Pur mit Frontmann Hartmut Engler reißt bei den Liveauftritten die Fans mit, die die deutschsprachigen Texte auswendig mitsingen können. Foto: dpa/Christoph Schmidt

Von Bietigheim-Bissingen in die Welt: Pur ist die erfolgreichste deutschsprachige Pop-Band, Liebeslieder machen etwa ein Drittel des Repertoires aus. Und selbst geschriebene Texte aus eigenem Empfinden seien viel authentischer als Schlagertexte, sagt Sänger Hartmut Engler.

Die einen lieben sie, die anderen hassen sie. Doch unbestritten ist Pur, die aktuell achtköpfige deutschsprachige Pop-Band, enorm erfolgreich. Die vor mehr als vierzig Jahren in Bietigheim-Bissingen (Kreis Ludwigsburg) als Schülerband gegründete Formation füllt die großen Arenen mit begeisterten Fans und hat zahlreiche Preise verliehen bekommen, manche davon auch mehrfach: Bambi, Echo Pop, Goldene Europa, Goldene Kamera, Goldene Stimmgabel, RSH-Gold und andere mehr, dazu Goldene und Platinschallplatten – eine Erfolgsgeschichte, die für eine deutschsprachige Band zumindest in der Anfangszeit in den frühen achtziger Jahren nicht zu erwarten war. Etwa ein Drittel des Repertoires sind Liebeslieder.

 

Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Experten über Liebe

Dass er deutsche Texte schreibt, ist dem Sänger und Texter Hartmut Engler (60) wichtig. Dabei legt er Wert auf einen gewissen Anspruch. Für seine Texte hat er 1991 den Fred-Jay-Preis verliehen bekommen. Schon zu Studienzeiten hat sich Engler kritisch mit Liedtexten auseinandergesetzt. So urteilte er einmal, der irische Sänger und Komponist Chris de Burgh habe früher gute Texte gehabt, mache aber inzwischen nur noch Schlager wie etwa „High on Emotion“, das damals, anno 1984, neu erschienen war.

Herr Engler, stehen Sie heute noch zu Ihrem Urteil, auch vor dem Hintergrund, dass auch einige Pur-Songs durchaus schlagertauglich sind?

Na ja, man wird ja auch älter und weiser (lacht). Mittlerweile stand ich übrigens schon mit Chris de Burgh auf der Bühne. Man muss verstehen, dass wir damals eine Studentenband waren. Wir waren links und völlig anders drauf. Während der Neuen Deutschen Welle haben wir Novalis- und Hermann-Hesse-Vertonungen umgesetzt – das war aus heutiger Sicht ziemlich schräg. Das allererste Lied, das ich als 15-Jähriger geschrieben habe, heißt „Der Henker“; es geht darin um die Todesstrafe und den RAF-Hintergrund. Als Roadie bei Udo Jürgens habe ich aber gelernt, Emotionalität anzunehmen. Dann haben wir den Bundesrockpreis gewonnen und auch unseren ersten Plattenvertrag bekommen – mit „Hab mich wieder mal an dir betrunken“.

... was ja auch ein Liebeslied ist ...

Ja, aber kein 08/15-Text wie im Schlager. Wobei auch der Schlager mittlerweile seine Gruseligkeit verloren hat. Und ich gehe inzwischen auch nicht mehr auf die Barrikaden, wenn wir als eine Schlager-Pop-Band angekündigt werden – obwohl mir der Begriff Pop-Rock lieber ist.

Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Liebesbrief mit Einschussloch

Etwa ein Drittel der Songs von Pur lassen sich unter dem Begriff „Liebeslied“ subsumieren. Was unterscheidet sie aus Ihrer Sicht trotzdem von einem Schlager – oder auch: Was unterscheidet ein gutes Liebeslied von einem schlechten?

Für einen Schlager ist „Atemlos“ von Helene Fischer eine Blaupause, vor allem vom Rhythmus her. Das ist immer dasselbe, und das langweilt mich. Ein schlechtes Liebeslied reizt maximal zum Mitklatschen und Tanzen, ein gutes erzeugt ein Gänsehautgefühl und berührt die Menschen. Dazu muss man wissen, dass nur ganz wenige in der Branche ihre Texte selbst schreiben. Das sind größtenteils reine Interpreten. Und das bedeutet, dass die Texter nicht für die Inhalte geradestehen müssen, weil sie ja nicht vornedran sind. Unsere Texte sind authentischer, und ich glaube, das spüren die Leute auch.

Inwiefern authentischer? „Funkelperlenaugen“, „Lena“ oder „Ich lieb dich“ klingt doch eigentlich austauschbar. Ist das ein Zugeständnis an den Kommerz?

Nein, auf keinen Fall. Natürlich ist es so, dass man mit Liebesliedern definitiv leichter Erfolg hat, und es gibt auch Radiosender, die Angst vor anderen Themen haben. Aber es ist nichts öder, als wenn ein ganzes Album versucht, mit Liebesliedern chartmäßig zu punkten. Deshalb haben wir uns bemüht, auf den Alben all das widerzuspiegeln, das uns gerade beschäftigt, nicht nur die Liebe. „Funkelperlenaugen“ habe ich für meine damalige Freundin geschrieben, die Augen hatte, die ich nur mit dieser Wortschöpfung umschreiben konnte. Und „Lena“ ist ein Lied für meine erste Frau Ute, nur kann man „Ute“ nicht singen. Liebe ist eben ein Thema, das alle anspricht und betrifft. Das ist quasi der kleinste gemeinsame Nenner, weil jeder in einer glücklichen Beziehung leben möchte.

Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Wann ist eine Beziehung eine gute Beziehung?

Was Ihnen selber nicht durchgängig gelungen ist ...

Ja, ich hatte unfreiwillig einige Ups und Downs. Wäre ich heute in einer seit vielen Jahren bestehenden glücklichen Ehe, wären sicher auch ganz andere Texte entstanden. Ich bin nicht der Typ, der einfach so Zeilen füllt. Ich konnte immer nur so schreiben, wie ich mich gerade gefühlt habe. Und in den Songs steckt auch der eine oder andere ironische Schlenker. Es heißt nicht nur: „Ich lieb dich“, sondern „Ich lieb dich, egal, wie das klingt.“ Das nimmt darauf Bezug, dass die Formulierung „Ich lieb dich“ eigentlich abgedroschen wirkt, ich es aber trotzdem so empfunden habe. Oder nehmen Sie „Hör gut zu“ – das beginnt mit den Worten „Ich habe gut und gerne fünf Kilo Übergewicht, ein krummes Ding namens Nase ziert mein Gesicht“ – wenn das einer singt, muss man ihm das glauben. So was singt kein Schlagersänger. Die Lieder von Pur spiegeln also meistens die private Situation wider – die Euphorie des frisch Verliebtseins, das Glück einer längeren Beziehung, den Schmerz der Trennung, die Abrechnung mit Verlogenheit. Liebe hat ja alle möglichen Facetten.

Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Wie viel Sex braucht eine Beziehung?

Auch die zu Kindern oder Eltern ...

Genau, diese Lieder würde ich aber nicht als Liebeslieder bezeichnen, auch wenn ich sie für einen geliebten Menschen geschrieben habe, wie den „Tango“ für meine Mutter oder „Walzer für dich“ für meinen Vater. Für meinen Erstgeborenen ist das Lied „Schneckenfreund“ entstanden, für den Zweitgeborenen „Kleiner Prinz“. Das ist das menschliche Miteinander, mit dem man auch Anstöße geben kann. So habe ich zum „Tango“ viele Briefe bekommen, in denen man mir beispielsweise schrieb: „Immer, wenn ich das höre, denke ich daran, meine Oma zu besuchen.“

Wie wichtig ist es Ihnen, solche Anstöße zu geben?

Ich denke, der Text wird über die Musik quasi unter die Haut geschoben. Im günstigsten Fall kann man dann den Effekt erreichen, dass es für manche mehr bedeutet und nicht nur ein Hit ist.

Hat sich das Thema Liebe für Sie im Lauf der Jahre verändert?

Ja, es ist eine gewisse Alterssichtweise dazugekommen durch „learning by doing“. Das etwas gemäßigtere Zusammengehören und die gemeinsame Entwicklung ist wichtiger als die himmelhoch jauchzende Euphorie der Jugend.

Hartmut Engler und die Band Pur

Frontmann
 Hartmut Engler (60) ist Sänger der Band Pur, für die er auch die Texte schreibt. Er studierte Anglistik und Germanistik an der Universität Stuttgart. Das Studium beendete er vorzeitig, als Pur den ersten Plattenvertrag bekam.

Musikgruppe
 Die Band wurde 1975 von den Bietigheimer Gymnasiasten Roland Bless und Ingo Reidl gegründet und hieß damals Crusade. Engler stieß 1976 dazu, die Gitarristen Jörg Weber und Rudi Buttas 1979 und 1980. Der Bandname wurde in Opus geändert und später wegen einer gleichnamigen österreichischen Gruppe in Pur.