Kaltental ist unter Radlern berüchtigt. Verkehrsschilder entschärfen die Situation, werden aber regelmäßig geklaut. Nun soll eine Pop-Up-Radspur kommen. Doch eine Gruppe wird dabei übersehen, wie der Vor-Ort-Besuch zeigt.
Stuttgart - Kaltental kennt Martin Mücke nur vom Durchfahren, das aber besonders gut. Seit zehn Jahren radelt er von Heslach nach Böblingen zur Arbeit: winters im Dunkeln, sommers durch das kühle, grüne Tal, das halb Stuttgart mit Frischluft versorgt und einst die alte B 14 aufnehmen musste. Heute sorgt die Hauptradroute 1 für mehr Verkehr und Streit. Zwei Autospuren und parkende Fahrzeuge haben locker Platz, in der Mitte fährt die Stadtbahn. Doch seitdem auch viele Radfahrer unterwegs sind, ist es zu eng in Kaltental.
Wie viel zu eng, das hat Mücke, 52, promovierter schwäbischer Ingenieur mit Halbleiterexpertise, selbst gemessen, mit dem „Open Bike Sensor“. Jedes Mal, wenn ihn ein Auto auf seinem Arbeitsweg überholt hat, drückte Mücke aufs Knöpfchen und ein Ultraschallsensor ermittelte den Abstand zum Auto. Fast 2000 Mal hat Mücke gedrückt, sagt er. „Belastbare Statistiken“ seien das.
Die zeigen, dass in Kaltental zu eng überholt wird, teilweise viel zu eng. Am schlimmsten ist es zwischen den Stadtbahnhaltestellen Waldeck und Kaltental. Mehr als 40 Mal wurde Martin Mücke ausweislich seiner Messungen dort mit weniger als 50 Zentimeter Abstand überholt, im Schnitt also einmal pro Woche.
Radler machen Druck auf die Politik
Solche Erfahrungen haben ihn geprägt. Vor einem Jahr hat er sie in der ARD-Sendung „Brisant“ geschildert. Bebildert ist der Beitrag mit von Radfahrern aufgenommenen Videos, in denen gehupt und gebrüllt wird. Im September erstattete Martin Mücke erfolglos Strafanzeige gegen einen Autofahrer, der ihn bergab hochgefährlich überholte. Verkehrsgefährdendes Verhalten sehe anders aus, schrieb ihm die Staatsanwaltschaft, das sei höchstens eine Ordnungswidrigkeit. Auch wegen des Frusts darüber fand Mücke auf Twitter Gleichgesinnte: „So bin ich in die Radszene reingerutscht.“
Gruppen wie das Radforum Zweirat und der ADFC üben mit Radlerdemos oder dem Radentscheid Druck auf die Politik aus. Stuttgart soll von einer auto- zur fahrradgerechten Stadt umgebaut werden. Der „Open Bike Sensor“ ist Teil des Instrumentariums in der Diskussion um Radwege, wegfallende Fahrspuren und Parkplätze sowie, etwas seltener, die Interessen Anwohner. In Kaltental geht es um all das zusammen. Was liegt also näher, als einmal selbst von Heslach nach Vaihingen und wieder zurück zu radeln?
„Am Waldeck, da geht es los“
Los geht es am Bihlplatz in der 30er-Zone. Nach dem Bau des Heslacher Tunnels wurde der Autoverkehr gezähmt, Straßen zurückgebaut, Heslach wieder lebenswert. Sanft bergan geht es zum Südheimer Platz, am Vogelrain gleiten Radfahrer dank einer Kontaktschleife im Boden mit grüner Welle auf den Radweg am Waldrand. Hübsch hier? Ja, sagt Martin Mücke, „aber da vorn kommt die Haltestelle Waldeck. Da geht es los.“
Wer die Verkehrssituation hier nur aus Erzählungen und Zeitungsberichten kennt, hat eher eine Kampfzone vor Augen als einen idyllisch gelegenen Ort mit evangelischem und katholischem Hügel sowie mindestens 900-jähriger Geschichte. Leicht übersehen werden auch die Interessen der Menschen, die in Kaltental leben. Denn meistens geht es um jene, die hier durchfahren.
Schon zehn Schilder geklaut
Derzeit ist die Diskussion wieder ziemlich laut. Im Januar stellte die Stadtverwaltung zwischen den Haltestellen Waldeck und Kaltental auf beiden Straßenseiten neuartige Verkehrsschilder auf: Überholen von Radfahrern verboten! Eigentlich eine Selbstverständlichkeit, weil Autofahrer die vorgeschriebenen anderthalb Meter Abstand auf diesen etwa 700 engen Straßenmetern gar nicht einhalten können. Aber es wird eben trotzdem überholt. Und fast alle haben eine Meinung. „Schilder sind keine Infrastruktur. Automobile Gewalt tötet“, schrieb im Januar einer auf Twitter. Ein anderer: „Darum planen wohl die Grünen Cannabis freizugeben. Als Autofahrer musst du bekifft sein, um gelassen hinter einem Radfahrenden:in mit 7 km/h hinterherzukriechen“.
Seit Februar wurden bereits zehn Schilder geklaut. Die Schuldigen sind nicht ermittelt, auch weil die Firma, die sie im Auftrag der Stadt aufgestellt hat und der die Schilder gehören, bislang nicht Anzeige erstattet hat. Ob die Diebe überhaupt ermittelt werden können, ist mehr als unklar. Man könnte jedenfalls vermuten, dass es ihnen weniger darum geht, ein seltenes Verkehrszeichen zu besitzen. Sondern dass es sich eher um eine Art Widerstandsakt handelt.
Regiert in Kaltental wirklich die „automobile Gewalt“, oder tuckern jetzt genervte Autofahrer hinter den Berg hochkeuchenden Radlern her? Martin Mücke macht gemeinsam mit dem Reporter die Probe aufs Exempel. An der Haltestelle Waldeck wird der Radverkehr auf die andere Straßenseite gelenkt, vorbei an älteren Häuschen. Zwischen den davor parkenden Autos und den Stadtbahngleisen strampelt man ohne elektrische Unterstützung durchaus angestrengt bergan. Für Schweißausbrüche sorgt außerdem die Vorstellung, dass ein von hinten kommender, möglicherweise nicht bekiffter oder sonst wie entspannter Autofahrer drängelt, hupt, überholt.
Und plötzlich funktioniert es
An diesem Freitagnachmittag läuft es anders. Das einzige Richtung Vaihingen fahrende Auto lässt Martin Mücke vorbei. Er fährt bei einer Parklücke rechts ran und erzählt von seinen Beobachtungen. Seit die Schilder aufgestellt wurden, hätten ihn weniger Autofahrer überholt. Er hat auch das gezählt, die Daten sind auf seinem Handy. Zuletzt habe ihn nur noch etwa jedes dritte Auto trotz Verbotsschild überholt, trägt Mücke vor.
Währenddessen fahren weitere Zweiräder vorbei – und werden nicht überholt. Einmal tuckern bis zu 15 Autos in Schrittgeschwindigkeit hinter einer Radlerin her, die sich tapfer den Berg hinaufquält. Einer hupt, keiner überholt. So geht es drei- bis viermal. „Ich bin geplättet“, ruft Martin Mücke, „die halten sich alle ans Überholverbot!“
Hier ist die Geschichte nicht zu Ende
Das Problem könnte hiermit gelöst, die Geschichte zu Ende sein. Doch schon bevor die Überholverbotschilder aufgebaut wurden, plante die Stadtverwaltung eine Pop-up-Radspur in diesem Bereich. Gut zwei Jahre lang sollen Radler rollen, wo bislang am Straßenrand Autos parken. Mit einer Raddemo will der ADFC diesen Samstag auf Lokalpolitiker einwirken, die Radspur zu beschließen. Schließlich könnten Radfahrer darauf entspannt fahren, sie dürften von Autos auch wieder überholt werden und alle sind glücklich. Oder?
Alexander Haberer sieht es nicht so. Er lädt in die Thomaskirche auf dem evangelischen Hügel Kaltentals. Der 45-Jährige leitet die „Zukunftswerkstatt Kaltental“. Darin sammeln Bürger seit Jahren Vorschläge für ihren Stadtteil, der seit 2018 offiziell Sanierungsgebiet ist.
Im Untergeschoss der Kirche hat Haberer eine kleine Ausstellung zur Pop-up-Radspur eingerichtet. Sie berichtet von Ideen für Tempo 30, radfreundliche Ampelschaltungen, Ersatzparkplätzen und vielem mehr, alles entwickelt von Kaltentalern. Von weitergehenden Wünschen wie einer zusätzlichen, behindertenfreundlichen Brücke über die Böblinger Straße wagt er kaum zu träumen. Leider habe die Verwaltung alles abgelehnt oder wegdefiniert, klagt Haberer. In der Ausstellung ist nachzulesen, wie die Behörden beispielsweise zum Ergebnis kamen, entlang der Böblinger Straße herrsche kein Parkdruck: Sie haben auch Autos und Parkplätze in den weit oberhalb gelegenen Straßen links und rechts der Böblinger Straße gezählt. Deshalb könnten nun für die Pop-up-Radspur 105 Parkplätze wegfallen.
Wie viele Parkplätze sind nötig?
Parkplätze sind das Killerargument in fast jeder Diskussion um Straßenraum. Autofahrer bringt es auf die Palme, für Radler sind wegfallende Parkplätze hingegen der Königsweg. In Kaltental ist die Situation besonders kompliziert: Auf die abgestellten Anhänger, Wohnwägen oder Pendlerautos könnte wohl jeder verzichten – „gehbehinderte Anwohner brauchen aber einen Parkplatz nahe ihrer Wohnung“, findet Alexander Haberer.
Er klingelt bei Reinhold Frank, der mit seiner an Multipler Sklerose erkrankten Frau in der Böblinger Straße wohnt. Seine Frau komme „mit dem Rollator keine 100 Meter weit“, erzählt er. Dass der nächste Parkplatz künftig ein gutes Stück weiter als die besagten 100 Meter den Hügel hinab liegt, wäre dann sein Problem. Man bekomme das Gefühl, dass durchfahrende Auto- und Radfahrer wichtiger seien als die Kaltentaler selbst, klagt Haberer. Die Bemühungen, etwas zu verbessern, „enden scheinbar an der Stadtteilgrenze“.
Beim Durchfahren kann man manches vergessen
Es ist Zeit weiterzuradeln. Kaum ist man aus Kaltental raus, wird der Radweg breit, die Fahrt entspannt. Hier beginnt der schönere Teil seines Arbeitswegs, erzählt Martin Mücke. Von Vaihingen führt er durch den Wald, wo Mücke immer an einem See pausiert und das Gewässer im Laufe der Jahreszeiten fotografiert. Das sind die schönen Aspekte des Radfahrens, die in der teilweise hitzigen Diskussion selten vorkommen.
Die flotte Abfahrt zurück in den Kessel ist der angenehmere Teil dieser Route, auch wenn er am Unfallschwerpunkt Engelboldstraße vorbeiführt, wo flotte Radler schon mehrfach von abbiegenden Autos erfasst wurden. An diesem Freitagabend geht aber alles glatt, es überholt auch kein Auto. Und beim Durchfahren ist die schwierige Suche nach einem Kompromiss ebenso leicht vergessen wie die Wünsche der Kaltentaler, an denen man ein weiteres Mal vorbeirollt.