Unbestrittene Weltklasse an den Geräten, aber umstrittene Sportlerin: Angelina Melnikowa Foto: Georg Hrivatakis

Angelina Melnikowas Einsatz in der Turn-Bundesliga sorgt über Esslingen hinaus für Schlagzeilen. OB-Klopfer findet deutliche Worte zum Auftritt der Putin-Unterstützerin.

Ganz am Ende geriet Angelina Melnikowa ins Stolpern. Nach ihrer letzten Bahn am Boden, die sie mit einem gebückten Doppelsalto beendete, musste die 25-Jährige auf die Matte greifen. Doch sie lächelte souverän über diesen Patzer hinweg, und der Großteil der 1000 Zuschauer auf den Tribünen der Sporthalle Weil in Esslingen applaudierte der Mehrkampf-Weltmeisterin begeistert zu.

 

Zum ersten Mal war die Kunstturnerin am Samstag bei einem Bundesliga-Wettkampf an den Start gegangen. Die Riege des TSV Tittmoning-Chemnitz, die ansonsten aus Sportlerinnen aus dem sächsischen Leistungszentrum besteht, hatte Melnikowa gemeldet. Der Kontakt war beim Weltcup in Paris zustande gekommen, an dem Europameisterin Karina Schönmaier, begleitet von ihrem weißrussischen Coach Anatol Ashurkov, teilgenommen hatte. Der vermeintliche Coup, mit dem sich der Tagessieger und Tabellenführer beim Finale am 29. November in Heidelberg nach langer Stuttgarter Dominanz erstmals den Titel sichern könnte, gilt allerdings als äußerst umstritten: Melnikowa ist Russin, gilt als Putin-Unterstützerin und reiste aus Moskau zu ihrem Gastspiel in Deutschland an – mit Sicherheit zur Freude der Propagandisten in Moskau.

Polizei bewacht die Halle

Die Polizei entsandte vorsichtshalber ein paar Kräfte zur Liga-Halle für den Fall, dass es Proteste geben sollte. Doch es blieb ruhig. Bei der Begrüßung der Mannschaften ergriff auch Esslings Oberbürgermeister Matthias Klopfer das Wort. Er sprach von einer „falschen Entscheidung“ und bezog damit klar Stellung zur Personalie Melnikowa. „Ich wünsche mir, dass die Chemnitzer nach dem Finale (in Heidelberg, Anmerkung der Redaktion) noch mal darüber nachdenken, ob sie wirklich mit einer russischen Turnerin mit Nähe zur Putin-Partei hätten starten sollen. Und ich hoffe, dass sie zu dem Schluss kommen, das nicht noch einmal zu machen.“

Die Stadt Esslingen habe mit Kamianets-Podilskyi eine Partnerstadt in der Ukraine. „Wir haben erst kürzlich einen Bus dorthin gebracht, um Kriegsversehrte und vom Krieg traumatisierte Kinder zu unterstützen“, sagte Klopfer im Gespräch mit dem SWR. Putin sei ein Kriegsverbrecher, sagte Klopfer, „deshalb ist eine Unterstützung durch nichts zu entschuldigen – auch nicht durch Spitzensport“. Als er von der Entscheidung der Chemnitzerinnen gehört habe, sei er fassungslos gewesen.

OB Matthias Klopfer zeigt sich „fassungslos“ angesichts des Melnikowa-Auftritts. Foto: Roberto Bulgrin

Die Turnerinnen aus Melnikowas Heimat waren ebenso wie jene aus Belarus seit Beginn des Angriffskrieges auf die Ukraine im Februar 2022 bei Wettkämpfen des Weltturnverbandes FIG gesperrt. In diesem Jahr zählte Melnikowa zu den Ersten, die unter neutraler Flagge auf die internationale Bühne zurückkehren durften, und konnte so auch bei der WM im Oktober in Jakarta reüssieren. Nicht alle Aktiven haben diese Chance bekommen; für das Urteil, das laut FIG auf Untersuchungen eines unabhängigen, spezialisierten Unternehmens beruht, zählen laut Generalsekretär Nicolas Buompane Hinweise, wie die jeweiligen Sportlerinnen zu dem Konflikt in der Ukraine stehen. Die Gründe für eine Entscheidung werden nicht veröffentlicht.

Im Falle Melnikowas wären sie allerdings spannend: Bilder in den sozialen Medien zeigten Melnikowa kurz nach der Invasion Russlands zusammen mit einem Militärangehörigen und einer Tasche mit dem Z in den Händen, das als Symbol für eine zustimmende Haltung zum Ukraine-Krieg gilt. Im vergangenen Mai kandidierte sie in ihrer Geburtsstadt Woronesch für die Pro-Putin-Partei „Einiges Russland“ in Vorwahlen für den Stadtrat, zog sich aber im Juli von dem Prozess zurück, weil sich der Wahlkampf nicht mit ihren Ambitionen im Turnen vereinbare lasse. In Esslingen wollte Melnikowa nur Fragen zum Sport beantworten.

„Wir haben unser Regelwerk überprüft, ob wir eine Handhabe gegen den Start haben“, sagte Michael Götz, der Präsident der Deutschen Turnliga (DTL). Das sei nicht der Fall, denn laut den eigenen Statuten gelten in der nationalen Klasse die Regeln der FIG. „Wir werden in den Gremien zeitnah beraten, ob wir das ändern.“ Die Liga sei zwar politisch neutral, „aber wir verurteilen den Ukraine-Krieg aus Schärfste“, so Götz weiter. Der Deutsche Turner-Bund (DTB), der sich gegen einen Start russischer und weißrussischer Athleten bei Wettkämpfen ausspricht, sieht die Liga verantwortlich und wollte diese nicht kommentieren.

In Chemnitz gibt man sich unwissend

„Wir wollten kein politisches Statement setzen, sondern nur, dass unsere Turnerinnen von einem Turnstar profitieren“, sagte die Chemnitzer Trainerin Tatjana Bachmayer. Weil verletzungsbedingt nur drei eigene Athletinnen zur Verfügung stehen, habe man auch andere Top-Sportlerinnen wie Stufenbarren-Weltmeisterin Kaylia Nemour angefragt, aber Melnikowa habe zugesagt. Sie habe davon „geträumt“, mal die Bundesliga zu erleben, erklärte die Russin ihre offizielle Motivation. „Ich habe so etwas noch nie mitgemacht.“

Bachmayer gab vor Ort zu, die Folgen unterschätzt zu haben. „Wir haben uns auf das Urteil der FIG verlassen“, betonte sie. Es sei nicht ihre Aufgabe zu überprüfen, ob eine Turnerin den neutralen Status verdient. Schönmaier, die selbst eine russische Mutter hat und deren Sprache beherrscht, betonte: „Ich habe eine neutrale Meinung dazu. Politik hat im Sport nichts zu suchen.“ Das sahen Turnerinnen aus den Konkurrenzvereinen ähnlich.

Fans feiern die Russin

Bachmayer kritisierte ihrerseits „die Doppelmoral“. Nach dem Wettkampf bildeten sich lange Schlangen von Turnerinnen und jungen Zuschauern, die Selfies mit Melnikowa haben wollten und bekamen. Das Publikum hatte die Topscorerin des Tages vor ihren Übungen jeweils nur mit zaghaftem Beifall begrüßt, sie für ihre glänzenden Leistungen dann aber lautstark belohnt. „Jeder kritisiert uns, aber richtet dann das Handy auf sie“, sagte Bachmayer.

Ihr Kollege Ashurkov verteidigte das Vorgehen gar als Zeichen für den Frieden. Dass der grausame Angriffskrieg weitergeht, kommentierte er schlicht nicht. Am eigenen Stützpunkt arbeite neben einer Choreografin, die wie er aus Weißrussland stammt, als Balletttrainerin auch eine Ukrainerin, die vor dem Krieg geflüchtet war. „Vielleicht können wir ein Beispiel dafür schaffen, wie der Sport alles zusammenbringt und verbindet“, sagte Bachmayer. Auf die Frage, ob sie Melnikowa im Nachhinein noch einmal engagieren würde, erklärte sie: „Darüber muss ich noch eine Nacht schlafen.“ Auch für das Finale in Heidelberg blieb eine feste Zusage aus: „Wer weiß, was noch kommt.“