Sonderausstellungen sind beim Publikum beliebt, in den Sammlungen herrscht dagegen oft gähnende Leere. Deshalb sollte die Museen sind endlich fragen, ob sie die richtigen Schwerpunkte setzen.
Stuttgart - Man muss sich die Zahl auf der Zunge zergehen lassen: rund 90 000 Besucherinnen und Besucher haben im Kunstmuseum Stuttgart die „Ekstase“-Ausstellung angeschaut, die an diesem Wochenende zu Ende gegangen ist. Die stolze Zahl hatte sicher mit dem Thema zu tun – viele waren neugierig auf Ekstase, Rausch und Exzess. Das Publikumsinteresse zeigt aber auch, dass Kunst kein Nischenphänomen ist. Die Menschen interessieren sich für das, was in den Museen passiert. Sogar, wenn sie dafür Eintritt zahlen müssen.
Auch wenn das Kunstmuseum Stuttgart der Zuspruch freut, werden einige Museumsmacher diesen Rekord mit gemischten Gefühlen zur Kenntnis nehmen. Denn er bestätigt mal wieder, was sich auch in der neuen Besucherbilanz der Stuttgarter Museen deutlich ablesen lässt: Bei besonderen Anlässen, bei prominenten Namen und herausragenden Sonderausstellungen strömt das Publikum in Scharen. Die Eröffnung des Stadtpalais Stuttgart und des Hotels Silber haben die Stuttgarter genauso freudig begleitet wie die „Hawai’i“-Ausstellung im Linden-Museum. Geht es allerdings um die Dauerausstellungen der Häuser, sieht es oft recht düster aus. Dabei sind die Sammlungen doch das Herzstück der Museen, sie wurden über Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte zusammengetragen und können viel erzählen über die kulturelle Entwicklung unserer Gesellschaft.
Staatsgalerie schließt früher, weil zu wenig Besucher kommen
Dass die Staatsgalerie Stuttgart seit Jahresbeginn die Öffnungszeiten um eine Stunde reduziert hat und bereits um 17 Uhr schließt, verrät, dass das Flaggschiff von Stuttgart wie auch Baden-Württemberg zwar eine internationale Sammlung besitzt, diese aber offensichtlich kaum jemand sehen will. Falls es je Zeiten gab, in denen die Menschen begierig darauf waren, den Kanon durch die Jahrhundert abzumarschieren und sich an der Kunstgeschichte abzuarbeiten, dann scheinen diese endgültig vorbei zu sein.
Aber nicht nur in die Kunstmuseen, auch die Häuser mit ethnologischen und kulturhistorischen Beständen treibt dieselbe Frage um: Wie bekommt man das Publikum in die Sammlungen? Eine Antwort hat das Landesmuseum Württemberg bereits gegeben – mit freiem Eintritt. Dem Alten Schloss hat er 2018 die doppelte Besucherzahl zum Vorjahr beschert. Deshalb kann man es nur wiederholen: Freier Eintritt in die Sammlungen sollte selbstverständlich sein – wie in anderen Ländern auch. Stuttgart ist zwar nicht London, es kann aber einiges vom gigantischen Erfolg der Londoner Museen lernen. Dort legt man viel Wert auf Willkommenskultur und strengt sich ernsthaft an, dass sich das Publikum tatsächlich wohl fühlt im Haus.
Freier Eintritt allein reicht nicht
Der freie Eintritt ist dabei ein Baustein, ein Allheilmittel aber ist er nicht. Die Museen dürfen die Augen nicht länger verschließen vor den Interessen und Bedürfnissen des Publikums. Natürlich kann man ein kulturpessimistisches Lamento anstimmen, dass die Besucher die Sammlungen nicht genug zu schätzen wissen. Sinnvoller wäre es aber, das Konzept Sammlung endlich auf den Prüfstand zu stellen und zu fragen, ob die Gewichtung zwischen Sammlung und Sonderausstellungen noch zeitgemäß ist. Dass in vielen Häusern rund neunzig Prozent der Ausstellungsfläche von nur einer Handvoll Besucher genutzt wird, kann kein Dauerzustand sein.
Viele kulturhistorische und Technikmuseen orientieren sich längst an den Wünschen ihres Publikums. Die wenigsten ethnologischen Häuser und Kunstmuseen aber trauen sich, von ihren überkommenen Konzepten abzulassen. Höchste Zeit, dass die Kulturpolitik endlich anfängt, nicht nur nach Zuschauerzahlen zu schielen, sondern den Museen endlich auch hilft, den Schritt in die Zukunft zu wagen. Die Bestände der Museen haben es nämlich verdient.
Adrienne.Braun@stzn.de