Eintrag ins Goldene Buch der Stadt: Queen Elizabeth II. mit Stuttgarts OB Arnulf Klett in der Kanzel des Fernsehturms. Im Hintergrund ist Prinz Philip zu sehen. Foto: dpa

Ein Staatsbesuch in Stuttgart brachte vor über 60 Jahren die Rathaus-Mitarbeiter ins Schwitzen. Eine Verwechslung zwischen Marbach am Neckar und dem Landesgestüt Marbach sorgte für Irritationen: "Where are the horses?", fragte die Queen. [Archiv]

Suttgart - Dem Zufall wurde nichts überlassen, als Queen Elizabeth II. und ihr Mann, Prinz Philip, am 24. Mai 1965 Stuttgart besuchten. Das geht aus einem Protokoll der Rathausverwaltung hervor, das im Stadtarchiv lagert. Das Dokument zeigt, wie detailliert die Mitarbeiter von Oberbürgermeister Arnulf Klett den royalen Besuch damals vorbereiteten. So machte man sich beispielsweise über die Kleiderordnung ("Stresemann oder schwarzer Anzug? Damen mit oder ohne Hut?") und die angemessene Begrüßung ("Hofknicks oder nicht?") Gedanken.

 

Mögliche Blumengrüße für die britische Monarchin, die 2022 starb, machten der Stadtverwaltung offenbar besondere Sorgen: So sollten die Stuttgarter über die lokale Presse dazu aufgerufen werden, Elizabeth bei ihrer Autofahrt durch den Kessel keine Sträuße zuzuwerfen, "weil dies in England als unhöflich gilt". Bei ihrer Ankunft am Fernsehturm sollte die Königin von Kindern Blumen überreicht bekommen - allerdings, da ist das Protokoll ganz klar, nur "kleine Sträuße".


Wie voll darf der Aufzug werden?

Die anschließende Aufzugfahrt in die Kanzel des Fernsehturms stellte die Organisatoren des Staatsbesuchs vor besondere protokollarische Herausforderungen: Wie viel Gedränge darf dem Oberhaupt von 53 Commonwealth-Staaten zugemutet werden? Schließlich entschied man sich dazu, OB Klett und Ministerpräsident Kurt Georg Kiesinger samt Frauen in einen Aufzug mit dem Königspaar zu stecken. Für die Queen "sollte an der Rückseite eine schmale Polsterbank zur Verfügung stehen." Auch an Erfrischungen wurde gedacht: Der Queen und Prinz Philip sollte "Gin und Tonic, Whiskey und Orangensaft" angeboten werden - und das am hellichten Nachmittag.

Nach dieser Stärkung trugen sich die Königin und ihr Gatte ins Goldene Buch der Stadt ein. Dabei fassten sie sich kurz: "Elizabeth R." - das R steht für Regina, das lateinische Wort für Königin - und "Philip" stehen samt schwungvoller Schnörkel mitten auf der sonst weißen Seite. Dazu hat die Queen das Datum notiert. Es ist das falsche: Nicht am 23., sondern am 24. Mai besuchte sie die baden-württembergische Landeshauptstadt.

Der Eintrag im Goldenen Buch

Auch für Regen hatte man geplant

Das Wetter machte mit an diesem Montag vor über 60 Jahren: Doch auch für einen Regentag hatte man im Rathaus vorgeplant. Vom Parkplatz am Fernsehturm bis zum Turmeingang stand die "weibliche Polizei" Spalier. Bei Regen sollten "die Politessen" (so nannte man sie damals) "als Schirmträgerinnen fungieren."

Auch sonst lief alles am Schnürchen: Die Queen trug Gelb und Hut, Prinz Philip einen schmalen dunklen Anzug, als sie mit dem Zug am Stuttgarter Hauptbahnhof einfuhren. Am Gleis wurde ein roter Teppich ausgelegt, den die Königin an der Seite von Kurt Georg Kiesinger abschritt. 500.000 Schaulustige säumten die Straßen, schwenkten Fähnchen mit dem "Union Jack" und machten sich lang, um einen Blick auf Elizabeth zu erhaschen. Diese fuhr im Fond der Staatslimousine stehend durch den Stuttgarter Kessel. Neben ihr erneut Kiesinger - Prinz Philip folgte in einem separaten Wagen.

Elizabeth II. war damals 39 Jahre alt, ihr jüngster Sohn Edward hatte gerade seinen ersten Geburtstag gefeiert. Es war ihr erster Besuch in Deutschland und die erste Staatsvisite eines britischen Monarchen in Deutschland seit 1909. Dazwischen hatten zwei Weltkriege Deutsche und Briten entzweit. Der Besuch der Queen 20 Jahre nach Kriegsende war für die Bundesrepublik der Adelsschlag.

Stuttgarts OB Klett schrieb einen Dankesbrief

Etwa ein Jahr später bekam der Buckingham Palace Post aus dem Schwäbischen: OB Klett schrieb "Ihrer Majestät Königin Elizabeth II. von Großbritannien", um sich für den Besuch zu bedanken und der Queen ein Erinnerungsalbum zu offerieren. Der Brief fiel überschwänglich aus: "Die Freude und Begeisterung über den Besuch, den Sie und Seine Königliche Hoheit Prinz Philip Stuttgart abgestattet haben, sind in der Erinnerung unserer Bürgerschaft lebendig und unvergessen."

Der Dankesbrief von OB Arnulf Klett

Viele Legenden ranken sich bis heute um den Staatsbesuch. Dass die Erde um den Fernsehturm mit Sprühfarbe grün getüncht wurde, weil der Rasen nur spärlich spross, ist wohl wahr. Im Reich der Phantasie ist indes diese Anekdote zu verorten: In Marbach am Neckar, Elizabeths Station nach Stuttgart, soll die Queen die Frage "Where are the horses?" gestellt haben. Angeblich habe die pferdebegeisterte Königin lieber die Rösser der weltbekannten Gestüts Marbach als Schillers Geburtsstadt besichtigen wollen. Alexa Hennemann, Sprecherin des Deutschen Literaturarchivs, weiß: "Es ist nach allen Recherchen ein Gerücht." Aber doch ein sehr hübsches.