Fridays for Future“-Demonstrationen. In Sachen Umweltschutz sieht Elisabeth Brandau auch die Fahrradfahrer auf der Überholspur. „Vor allem für kurze Strecken. Es gibt so viele, die sich für fünf Kilometer zur Arbeit hinters Steuer setzen.“ Dabei gibt sie unumwunden zu, dass es oftmals eine Herausforderung sei, in der Autoregion Stuttgart mit dem Drahtesel unterwegs zu sein. „Gerade etwa in Böblingen sind die Fahrradwege grausig und den Radlern werden wenig Rechte eingeräumt.“

„Neue Strecke für Radfahrer von Böblingen nach Stuttgart ist top“

Großes Lob erteilt Elisabeth Brandau dagegen der neu gemachten Fahrradstrecke von Böblingen nach Stuttgart-Vaihingen. Mit einer Einschränkung: „die ehemalige Panzerstraße hätten sie dafür nicht teeren müssen. Das ist rausgeschmissenes Geld“. Wertvolles Urteil einer Insiderin, das leider in den zuständigen Behördenstuben so oft ungehört verhallt. „Um die Situation von Radfahrern in der Region zu verbessern, sollte man sich mit Leuten zusammensetzen, die Ahnung haben. Etwa vom ADFC, statt alles von Theoretikern planen zu lassen“, sagt Elisabeth Brandau und fordert zudem ein Ende der Zwei-Meter-Regelung in Baden-Württemberg. Laut dieser dürfen Fahrradfahrer im Wald nur Wege befahren, die mindestens zwei Meter breit sind. „Es gibt immer Leute, die keine Rücksicht nehmen. Daran ändert auch diese Regelung nichts. Stattdessen führt sie eher noch zu mehr Ärger zwischen Fußgängern und Mountainbikern."

Das Fahrrad ist das Fortbewegungsmittel der Zukunft

Dicke Luft, wo frische geatmet werden sollte, in einer Gegend, die für Mountainbiker so viel zu bieten hat. Wie die Landeshauptstadt mit ihren Höhenmetern oder den Schönbuch, den Stuttgarter Wald, den Schwarzwald und die Schwäbische Alb. Neben Graubünden in der Schweiz alles Lieblingstrainingsregionen von Elisabeth Brandau, die in Sachen Rad als Fortbewegungsmittel der Zukunft auf den Nachwuchs setzt. Im Radclub Schönaich trainiert sie daher Kinder verschiedener Altersgruppen „in dieser schönen Sportart, die immer noch ein Nischendasein hat“. Bei Ausfahrten in den nahe gelegenen Wald wird nicht nur Technik, sondern auch der sensible Umgang mit Flora und Fauna geschult.

Momentan schultert die Radsportlerin alles allein und hofft daher auf Trainerhilfe etwa aus der Elternschaft. Denn auch Elisabeth Brandaus Tag hat nur 24 Stunden. Ehrgeizige Radrennsportziele wollen zudem erreicht werden, wie die Teilnahme bei Olympia 2020 in Tokio und ein Titel bei der Heim-WM in Albstadt ebenfalls im kommenden Jahr. „Um mein Vorankommen als Heilpraktikerin kümmere ich mich nach den großen sportlichen Wettkämpfen“, sagt Elisabeth Brandau, die nicht lange nachdenken muss, wenn sie gefragt wird, was sie glücklich macht. „Dass mein Mann Verständnis hat, dass er zurücksteckt für meine Profikarriere und es mit mir aushält“, sagt sie lachend. Wie stolz sie auf ihre Söhne ist, die sich mittlerweile über die im Camper gekochten Nudeln hermachen, braucht sie nicht zu erwähnen. In ihrer Vita stehen die Geburten der beiden unter der Rubrik „Erfolge“.

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