Statt zur Demonstration fahren Querdenker neuerdings zum Hilfseinsatz ins Gebiet der Flutkatastrophe. Die Psychologie dahinter erklärt Michael Blume, der Landesbeauftragte gegen Antisemitismus im Interview.
Stuttgart - In Folge der Hochwasserkatastrophe helfen viele Menschen vor Ort. Nicht alle haben lautere Motive. Über Telegramkanäle laden Akteure der Querdenkerszene Helferinnen und Helfer in eine Schule in Bad Neuenahr-Ahrweiler ein. Michael Blume, der sich als Antisemitismusbeauftragter auch mit dem Verschwörungsglauben der Querdenker auseinandersetzt, erklärt, was deren Motive sind.
Herr Blume, sind Sie überrascht, dass die Querdenker-Szene in Bad-Neuenahr Ahrweiler vor Ort ist?
Nein, überhaupt nicht. Die Querdenker-Bewegung steckt in einer Krise. Mit den Themen Corona und Impfen können nicht mehr so viele Menschen mobilisiert werden, wie das vor einigen Monaten noch der Fall war. Daher sehen wir den Versuch, sich in anderen Feldern und Bereichen zu inszenieren.
Und da kommt dann der Klimawandel ins Spiel?
Die Klimakrise darf es nach der Logik vieler Menschen aus der Szene nicht geben. An Naturkatastrophen muss somit eine Verschwörung schuld sein. Daher überrascht es nicht, dass in Querdenkerkreisen in Bezug auf das Hochwasser schon von „Wettermanipulationen“ die Rede ist. Das hat zur Folge, dass schlimme Wetterphänomene gleich interpretiert werden, wie die Pandemie. Nach dieser Logik ist die Klimakrise neben Covid-19 eine Erfindung von „denen da oben“, um eine „Ökodiktatur“ einzuführen.
Was ist das Ziel, dass durch Hilfseinsätze von Querdenkern verfolgt wird?
In einem ersten Schritt soll das Bild vermittelt werden, dass der Staat nicht schützen kann. So wurde in den sozialen Medien die Falschmeldung verbreitet, dass sich die Polizei vor Ort zurückzieht und die Menschen alleinlässt. In einem zweiten Schritt stellen sich die Akteure der Szene als diejenigen dar, die als einzige helfen. Es soll das Bild vermittelt werden, dass nur ihnen vertraut werden könne. Ein Beispiel hierfür ist ein Fahrzeug, das wie ein Polizeiauto aussieht, und durch Neuenahr fuhr. Daneben gibt es schlicht finanzielle Motive. Die Medienpräsenz wird mitunter dazu genutzt, um Geld zu akquirieren oder sogar um persönliche Merchandiseartikel zu verkaufen.
Welche Auswirkungen sind zu erwarten?
Wenn mit der Motivation geholfen wird, Menschen für das eigene Weltbild zu gewinnen, kann es gefährlich werden. Es ist zum einem die Behinderung von echter Hilfsarbeit zu befürchten. Wie anhand einschlägiger Telegramgruppen zu sehen ist, wurde innerhalb der Gruppe schon diskutiert, inwieweit Geimpften geholfen werden soll. Zum anderen ist mit einer Behinderung der Berichterstattung zu rechnen, wie es bei Querdenker-Demonstrationen der Fall war.
Was ist Ihre Prognose? Wie wird es weitergehen?
Jetzt, da die Maßnahmen zur Eindämmung von Covid-19 in vielen Bereichen gelockert wurden, springen die Querdenker auf die Klimakrise auf. Auf dieses Phänomen müssen wir uns leider einstellen. Zudem ist festzustellen, dass die Querdenker-Szene zwar zahlenmäßig kleiner wird, sich die wenigen Leute aber zunehmend radikalisieren. Daher fürchte ich, dass immer wieder mit gezielten Eskalationen zu rechnen ist.
Welchen Rat geben Sie Menschen, die Querdenker im Familien- oder Freundeskreis haben?
Es nützt nichts die Menschen, die einem Verschwörungsglauben anhängen, lächerlich zu machen. Vielmehr gilt es, die dahinterliegende Psychologie aufzudecken. Es muss gezeigt werden, dass ganz gezielt mit den Ängsten von Menschen gespielt wird und das die Initiatoren Geld machen wollen. Menschen, die noch auf der Kippe stehen, können so zum Nachdenken gebracht werden.
Das Gespräch führten Eberhard Wein und Paul Vögler