Hendrik Ockenga, Sprecher der Mountainbiker im DAV Sektion Schwaben, setzt sich dafür ein, dass Mountainbiken in Stuttgart als Chance und nicht als Problem gesehen wird. Foto: Ronny Schönebaum

... „Aber das ist ein Geheimnis!“, schmunzelt Hendrik Ockenga im Gespräch, nur ganz so lustig findet er das nicht. Für ihn und seine Mitstreiter im Deutschen Alpenverein (DAV) Sektion Schwaben ist es eher Motivation, sich für das Thema Mountainbike in Stuttgart und ein besseres Miteinander auf allen Seiten einzusetzen.

Herr Ockenga, mal ehrlich, Stuttgart eine Mountainbike-Hochburg, ist das nicht übertrieben?
Nein, Stuttgart bietet mit seiner für eine deutsche Großstadt ungewöhnlichen Nähe zu weitläufigen Wäldern und der Topografie ideale Voraussetzungen als Mountainbike-Revier. Dazu gibt es ein riesiges Waldwegenetz und Strecken für jeden Geschmack. Entsprechend viele Stuttgarter sind regelmäßig mit dem Mountainbike unterwegs.

Was bedeutet das in Zahlen?
Je nach Umfrage - Allensbach, AWA etc. - geht man in Deutschland von mindestens zehn Prozent der Bevölkerung aus, die regelmäßig oder gelegentlich Mountainbike fahren. In Süddeutschland und in Großstädten sind es mehr. Auf Stuttgart hochgerechnet kommt man konservativ geschätzt also auf mindestens 60.000 Mountainbiker. Es gibt zudem einige international erfolgreiche Bike-Sportler, aber auch viele Bike-Firmen in Stuttgart und Umgebung.

Können Sie Beispiele nennen?
Mit Sportlern wie Elisabeth Brandau und Manuel Fumic, aber auch Katrin Karkhof und Fabian Scholz kommen erfolgreiche Olympiateilnehmer und Deutsche Meister aus der Region. Centurion in Magstadt ist ein Bike-Pionier der ersten Stunde, Magura aus Bad Urach ist unter Mountainbikern weltweit für seine Komponenten bekannt und Focus hat vor ein paar Jahren extra seine Entwicklungsabteilung nach Stuttgart verlegt, weil die Bedingungen hier ideal sind. Zudem kommen mit dem Mountainbike Magazin und dem online erscheinenden Enduro Magazin auch wichtige Bike-Medien aus dem Großraum.

Kurzum: Stuttgart und seine Region sind demnach ein Mountainbike-Mekka, aber keiner weiß es?
Genau, sozusagen ein Geheimtipp! Und wenn es nach der Stadt Stuttgart geht, bleibt das auch so, denn das Mountainbiken wird hier vor allem als Problem gesehen. Dabei bietet unser Sport ja nicht nur den Stuttgartern Naturerlebnis und Lebensqualität, sondern könnte auch nach außen als Aushängeschild für einen attraktiven Wirtschaftsstandort mit tollen Freizeitmöglichkeiten genutzt werden. Die Stadt sollte das eigentlich freuen und es fördern.

Aber es gibt doch immerhin die Downhillstrecke Woodpecker im Stuttgarter Süden?
Ja, der Woodpecker hat unserem Sport zweifellos einen Schub gegeben. In der öffentlichen Wahrnehmung, aber auch in der Zahl der Aktiven. Nach meiner Beobachtung sind gerade auch viele Jugendliche über den Woodpecker neu zum Sport gekommen. Als Sportförderungs-Maßnahme ist der Woodpecker also ein voller Erfolg.

Und sonst nicht?
Der Woodpecker wird in der MTB-Szene tatsächlich zwiespältig gesehen. Einerseits ist es toll, eine offizielle Strecke für die Biker zu haben, andererseits geht man in Teilen der Stadtverwaltung davon aus, dass jetzt alle Mountainbiker nur noch dort fahren. Diese Erwartungshaltung ist leider von verschiedenen Seiten geschürt worden, aber natürlich kompletter Unsinn.

Warum?
Nun, der Woodpecker deckt in erster Linie den sehr speziellen Bedarf der Abfahrts-orientierten Downhiller ab. Der Begriff Downhill wird zwar in der Öffentlichkeit gerne mit Mountainbiken gleichgesetzt, aber tatsächlich sind maximal zehn Prozent aller Mountainbiker in Stuttgart auch Downhiller.

Und wer sind die anderen 90 Prozent?
Die meisten Mountainbiker fahren ganz normale Touren von der Haustür aus. Für viele ist das ein Ausgleich zum Alltag, sie suchen die Erholung in der Natur und die sportliche Betätigung, aber dabei geht es nicht um Höchstgeschwindigkeit oder gar weite Sprünge. Das ist teilweise eher wie „Wandern mit dem Fahrrad“, vielleicht auch mal auf etwas anspruchsvolleren Strecken, aber von „Downhill“ sind die allermeisten weit entfernt.

Also Stuttgart, die Freizeitstadt mit einem Herz für Mountainbiker. Was muss passieren, damit Ihre Vision wahr wird?
Eigentlich ist schon alles da, man muss das Mountainbiken nur endlich als Chance begreifen und nicht immer nur als Problem sehen. Damit meine ich die Stadtverwaltung und den Gemeinderat, aber auch die Wahrnehmung in der Öffentlichkeit. Und das würde sich auch positiv auf das Miteinander im Wald auswirken. Es gibt Städte und Regionen wie Freiburg und Graubünden, die mit so einer öffentlich sichtbaren positiven Haltung gegenüber dem Biken sehr gute Erfahrungen gemacht haben. Dafür reicht schon eine klare Ansage der Stadt: „Fußgänger und Radfahrer sind in unseren Wäldern auf allen Wegen gleichermaßen willkommen. Also vertragt euch.“

Das hört sich ein bisschen zu einfach an, um wahr zu sein.
Mag sein, aber es ist der Anfang, die Basis. Wenn sich Radfahrer und Fußgänger im Wald auf Augenhöhe begegnen, ist das gleich eine ganz andere Situation. Wir kommen dann weg von der „Ich darf hier sein und Du bist maximal geduldet“-Haltung, die einem zwar auch jetzt nur selten offen begegnet, die aber doch oft mitschwingt. Mit attraktiven Strecken als Ergänzung zu dem bestehenden Wegenetz könnte man zudem die wenigen Brennpunkte wie z.B. die Bärenseen leicht entschärfen und gleichzeitig das Angebot für die Biker nochmals verbessern.

Soweit zu Ihrer Vision, aber was können Sie für die Umsetzung tun?
Als Mitglied der MTB-Gruppe im Radforum Stuttgart habe ich seit 2014 immer mal wieder Kontakt mit dem Forstamt. Das war ein guter und wichtiger Schritt, denn der Austausch trägt zu mehr Verständnis auf beiden Seiten bei. Wir haben auch mehrfach Vorschläge gemacht, wie man das Miteinander im Wald verbessern, Brennpunkte entschärfen und gleichzeitig besser Bedingungen für die Mountainbiker schaffen kann, aber leider gibt es dazu bisher keine konkreten Fortschritte.

Und wie geht es jetzt weiter?
Wir bleiben auf jeden Fall dran. Ich habe kürzlich im Plenum für die MTB-Gruppe im Radforum um eine Projektgruppensitzung mit den beteiligten Ämtern gebeten. Vielleicht hilft das. Die MTB-Gruppe Stuttgart im DAV Schwaben hat sich zudem an den Oberbürgermeister gewendet und die Zusammenarbeit angeboten. Über den DAV haben die Mountainbiker auch einen Sitz in dem neu geschaffenen Beirat für den Stuttgarter Stadtwald erhalten. Vielleicht kommen wir ja auf der Schiene voran und können das Mountainbiken ein bisschen aus seinem heimlichen Schattendasein holen und gleichzeitig das Miteinander im Wald verbessern.

Sie haben den DAV erwähnt, in dem Sie Mitglied sind - was sind dort die Ziele?
Die MTB-Gruppe Stuttgart im DAV Schwaben wurde 2016 gegründet um die Biker Stuttgarts besser zu vernetzen und für ihre Interessen einzutreten. Als Individualsportler ohne Verein wird man von der Stadt einfach nicht so wahrgenommen. Wir wollen mit dem DAV also auch Ansprechpartner sein und verstärkt in den Dialog mit Ämtern und anderen Waldnutzern gehen. Zudem betreiben wir über unsere Treffs, Touren und Kurse sowie unsere Kommunikationskanäle Aufklärungsarbeit und setzen uns dabei für eine natur- und sozialverträgliche Ausübung unseres Sports ein.

Das hört sich alles sehr politisch an – kommen Sie im DAV auch noch zum Radfahren?
Absolut! Unser Angebot wächst stetig, wie auch unser Mitgliederzahl. So gibt es jede Woche mehrere interne Biketreffs, zudem bieten wir geführte Touren und zum Beispiel auch Fahrtechnik-Kurse an. Aber wir Mitglieder verabreden uns auch einfach untereinander - das ist toll, denn gemeinsam macht das Biken am meisten Spaß.

INFO: Für alle, die gerne mit Gleichgesinnten in einer Gruppe Mountainbiken möchten, bietet die Mountainbike-Gruppe Stuttgart des DAV Schwaben geführte Touren und interne Biketreffs an. Auch Nicht-Mitglieder sind zum Schnuppern herzlich eingeladen. Seit Kurzem gibt es zudem einen Treff nur für Frauen. Auch auf Facebook sind die Biker des DAV Schwaben aktiv.

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