Jennifer Jordan, Maren Langer und Link (von links) erzählen, wie sich das gesellschaftliche Klima gegenüber queeren Menschen verändert hat. Foto:  

Zum ersten Mal findet in Ludwigsburg die queere Kulturwoche statt. Drei Menschen berichten von Anfeindungen – und dass die Regenbogenfahne zur Sicherheit auch mal in der Tasche bleibt.

Es ist eine paradoxe Situation, die sich zur Zeit in Deutschland verstärkt. Einerseits gibt es immer mehr Veranstaltungen und Aktionen für queere Menschen. Gerade im ländlichen Raum steigt die Zahl der Christopher Street Day-Paraden jährlich an, die Community vernetzt sich immer weiter. Das passiert auch in Kleinstädten wie Ludwigsburg, wo sich im vergangenen Jahr der Verein „Lisbert Queer“ gegründet hat, der kommende Woche zum ersten Mal eine Queere Kulturwoche veranstaltet.

 

Gleichzeitig steigt die Zahl der queerfeindlichen Straftaten, und gegen die CSD-Paraden formiert sich immer öfter Protest von rechts. Drei Menschen aus Ludwigsburg erzählen, wie sich das gesellschaftliche Klima gegenüber queeren Menschen verändert hat, welche Sorgen sie umtreiben und was ihnen Hoffnung macht.

Jennifer Jordan, 42 Jahre alt, Stadträtin und Studentin

Seit mehr als 20 Jahren lebt Jennifer Jordan offen queer. Die Ludwigsburgerin sitzt für die Grünen im Gemeinderat und studiert Soziale Arbeit. Sie ist Mutter eines Kindes.

„Schon das Adoptionsverfahren war für uns eine sehr diskriminierende Erfahrung. Es musste im Fragebogen alles offengelegt werden: Familiäre Verhältnisse, Finanzen, selbst bisherige Partnerschaften mussten in einem Lebensbericht dargelegt werden. Auch heute merken wir im Alltag noch, dass queere Menschen nicht gleichgestellt sind. Auf sehr vielen Dokumenten müssen wir zum Beispiel regelmäßig den Begriff „Vater“ durchstreichen und ersetzen.

Mit Blick auf das gesellschaftliche Klima muss man klar sagen: Wir machen gerade Rückschritte. Zwar nehmen auf dem Papier die Rechte für queere Menschen zu, etwa durch die Ehe für alle oder das Selbstbestimmungsgesetz. Und es gibt auch immer mehr CSD-Paraden im ländlichen Raum. Gleichzeitig steigt die Queerfeindlichkeit aber nachweislich an. Auch wenn es in Ludwigsburg noch keine öffentlichen Übergriffe gab, ist die Angst da. Denn warum sollte es hier anders sein als anderswo in Deutschland?

Bei der Größe unserer Stadt ist es irritierend, dass man queeres Leben hier so wenig wahrnimmt – aber es tut sich was. Von der Stadt gibt es zwar Unterstützung, aber die Initiative dafür muss immer aus der Community kommen. Es geht darum, mehr Sichtbarkeit und Orte der Begegnung für queere Menschen zu schaffen. Dazu wollen wir mit unserem Verein und der queeren Kulturwoche beitragen.“

Maren Langer, 36 Jahre alt, Stadtbibliothekar

Maren Langer lebt in Ludwigsburg und ist trans-männlich, nicht-binär. Neben seinem weiblich gelesenen Vornamen benutzt Maren männliche Pronomen.

„Dass es in Ludwigsburg jetzt den Lisbert Queer Verein gibt, war ein enormer Schritt nach vorne. Mittlerweile gibt es auch für Erwachsene immer mehr Angebote, das macht es einfacher, sich zu vernetzen. Bei mir hat das die Erkenntnis geweckt, dass auch in Ludwigsburg eine queere Szene da ist, es aber Angebote braucht, damit sie sichtbar wird.

Gleichzeitig bleibt es dabei, dass alles ehrenamtlich organisiert werden muss, damit etwas passiert. Da würde ich mir mehr Unterstützung von Seiten der Stadt oder von Vereinen außerhalb der queeren Community wünschen. Die Offenheit in der Gesellschaft gegenüber queeren Menschen wächst nur dann, wenn sie selbst sichtbar werden – das ist Fluch und Segen zugleich.

Denn ich sehe es auch so, dass die gesellschaftliche Akzeptanz für queeres Leben schon größer war – auch wenn wir da noch nie sonderlich weit waren. Gleichzeitig gilt das für alle Gruppen, die von Diskriminierung betroffen sind, also auch Arbeitssuchende oder Menschen mit Migrationsgeschichte. Die Art, wie politisch über diese Gruppen gesprochen wird, wie die diskriminierenden Äußerungen zunehmen, sorgt dafür, dass queerfeindliche Gruppen mehr Zulauf und Akzeptanz bekommen. Das ist eine Gefahr für uns alle.“

Link, 42 Jahre alt, Berater

Im Jahr 2020 kam Link der Liebe wegen aus der Schweiz nach Deutschland. Link identifiziert sich als non-binär und möchte den Nachnamen nicht in der Zeitung lesen. Als selbstständiger Berater für Sportcoaches lebt Link heute abwechselnd in Ludwigsburg und der Schweiz.

„Ein großes Problem für Ludwigsburgs queere Szene ist, dass die Stadt zu nah an Stuttgart liegt. Es gibt hier nur wenige Events, aber man findet welche, wenn man sie sucht. Bislang waren viele Angebote auf jüngere Menschen zugeschnitten. Ich kam mit Mitte 30 nach Ludwigsburg, habe erst mal nicht viele Anlaufstellen gefunden. Bis mich eine Person vom Verein angesprochen und auf Lisbert aufmerksam gemacht hat.

Gesellschaftlich sehe ich keine Rückschritte, zumindest keine, die sich rechtlich beweisen ließen – das Selbstbestimmungsgesetz zum Beispiel war sogar eine große Erleichterung. Dass es immer noch so kritisch gesehen wird und manche jetzt sogar über eine Abschaffung diskutieren, macht mir aber Angst. Ein Rückschritt ist definitiv auch, dass es in der Community mittlerweile einen Konsens gibt: Du packst die Regenbogenfahne erst aus, wenn du auf der Demo bist, und du verlässt die Demo nur in der Gruppe – alles andere ist zu gefährlich.

Aktuelle Kommentare aus der Politik und die generelle Stimmung gerade helfen eher den Menschen, die intolerant gegenüber der queeren Community eingestellt sind. Ihre Ängste und ihre Abneigung werden gefördert, anstatt ihnen entschieden entgegenzutreten.“

Queere Kulturwoche Ludwigsburg

Veranstaltungen
Unter dem Motto „Queer verbindet“ finden in der kommenden Woche im gesamten Stadtgebiet zahlreiche Veranstaltungen zu queerem Leben in Ludwigsburg statt. Organisiert wird die Woche vom Verein „Lisbeth Queer“, genauere Informationen gibt es auf dessen Webseite.

Queerness
Als „queer“ bezeichnen sich Menschen, die nicht heterosexuell sind oder deren geschlechtliche Identität nicht mit gesellschaftlichen Rollenbildern übereinstimmt.