Anwohner schneiden Gemüse, um mit dem Foodsharing-Projekt Common Kitchens einen Eintopf zu kochen. Die Lebensmittel wären sonst entsorgt worden. Foto: /Cedric Rehman

Die Wohngenossenschaft Flüwo will das Leonhardsviertel als Quartier weiter entwickeln. Zum Auftakt schickt sie ihr Flüwo-Mobil vorbei und lädt zu einem Eintopfessen ein.

S-Mitte - Säcke mit Kartoffeln und Zwiebeln warten darauf, geschält oder klein gehackt zu werden. Mieter der Wohnbaugenossenschaft Flüwo und andere Anwohner sitzen vor dem Gustav-Siegle-Haus um Biertische herum und schneiden die Zutaten für einen Eintopf zurecht. Hinter ihnen hat das Foodsharing-Projekt Commons Kitchens vor der Leonhardskirche eine Küche aufgebaut. Dort verwandeln sich die Zutaten, die ansonsten im Müll gelandet wären, in einem Topf in ein nachhaltiges Abendessen.

Karin Weinmann von der Wohnbaugenossenschaft Flüwo begrüßt alle, die neu zu dem gemeinsamen Kochen mitten im Leonhardsviertel hinzukommen. Sie ist mit einem pink angemalten Transporter ins Leonhardsviertel gefahren. Das sogenannte Flüwo-Mobil nennt sie einen „rollenden Nachbarschaftstreff“. Weinmann erzählt, dass sie im Auftrag der Flüwo in ganz Baden-Württemberg unterwegs sei, um Kontakt mit den Mietern zu suchen.

Das Flüwo-Mobil ist zu Besuch

Ziel sei es, vor Ort im Gespräch zu erfahren, was die Mieter der Flüwo umtreibt. Das Flüwo-Mobil ist laut Weinmann an diesem Abend zum ersten Mal im Leonhardsviertel, um gemeinsam mit Common Kitchens Anwohner zum Kochen und Essen einzuladen. Auf die Frage, ob Interventionen für eine friedliche Nachbarschaft im Leonhardviertel mit seinem Ruf als Problemquartier besonders nötig seien, würde Weinmann wohl am liebsten die Augen verdrehen. „Wir haben hier Mieter, die auch nicht ausgezogen sind, als es noch leichter war, in Stuttgart eine Wohnung zu finden“, sagt sie.

Dann zählt Weinmann auf, was das Leonhardsviertel aus ihrer Sicht lebenswert macht. Sie nennt die zentrale Lage, viele in der ganzen Stadt beliebte Kneipen, eine Lebendigkeit, die anderswo in sterilerer Umgebung gar nicht entstehen könnte. „Das Leonhardsviertel ist mehr Stuttgart als die Königstraße“, findet die Flüwo-Mitarbeiterin.

Ladenbesitzer wünscht sich Vielfalt

Panagiotis Sokoridas ist wohl so etwas wie die lebende Bestätigung ihrer These vom guten Wohnen im Quartier. Er hat sich ein Feierabendbier aus seinem Laden Corner 17 am Leonhardsplatz mitgebracht. Sokoridas berichtet, dass er im Leonhardsviertel aufgewachsen sei und nirgendwo sonst leben wollte. Was würde er Weinmann erzählen, sollte sie ihn fragen, was ihm im Viertel fehlt? „Ich würde mir mehr Vielfalt wünschen gerade beim Gewerbe“, sagt der Ladenbesitzer.

Nina Weigl vom Vorstand der Flüwo schneidet derweil Zwiebeln. Sie spricht von 58 Wohn- und fünf Ladeneinheiten im Leonhardsviertel. Das klingt bürokratisch. Weigl betont aber, dass die Flüwo ihr Augenmerk auf die rund 140 Mieter in den „Einheiten“ richtet. Das Flüwo-Mobil und per Brief an die Anwohner oder über die sozialen Medien angekündigte Nachbarschaftstreffs wie das Kochen mit Common Kitchens beschreibt sie als niederschwellige Angebote des Dialogs.

Flüwo plant Nachbarschaftstreff

Die Flüwo habe aber noch etwas anderes im Quartier vor, sagt sie. „Wir wollen einen festen Nachbarschaftstreff“, sagt Weigl. Infrage käme als Fläche dafür eine der derzeit an Gewerbetreibende vermieteten Einheiten, erklärt sie. Weigl deutet an, dass ein Quartiertreff entstehen könnte, sobald ein Ladenbesitzer seinen Mietvertrag beendet. Weigl sieht das Leonhardsviertel vor Herausforderungen wie andere Quartiere auch. In einer stärker ausdifferenzierten Gesellschaft, in der Gruppen vermehrt nebeneinander her lebten, brauche es besondere Formate, damit Nachbarn Gemeinsamkeiten entdecken können, erklärt sie.

Der Kochabend am Leonhardsplatz steht nicht nur Mietern der Flüwo offen. Es sind auch jene eingeladen, die oft als Grund für den Ruf des Leonhardsviertels als Problemquartier ausgemacht werden: Süchtige und Obdachlose. Ein 29-Jähriger sagt von sich selbst, dass er auf der „untersten Schiene“ stehe. „Ich finde es toll, mit anderen an einem Tisch zu sitzen, die eher mittlere oder höhere Schiene sind“, sagt er. Solche Leute würden ihn ansonsten ignorieren, meint der Mann. Nach der gemeinsamen Mahlzeit könnte ihnen das schwerer fallen, hoffe er.

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