Musik für einen lebendigen Stadtteil: Vor dem Büro von Laura Vargas Gonzalez hat die Realschule Hinterweil ein spontanes Weihnachtskonzert gegeben. Foto:  

Supermarkt weg, Hausarzt weggezogen, sogar der Dönerimbiss ist abgewandert: Die Nahversorgung im Sindelfinger Stadtteil Hinterweil hat sich in den vergangenen Jahren spürbar verschlechtert. Vor allem das Stadtteilbüro um Laura Vargas Gonzalez stemmt sich gegen die Verödung.

Fast schon Trubel herrscht in dem Büro von Laura Vargas González, der Quartiersmanagerin im Sindelfinger Stadtteil Hinterweil. Auf der Theke steht Kuchen zur Auswahl, Kinder huschen umher. An den gedeckten Tischen sitzen rund 20 Leute, zumeist ältere Personen, die sich bei Kaffee und Kuchen unterhalten. Draußen vor der Tür formiert sich ein Orchester aus Schülern der Realschule Hinterweil. Sie werden gleich bekannte Weihnachtslieder schmettern.

 

Pures Leben, könnte man meinen. Aber weit gefehlt. So sieht es nicht immer aus an einem Mittwoch im Hinterweil. Üblicherweise geht es ruhig zu rund um den Nikolaus-Lenau-Platz, wenn nicht gerade eine Horde Schüler über die schmalen Wege läuft. Das liegt daran, dass Alltagsangebote mehr und mehr verschwinden. Die letzte Hausärztin? Abgewandert. Der ehemalige Netto? Geschlossen. Die Apotheke? Weggezogen. Sogar der Dönerimbiss ist weg. Bis auf Bäckerei und Pizzeria liegt die Nahversorgung brach.

Angebote für Familien und Senioren im Stadtteilbüro

Nur Laura Vargas González stemmt sich mit Kräften gegen diese Entwicklung. Wenn nicht gerade ein Weihnachtscafé stattfindet, lädt die 37-Jährige dienstags zur Sprechstunde. Mittwochs sind Mütter und Väter mit Nachwuchs zum „Eltern-Kind-Café“ eingeladen. Jeden zweiten Mittwoch besteht mit dem „Café im Quartier“ etwas, das vor allem Ältere in Anspruch nehmen. „Etwa 20, meistens ältere Frauen, kommen regelmäßig, trinken Kaffee, essen selbst gebackenen Kuchen und unterhalten sich. So wirken sie der Einsamkeit entgegen, denn für viele ist das die einzige direkte Begegnung in der Woche“, betont Vargas González. An jenem Mittwoch haben sich zur Überraschung aller einige Schüler vor dem Büro versammelt, mit Notenständer und Instrumenten unterm Arm. „Wir hatten mit der Realschule die Idee, die Bewohner mit einem spontanen Konzert zu erfreuen“, sagt die Quartiersmanagerin.

Zu den Klängen von „Jingle Bells“ und „Stille Nacht“ draußen wird drinnen gequatscht. Helga Sack ist eine Besucherin des Weihnachtscafés im Quartiersbüro: „Ich war drei Mal da. Hier pflegt man soziale Kontakte. Das hat sich alles zum Negativen entwickelt“, merkt Sack an, die seit 46 Jahren im Hinterweil wohnt. Eigentlich fühle sie sich hier wohl, es sei aber klar, dass das „Miteinander fehlt“. „Menschen brauchen Menschen. Wenn man überall Kontakte reduziert, nur noch Automaten oder keine Läden mehr hat, verödet alles“, beklagt Sack. Vor dem Tag, an dem sie nicht mehr mobil sei und mit dem Auto zum Einkaufen fahren könne, habe sie Angst. „Vielen ergeht das bereits so. Sie können nicht mehr mit dem Bus in die Innenstadt fahren“, so die Seniorin.

Die Wunschliste der Hinterweiler ist lang

So sehen das auch jene, die auf Plakaten an der Wand ihre Verbesserungsvorschläge für das Hinterweil niedergeschrieben haben: Mehr Einkaufsmöglichkeiten, medizinische Nahversorgung, einen Jugendtreff, Open Air Kino, Feste, Sportkurse, Angebote für Senioren, ein Repair-Café oder ein vergünstigtes ÖPNV-Ticket – um in anderen Ecken der Stadt einkaufen zu können. „Die Bewohner haben viele Ideen für die Zukunft“, sagt Laura Vargas González.

Damit das Hinterweil künftig nicht weiter ins Hintertreffen gerät, hofft die Sozialarbeiterin auf Unterstützung durch Stadt und Wirtschaftsförderung (WSG). Dort ist man sich der Problematik bewusst: „Obwohl das Einzugsgebiet groß ist, nimmt das Nahversorgungsangebot ab“, heißt es in einer Antwort der WSG auf Anfrage. Als Gründe werden angeführt: „Auf der einen Seite ist die Nachfrage der Bewohner zu gering. Sie nutzen bevorzugt die Angebote außerhalb des Stadtteils. Auf der anderen Seite finden auch im Handel Veränderungen statt.“ Dazu gehörten immer weniger inhabergeführte Betriebe, dafür aber größere Einzelhandelsgeschäfte in verkehrsgünstigen Lagen.

Nahversorgung wiederzubeleben, ist kein Kinderspiel

Dennoch sei man im Rathaus und der WSG damit beschäftigt, die Nahversorgung im Quartier wieder anzukurbeln, unter anderem dadurch, dass die Standgebühren auf dem Wochenmarkt übernommen, das Pilotprojekt mit dem mobilen Vollversorger „Mobi Deisl“ (von Betreiber Armin Deisl) angestoßen und Gespräche mit potenziellen Anbietern für eine Reaktivierung des ehemaligen Netto geführt worden sind. Doch der „Mobi Deisl“ erfährt wegen zu geringer Umsätze wohl keine Fortsetzung, und die Supermarktfläche scheint für Lebensmittelanbieter wenig attraktiv zu sein.

Trotz allem versichert die WSG: „Wir arbeiten an einem Konzept, um die Nahversorgung im Stadtteil Hinterweil zu verbessern.“ Die Bewohner jedenfalls, ob Jung oder Alt, würden es begrüßen, wenn über die Angebote der Quartiersmanagerin Laura Vargas González hinaus wirtschaftliches und soziales Leben ins Hinterweil zurückkehrt.

So sieht Quartiersarbeit in den Sindelfinger Stadtteilen aus

Hinterweil
 Im Stadtteilbüro von Laura Vargas González, Nikolaus-Lenau-Platz 19, findet immer dienstags, 10 bis 12 Uhr, die offene Sprechstunde statt. Weitere Infos auf https://www.sjr-sifi.de/einrichtungen/quartiersarbeit/stadtteilbuero-hinterweil.html

Viehweide
 Der Stadtteiltreff Viehweide befindet sich am Hans-Thoma-Platz. Auch hier werden seit 2005 unterschiedliche Angebote für Familien, Kinder, Jugendliche, Frauen oder Senioren angeboten. Mehr Infos auf https://www.sjr-sifi.de/einrichtungen/quartiersarbeit/treff-viehweide.html

Eichholz
 Das Eichholz hat ebenfalls Geschäfte verloren. Durch die Sanierung des Wohnbestands durch die Wohnstätten konnte die Wohninfrastruktur allerdings verbessert werden. Gefördert vom Bund-Länder-Programm „Soziale Stadt“, gibt es im Eichholz seit 2003 eine Quartiersarbeit und Quartiersmanagerin. Im „Inseltreff“ pulsiert seit Jahren das soziale Leben im Eichholz. Mehr Infos auf https://www.sjr-sifi.de/einrichtungen/quartiersarbeit/inseltreff-eichholz.html