„Ohne Musik kann man nicht existieren“: der US-Musiker Quincy Jones. Foto: Greg Gorman

Am 16. Juli tritt Quincy Jones bei den Jazz-Open in Stuttgart auf. Bei einem Telefonat blickt er auf seine grandiose Musikkarriere zurück und kommentiert Donald Trump: „Der totale Albtraum!“

Stuttgart - Ein Jazzer, so sagt man, spielt eine Melodie niemals auf dieselbe Weise. Er entdeckt sie immer wieder neu, variiert, erfindet sie. Und ein Jazzer wie Quincy Jones, der dieses Spiel seit sieben Jahrzehnten schon spielt, ist nicht zu haben für ein gewöhnliches Interview. Eine Liste mit vorbereiteten Fragen legt man besser gleich zur Seite. Mehr als 9000 Kilometer entfernt, in Los Angeles, Kalifornien, schmunzelt Quincy Jones am Telefon – mit dieser Legende plaudert man lieber ganz locker. Er hat, als Produzent, Arrangeur, Musiker, mit den Größten des Jazz zusammengearbeitet, hat die Musik für unzählige Kinofilme geschrieben, hat Michael Jackson zum Superstar gemacht. „It blows my mind, too“, sagt er. „Sometimes it feels like ­somebody else“ – manchmal kann er all das selbst nicht fassen, glaubt, es sei einem anderen widerfahren.

Ganz locker kann Quincy Jones die großen Namen fallen lassen. Er hat sie alle gekannt: Dizzy Gillespie, Lionel Hampton, Frank Sinatra. In den 1960er Jahren nahm er in New York ein Jazzalbum mit Nana Mouskouri auf, die Jahre später zum Star des deutschen Schlagers werden sollte. An Charles Aznavour erinnert er sich, an Sarah Vaughan, Aretha Franklin, Ella Fitzgerald, Billy Eckstine. „Als ich vierzehn war, bin ich mit Billie Holiday aufgetreten“, erzählt er.

„Ein Produzent muss viel Liebe, Vertrauen und Respekt für die Musiker haben“, sagt Quincy Jones. „Selbst dann, wenn er mit Sinatra arbeitet. Aber der Song ist fast noch wichtiger als der Sänger. Ein großartiger Song kann den schlechtesten Sänger der Welt zu einem Star machen. Das ist die Macht, die der Song besitzt.“ Um einen guten Song zu erkennen, fügt er hinzu, sollte man allerdings seine Hausaufgaben gemacht haben. „The soul and the science“ – das ist es, was für Quincy Jones den Musiker, Produzenten ausmacht: Gefühl, Wissen und technisches Können. „An deinem Feeling brauchst du nicht zu arbeiten, aber ein Musiker sollte immer wissen, was er tut.“

Auf dem Schlossplatz tritt er mit dem 23-jährigen Jacob Collier auf

Musik, sagt Quincy Jones, ist Veränderung. „Natürlich ist heute alles anders als damals! Als ich angefangen habe, hatten der Jazz und der Blues eben erst begonnen, die Welt zu erobern. Heute kennen die jungen Musiker ihre Möglichkeiten sehr genau. Vor einigen Jahren war das noch nicht so. Da gab es nur die zwei Gitarren, den Bass und das Schlagzeug. So war das 65 Jahre lang. Ich weiß noch, wie ich die Beatles traf, 1962. Die waren ja noch gar nicht in den USA gewesen. Paul und John und ich wetteten, dass sie niemals groß werden würden in Amerika. Falsch!“. Quincy Jones lacht, lange.

Dem Jazz verlieh er mit seinen perfekten Arrangements Glanz, stets war er am Puls seiner Zeit, schlug als einer der Ersten Brücken vom Jazz zur Popmusik. Auch heute noch arbeitet Quincy Jones gerne mit jungen Talenten zusammen. So wird der britische Multi-Instrumentalist Jacob Collier, 23 Jahre alt, bei den diesjährigen Jazz-Open in Stuttgart mit ihm auftreten. „Er ist ein absolutes Genie“, schwärmt Quincy Jones. Vor mehr als fünfzig Jahren war es ein anderes junges Talent, das er förderte: „In den Sechzigern, als es mit dem Rock ’n’ Roll losging, dachten alle, Jazzer könnten das nicht bringen – aber ich fand Lesley Gore, Mann, und wir brachten es.“ Lesley Gore, 17 Jahre alt, sang „It’s My Party“, und ist unvergessen. „Ich denke heute sehr viel nach über mein Leben“, sagt Quincy Jones. „Es war überwältigend und ungeheuer kreativ. Es hat nie aufgehört, ganze siebzig Jahre lang.“ Am 14. März feierte er seinen 84. Geburtstag, und noch immer, so Jones, habe er das Gefühl, die wunderbare Reise würde erst beginnen: „Wir arbeiten an zehn Filmen, sechs Alben und vier Broadway-Shows.“ Sechs Monate im Jahr ist Quincy Jones unterwegs, steht mit vielen Musikern auf den Bühnen. 17 Künstler betreut er als Produzent. „Ich habe mich immer dagegen gewehrt, erwachsen zu werden“, sagt er. „Das ist langweilig.“

Welche Musik er bei denJazz-Openspielen wird – dazu will er noch nichts sagen. Ob es ein reines Jazzkonzert wird? „Das kommt ganz darauf an, was das Publikum hören möchte. Wenn es nur den Jazz will, dann spielen wir nur den Jazz. Wir legen aber auch gerne ein paar Pop-Sachen dazu. Für mich gibt es keinen Unterschied. Das Letzte, was Duke Ellington zu mir sagte, war: Please be the one to decategorize American music – bitte sei du derjenige, der die amerikanische Musik aus ihren Schubladen holt. Es gibt nur zwei Arten von Musik: die gute und die schlechte.“

Meldungen über den wieder aufflammenden Rassismus in den Vereinigten Staaten quittiert Quincy Jones trocken, knapp. „Das kommt nicht wieder“, sagt er. „Es war niemals fort. Man hat nur nicht darüber gesprochen. So ist es auf der ganzen Welt. Die Schwarzen und die Weißen haben immer in getrennten Gesellschaften gelebt.“ Und Donald Trump? „Nightmare!“, ruft er aus. „Der totale Albtraum. Das muss aufhören. Wir brauchen eine Veränderung. So kann es nicht weitergehen.“

„Musik, das ist die größte Leidenschaft“

Quincy Jones erinnert sich auch an jenen einen Film, den Sam Peckinpah 1972 drehte. Drüben, in Los Angeles, summt er die ersten Takte der wundervoll romantischen Melodie ins Telefon, die Toots Thielemann für ihn auf der Mundharmonika spielte. „You liked that?“, sagt er. „Well, thank you!“ Steve McQueen, erzählt Quincy Jones, war es, der ihn dazu brachte, den Soundtrack zu „The Getaway“ in nur zehn Tagen zu schreiben.

Was ist es, das diesen Mann seit siebzig Jahren antreibt, noch immer nicht ruhen lässt? „Quincy Jones, was lieben Sie an der Musik?“, lautet also die direkte Frage. „Soll das ein Scherz sein?“, sagt er. „Musik, das ist die größte Leidenschaft. Es ist die Stimme Gottes. Sie schwebt im Universum, seit Jahrhunderten schon. Man kann sie nicht sehen, man kann sie nicht berühren, aber man fühlt sie, ganz sicher. Die letzten Dinge auf diesem Planten werden das Wasser sein und die Musik. Ohne Musik kann man nicht existieren. Sie hält dich am Leben, sie macht dich glücklich, sie macht, dass deine Traurigkeit verschwindet.“

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