Rachel Dror, die Doyenne der Israelitischen Religionsgemeinschaft in Stuttgart, feiert ihren 100. Geburtstag. Ihr Leben spiegelt exemplarisch das Schicksal deutscher Juden im 20. Jahrhundert wider. Zum Geburtstag wünscht sie sich Bäume für Israel.
Stuttgart - Die biblischen Stammväter von Adam bis Noah wurden angeblich hunderte Jahre alt. Methusalah starb gar mit 969 Jahren. So steht es im Alten Testament. Dagegen nimmt sich der Wunsch von Rachel Dror fast bescheiden aus: „150 würde ich schon gern werden“, sagt sie und lacht. „Denn das Leben macht Spaß.“ Am Dienstag feiert die Doyenne der Israelitischen Religionsgemeinschaft in Stuttgart ihren 100. Geburtstag.
Das Leben von Rachel Dror spiegelt exemplarisch das Schicksal deutscher Juden im 20. Jahrhundert wider. Mit dem Verlust von Heimat und Familie, Ausgrenzung und Verfolgung. Aber auch mit Mut und Stärke, die aus der tiefen Verwurzelung im Judentum kommen. Über dieses Leben zu berichten, war ihr Anliegen und Verpflichtung. Noch kurz vor dem Ausbruch von Corona zog Rachel Dror als Zeitzeugin junge Menschen in Schulen in ihren Bann. Erst die Pandemie zwang sie zur Untätigkeit. Wer sie kennt, weiß: Stillstand ist gegen ihre Natur. Aufklärung über das Judentum, der christlich-jüdische Dialog, sind ihr Herzensanliegen. „Ich will eine Brücke schlagen und dem Judentum das Mysteriöse nehmen“, sagt sie.
Aufgewachsen mit preußischer Disziplin
Rachel Dror wurde am 19. Januar 1921 in Königsberg in Ostpreußen geboren, der Heimat des Philosophen Immanuel Kant. Und es scheint, als ob sein Geist der Aufklärung, seine Forderung, praktische Vernunft zur Grundlage des Handelns zu machen, für diese Frau zur Richtschnur im Leben wurde. Unbeirrbar, pragmatisch und selbstbestimmt ist sie diesen Weg gegangen.
Kindheit und Jugend waren unbeschwert. Der Vater Hugo Chaim Lewin war Holzhändler, die Mutter Esther stammte aus der fränkischen Rabbinerfamilie Rosenbaum. Man lebte orthodox und befolgte Gesetze wie die koschere Küche oder die Sabbatruhe. Man hört Rachel Dror gespannt zu, wenn sie das Panorama des jüdischen Lebens ausbreitet und Leiden und Sterben nicht ausklammert. Authentisch, unsentimental, nie anklagend, aber mahnend. Über Jahrzehnte hat sie das gemacht: Bei Führungen in der Synagoge, in Seminaren der Landeszentrale für politische Bildung, im Erzieherausschuss der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit und immer wieder in Schulen. „Es macht mir Freude, von Zuhause zu erzählen“, sagt sie. Das sei sie ihren Eltern schuldig, denen sie die Erziehung zu Wahrhaftigkeit, Toleranz, preußischer Disziplin und Pioniergeist verdanke.
Die erste Polizistin in Israel
Als Pionierin sollte sich Rachel Dror erweisen. Sie war auch im Geist des Zionismus aufgewachsen, dem Glauben an einen jüdischen Staat. Als sie nach der NS-Machtergreifung der Schule verwiesen wurde, schloss sie sich 1936 der Hachscharah, der Auswanderergruppe mit dem Ziel Palästina, an. Nicht aus Angst vor den Nazis, sondern aus Überzeugung. Ihr sei nie etwas Böses widerfahren, versichert sie. Auch nicht in der Pogromnacht vom 9. November 1938, die sie in Hamburg erlebte. Am 29. April 1939 bestieg sie in Triest das Schiff nach Palästina.
Eine Tante, die seit 1913 dort lebte, hatte die Passage bezahlt. Der jüngere Bruder überlebte in England, die Eltern sah sie nie wieder. Das Datum, an dem sie die Nachricht von der Ermordung der Eltern in Auschwitz erreichte, hat sich ihr eingebrannt: der 15. Mai 1945. Aber sie habe es damals so hingenommen, sagt sie: „Ich wollte mich nicht belasten und nichts wissen von den Gräueln der KZ.“ Frei wollte sie leben, das zeigt der Name, den sie wählte: Dror bedeutet Freiheit. 1948, nach der Gründung Israels, wurde sie dort die erste Polizistin, sie ließ wohl keine Verstöße im Straßenverkehr durchgehen. Diese preußische Disziplin brachte ihr auch üble Beschimpfungen ein, „sogar als Nazi-Schwein oder KZ-Schergin.“
Um den jüdisch-christlichen Dialog verdient gemacht
Aus gesundheitlichen Gründen kehrte Rachel Dror 1958 mit Mann und Tochter nach Deutschland zurück. Sie wurde in der jüdischen Gemeinde Stuttgarts heimisch, unterrichtete als Lehrerin Kunst und machte Aufklärung und Begegnung zu ihrer Mission. Für ihre Verdienste, zu denen auch der ihr von ihr initiierte Gedenkort für die Cannstatter Synagoge zählt, wurde sie mit der Otto-Hirsch-Medaille der Stadt und dem Verdienstorden des Landes geehrt.
Rachel Dror sagt ohne Umschweife, was sie denkt, souverän, angstfrei. „Ich habe keine Angst“, betont sie. Sorge mache ihr nur, dass Deutschland mit antisemitischen und rechtsradikalen Strömungen wieder einen falschen Weg nehmen könnte. Doch sie hofft auf die jungen Leute, von denen sie stets eine zugewandte Resonanz erfahren habe.
Israel, der wahr gewordene Traum
Nun verhindert Corona das große Fest und den Besuch von Tochter und Familie aus Israel. Freunde und Gratulanten will sie aber empfangen, mit Maske und Abstand. Und sie hat einen Wunsch: Bäume für Israel. Rachel Dror spendet seit Jahren für den Jüdischen Nationalfonds Keren Kayemeth Leisrael und hat in Israel bereits einen Hain mit 1000 Bäumen gepflanzt: „Ich will, dass dieses Land sich weiterentwickelt.“ Das Land ihres Herzens und wahr gewordenen Traumes.