Chaos und Gemeinschaft: Jan Müller inszeniert Ellis Kauts Kinderklassiker für Zuschauer ab an der Esslinger Jungen WLB – ein großer Theaterspaß für Zuschauer ab sechs Jahren.
Verschwinden Dinge im Haus, dann ist entweder die eigene Schusseligkeit Schuld – oder aber ein Kobold. Der berühmteste Vertreter dieser Spezies dürfte der rotschopfige Pumuckl sein, eine Erfindung der Autorin Ellis Kaut und berühmt geworden durchs Fernsehen. Da brachte Pumuckl als Zeichentrickfigur das Leben und die Werkstatt des Münchner Schreinermeisters Eder durcheinander. In der Esslinger Jungen WLB hatte jetzt „Der Meister Eder und sein Pumuckl“ in einer quicklebendigen Bühnenversion Premiere – witzig und pointiert in Szene gesetzt von Jan Müller.
Beseelte Puppe
Darin nimmt der Kobold als Puppe physische Gestalt an, und zwar so lebendig, so beseelt, so bewegungsgenau, dass man den immer sichtbaren Schauspieler dahinter ganz vergisst. Julian Häusers ganzes Einfühlungsvermögen zeigt sich, wenn er den kleinen Kerl – im koboldtypischen Falsett und rau kichernd – mal anarchisch, mal pathetisch auftrumpfen und Unsinn machen lässt und kurz danach wieder dessen kindlich-empfindsame Seele und Liebesbedürftigkeit offenbart. Virtuos lässt er ihn quasseln, reimen, grölen, mit Worten spielen.
Mini-Bühnenbilder im Schrank
Der Ausstatter Michael S. Kraus hat die kleine Spielfläche des Studios am Blarerplatz raffiniert erweitert und im Schrank von Eders Schreinerei Mini-Bühnenbilder versteckt. Es tut sich dort ein ganzes Treppenhaus auf, wenn Eder sich auf den Weg zu Frau Eisele macht, um das Bettchen von Pumuckl zurückzuholen, das die dreiste Schwäbin sich unter den Nagel gerissen hat als Spielzeug für ihre Töchter. Oder ein alter Dreimaster kämpft darin gegen die aufgewühlte See, wenn der schlafende Pumuckl von den Abenteuern seiner Vorfahren träumt, den Klabautermännern.
Kein grummeliger Großvater-Typ
Meister Eder ist in Esslingen nicht dieser grummelige, großväterliche Typ, wie ihn Gustl Bayrhammer berühmt gemacht hat. Philip Spreen verkörpert ihn als einen sensiblen, jungen Mann mit pädagogischem Touch. Auch er lässt mal den Autoritären raushängen, etwa wenn er seinen ständig Unordnung stiftenden Hausgeist zum Aufräumen zwingen will. Dann schweigt er dessen Widerständigkeit einfach tot. Andererseits gibt’s aber auch eine Lektion für die Eltern: Eder zeigt Einsicht, nachdem der Kobold die Pumuckl-Doppelgänger-Marionette zerstört hat, die ihm der Schreiner liebevoll geschnitzt hatte – ohne zu bedenken, dass ihm die Puppe Angst einjagen könnte.
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Unter den ausgewählten Episoden darf jene nicht fehlen, die Sechsjährigen den Kapitalismus erklärt. Für einen vollen Kühlschrank brauche man Geld, und das verdiene man nur durch „nützliche“ Arbeit, erklärt Eder Pumuckl, für den Arbeit ein sehr „trauriges“ Kapitel ist und „Heinzelmännchen“ die schlimmste Beleidigung: „Pfui, die arbeiten ja alle!“ Kobolde machen eben nur, was ihnen gefällt.
Aufgedrehte Spielfreude
Klar, dass die Aufführung von der aufgedrehten Spielfreude der beiden Schauspieler lebt, die auch alle Nebenrollen übernehmen, etwa die beiden Hamburger Jungs, die das Publikum in die Metaphysik des Klabautermannwesens einführen. Und Julian Häuser schlüpft immer wieder hinein in sogenannte Kaukautzky-Puppen, die man sich um den Hals hängt und ihnen das eigene, nun grotesk vergrößerte Gesicht leiht. So mimt er den betrunkenen Bayern im Wirtshaus, absichtsvoll Nonsens nuschelnd, und allerlei grenzüberschreitende Damen. Sehr lustig!
Nächste öffentliche Vorstellung: 29. Mai.