Steinenbronn wächst und gedeiht. Zukünftig sollen weitere neue Wohn- und Gewerbegebiete ausgewiesen werden. Foto: Thomas Krämer

Die Schönbuchgemeinden sind im Umbruch. Die früheren Bauerndörfer wandeln sich fast schon in kleine Städte. In einer Serie beleuchten wir die Entwicklung einzelner Quartiere. Diesmal: Steinenbronn

Steinenbronn - Steinreich und bettelarm. So seien die Steinenbronner früher gewesen, heißt es. Wie das zusammenpasst? Nun, der Ort liegt auf einer Gesteinsplatte über dem Aich- und dem Reichenbachtal, und die Böden sind weder besonders tiefgründig noch reich an Nährstoffen.

Trotzdem scheint der Ort schon in früheren Zeiten eine große Anziehungskraft gehabt zu haben. Kelten siedelten im 5. Jahrhundert dort, hinterließen Grabhügel, die denen in Hochdorf in nichts nachstehen, aber noch nicht so gut erforscht sind. Und eine Stele aus dieser Zeit, um die sich der 2009 verstorbene Steinenbronner Heimatforscher Paul E. Schwarz verdient gemacht hat – übrigens der einzige Ehrenbürger des Ortes. Die Keltenstele selbst wird heute im Landesmuseum Stuttgart präsentiert, ein Abdruck davon steht vor dem Steinenbronner Rathaus.

Reich war der Ort noch in anderer Hinsicht. Es gab viele Brunnen und damit auch Wasser. Der alte Wettebrunnen war einst Treffpunkt der Dorfjugend, „wo sich die Burschen entkleideten und badeten unter großem Zudrang von Alt und Jung beiderlei Geschlechts“, wie ein Kirchenkonvent 1868 kritisch anmerkte. Heute sprudelt Leitungswasser aus dem neu gestalteten Wettebrunnen vor dem Rathaus, etwas unterhalb aus dem Beerlesklopferbrunnen, der den Spitznamen der Steinenbronner trägt. Doch bei den Beeren, die „geklopft“, sprich zerkleinert und ausgepresst wurden, handelt es sich vermutlich weniger um Weintrauben, sondern um Waldbeeren. Denn Bäume gab es genug rings um die Siedlung, der Wald wurde intensiv genutzt. Einziger Brunnen, in dem das Wasser heute noch wirklich aus einer Quelle hervortritt, ist der Jakobsbrunnen an der Schönaicher Straße.

Für die Schönbuchbahn das „Geld vom Mund abgespart“

Massive Verkehrsprobleme wie in vielen Filderkommunen gibt es in Steinenbronn nicht. Den Grund dafür findet man auch in der Ortsgeschichte. Dass nicht durch den Ort gereist wurde, war früher sicherlich ein Nachteil, denn die berühmte Schweizer Straße, eine der im 18. Jahrhundert wichtigsten Fernstraßen von Bad Cannstatt in Richtung Süden, führte am Ort vorbei – die „große Welt“ ließ Steinenbronn links liegen. Das änderte sich erst Anfang des 20. Jahrhunderts. 1928 wurde die Schönbuchbahn eröffnet, an deren Bau sich die Steinenbronner beteiligt hatten, sich gar „das Geld vom Mund abgespart“ hatten, wie die Heimatgeschichtlerin Gitta Obst sagt. Allerdings musste man eine halbe Stunde bis zum Bahnhof laufen. Ein Weg, den man sich von 1956 an sparen konnte – denn in diesem Jahr wurde der Personenverkehr auf der Linie eingestellt. Zum Glück gab es da schon längere Zeit Busse, die meist Männer nach Tübingen und vor allem in Richtung Stuttgart brachten, wo man Geld auf dem Bau verdienen konnte. Und das war wichtig. Denn wie eingangs geschrieben, fielen die Ernten der Steinenbronner Bauern im Allgemeinen nicht üppig aus, waren die Höfe eher klein. Man brauchte noch eine weitere Einnahmequelle, die für viele zum Haupterwerb wurde, die als Bauhandwerker, Seiler, Weber oder Schmied arbeiteten. Und das über den Ersten Weltkrieg hinaus.

Schon seit Jahrzehnten gibt es eine Umgehungsstraße

Die Industrialisierung erreichte Steinenbronn erst spät, die Unternehmen siedelten sich erst nach dem Zweiten Weltkrieg in einem Areal im Norden des Ortes an der Hohewartstraße an. Zeitgleich kamen auch Flüchtlingen aus dem Osten, vor allem aus Donauschwaben und dem Sudentenland. All das veränderte den Ort. Man brauchte neue Wohnungen, eine neue Schule und eine neue Kirche – eine katholische. Steinenbronn wuchs.

Ungewöhnlich für diese Zeit hatte Steinenbronn zu diesem Zeitpunkt schon seit Jahrzehnten eine Umgehungsstraße: Die in den 1920er Jahren gebaute einstige Hindenburgstraße. Deren Nord-Süd-Verlauf zeigt, dass sich die Menschen im Ort bis in jüngste Zeit vor allem in Richtung Filder und Landeshauptstadt orientierten, was auch an der immer noch schlechten ÖPNV-Verbindung in Richtung Böblingen liegt. Erst später wurde Steinenbronn, das einst zum Stuttgarter Oberamt gehörte, dem Landkreis Böblingen zugeschlagen. Lange Zeit mussten die Steinenbronner jedoch den Weg via Waldenbuch nehmen, um in ihre Gemeinde zu kommen. Für die neue Verbindungsstraße gen Westen wurde das Alte Rathaus – ein prächtiger Fachwerkbau aus dem Jahr 1524 – geopfert. Und was die Verbindung nach Stuttgart dank der Umgehungsstraße nicht schaffte, gelang nach Ansicht so mancher Bürger mit dem Bau der Schönaicher Straße: die Teilung des Ortes.

Gute Infrastruktur und ein reges Vereinsleben

In einem anderen Zusammenhang bekommt das Wort „Teilung“ eine positive Bedeutung. Denn das in den 1970ern entstandene Gewerbegebiet vis-à-vis der Ortsumfahrung beeinträchtigt heute das Ortszentrum vergleichsweise wenig. Das Areal wurde über die Jahre hinweg immer weiter vergrößert, „damit entstanden 400 bis 500 neue Arbeitsplätze“, sagt Bürgermeister Johann Singer. Und es soll weitergehen, denn viel freien Platz gibt es in den bestehenden Gewerbegebieten nicht. „Die Gemeinde selbst hat im Maurer II und III selbst keine Flächen mehr“, sagt Singer. Deshalb sollen nun im Gebiet Maurer IV gemeinsam mit Waldenbuch, mit dem man in einem für die Flächennutzungsplanung zuständigen Verwaltungsverband vereint ist, neue Flächen entwickelt werden. „Insgesamt 5,9 Hektar“, wie der Bürgermeister sagt. „Nichts ist idealer, als am Arbeitsort zu wohnen“, betont Singer. Deshalb werde ein weiteres Gebiet für die Wohnbebauung vorbereitet. Gubser II heißt das 3,6 Hektar große Areal westlich des Weiler Wegs im Süden von Steinenbronn.

Singer hofft, dass nur wenige Neubürger den Ort als „Schlafstadt“ sehen und eher als ihren Wohnort – so wie viele andere zuvor. Denn es gebe Geschäfte, eine gute Infrastruktur, hervorragende Bedingungen für die Naherholung am Rande des Schönbuchs – und ein reges Vereinsleben. „Mehr als 40 Vereine sind für eine Gemeinde in der Nähe zur Landeshauptstadt sehr gut“, befindet der Bürgermeister, der ein großes Interesse junger Menschen an Werten und der Tradition ausgemacht hat. Das sieht auch Gitta Obst so. „In den Vereinen kann jeder Kontakte knüpfen“, sagt die Steinenbronnerin und betont deren Wert bei der Integration von Zuzüglern und Flüchtlingen. Dass die im Ort gut aufgenommen worden seien, liegt für sie auch an den in der Vergangenheit gemachten Erfahrungen mit Neubürgern, denen man im Ort offen begegnet sei. Der Heimatverein, dessen Vorsitzende Obst ist, sei in den 1960ern gegründet worden – maßgeblich von den Vertriebenen.

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