Wie viel Internet ist gut für Kinder? Psychiater wie Jan Kalbitzer raten Eltern, Kinder bei ihren ersten Schritten in der digitalen Welt zu begleiten. Foto: dpa

Der Psychiater Jan Kalbitzer will verunsicherten Nutzern helfen, den richtigen Umgang mit der digitalen Welt zu finden. Und gibt Tipps.

Berlin - Herr Kalbitzer, vor Kurzem hat der Deutsche Gewerkschaftsbund eine Studie veröffentlicht, nach der die Digitalisierung der Arbeitswelt bei fast der Hälfte aller Beschäftigten mehr Stress verursacht. Ist das Internet ein Fluch?
Kein seriöser Arzt kann jetzt schon sagen, ob uns das Internet dümmer oder kränker macht. Aber es gibt ganz interessante Studien zu der Frage, warum Menschen Neuentwicklungen und den technischen Fortschritt verteufeln. Denken wir zurück an Carl Benz, den Erfinder des Automobils: Als er zum ersten Mal mit dem Auto herumfuhr, wurde er mit Steinen beworfen, weil die Leute das ganz fürchterlich fanden. Heute sind Autos eine Selbstverständlichkeit, und nur die wenigsten haben Angst vor dieser Technologie.
Wie beurteilen Sie dann die zentrale Aussage des Gewerkschaftsbunds?
Zunächst einmal muss man das sehr ernst nehmen. Aber ich frage mich schon, was uns an dem Internet so stresst. Die Gesellschaft und die Arbeitswelt haben sich insgesamt sehr verändert. Wer das Gefühl hat, dass die Jobbelastung angemessen ist, die Arbeits­atmosphäre gut und der Job sicher, den stressen Arbeits-E-Mails auf dem Smartphone wahrscheinlich weniger. Ein weiterer Punkt ist: Oft ist das, was uns stresst, der Fakt, dass wir uns an etwas Neues gewöhnen und unsere alten Gewohnheiten aufgeben müssen. Und beim Internet verändert sich eben wahnsinnig viel. Das bedeutet, wir müssen ganz viele kulturelle Zusammenhänge neu aushandeln. Das ist in erster Linie anstrengend.
Was raten Sie Patienten, die zu Ihnen kommen und unter dem Gefühl des ständigen Erreichbar-Seins leiden?
Ich sage ihnen, dass wir vieles selber beeinflussen können. Das Problem ist doch, dass der Mensch einfach wahnsinnig fasziniert ist von neuen Dingen und zugleich immer wissen will, was in der Welt um ihn herum los ist. Diese Bedürfnisse deckt das Internet als riesige neue Welt ja wunderbar ab. Sich ­allein davon abzugrenzen ist sehr schwierig. Das ist in der Gemeinschaft einfacher. Aber dafür braucht es ausgehandelte Normen. Beispielsweise kann man innerhalb der Familie vereinbaren, dass im Wohnzimmer keine Smartgeräte erlaubt sind – oder nur zu bestimmten Zeiten.
Und was in der Familie klappt, funktioniert auch innerhalb einer Gesellschaft?
Ich bin da zuversichtlich. Denn ich merke, dass sich auch in der kurzen Zeit, in der das Internet so eng mit unserem Alltag verbunden ist, auch schon etwas geändert hat: Ich persönlich bekomme am Wochenende kaum mehr E-Mails von Arbeitskollegen – schlicht deswegen, weil die Menschen in ihrer Freizeit weniger E-Mails schreiben. Auch der Ton verändert sich: Früher gab es die sehr langen E-Mails, oft emotional geschrieben. Diese liest man heute weniger. Es entwickelt sich also schon eine neue Kultur – nur, diese Entwicklung braucht eben auch Zeit.
Sie haben verschiedene Selbsttests rund um das Online-Verhalten entwickelt. Eines Ihrer Experimente besagt, dass man sich einen Tag dem Internet völlig hingeben sollte. An einem zweiten Tag übt man sich hingegen in digitaler Abstinenz. Was soll das bezwecken?

Mir geht es darum, dass jeder für sich einen reflektierten Umgang mit dem Internet finden sollte. Das Experiment soll aufgrund des Wechsels von intensiver Beschäftigung und Abstinenz uns bewusst machen, warum wir zum Smartphone greifen oder im Internet surfen. Gleichzeitig zeigt es auch, dass wir uns die Zeit im Internet gönnen dürfen. Etwa wenn man den Tag mit Surfen verbringt und das Gefühl hat: Mist, ich müsste jetzt das Bedürfnis haben, mal rauszugehen – aber man hat es nicht. Dann wäre das auch okay. Ich glaube, viele Leute surfen zwei, drei Stunden im Netz und bekommen nur deswegen ein Problem, weil sie denken: Das ist doch nicht in Ordnung! Dabei ist es vielleicht genau das: vollkommen in Ordnung.

Das mag für Erwachsene funktionieren. Aber Eltern haben eher die Sorge, dass schon Kinder das Bedürfnis, etwas offline zu unternehmen, völlig verloren haben. Sagen Sie dann auch: Ach, lassen Sie die ruhig weitersurfen?
Ich glaube, es ist gut, wenn sich Eltern Gedanken machen, wie sie ihre Kinder in Sachen Online erziehen. Wobei es dabei zu paradoxen Situationen kommt: So gibt es Eltern, die sich sorgen, wenn ihr Kind in der Stadt allein unterwegs ist – aber es dann stundenlang alleine im Netz surfen lassen. Dabei öffnet sich den Kindern dort eine Welt, die Eltern gar nicht so gut kennen. ­Daher bin ich dafür, Kinder gerade bei ihren ersten Schritten im Netz viel zu begleiten. Wir sollten uns die Zeit nehmen, die Kinder anzuweisen – so wie wir es auch tun würden, wenn wir ihnen andere wichtige Dinge über das Leben beibringen.
Das bedeutet aber auch, dass sich die Eltern mehr mit dem Internet beschäftigen müssen. Schon verbringt die ganze Familie ihre Freizeit im Netz. Beißt sich da die Katze nicht in den Schwanz?
Man muss sich schon klarmachen, wie viel Kraft und Zeit man in die digitale Er­ziehung investieren will. Aber andererseits zu sagen: „Ich verbiete meinen Kindern das Internet und verteufele es, weil ich nicht genau verstehe, was da passiert“, das halte ich für eine Schwarz-Weiß-Denke. Wenn wir sagen, dass etwas bedrohlich ist, dann müssen wir uns auch damit beschäftigen. Die Kinder werden das Internet sowieso irgendwann nutzen. Wir sollten uns also lieber fragen, was wir ihnen auf den Weg ­geben wollen. Ich glaube nicht, dass wir mit Verboten unsere Kinder kompetent für die Zukunft machen.
Sie forschen an der Charité Berlin zu den Auswirkungen des Internets auf die Psyche. Wie beurteilen Sie inzwischen Ihren eigenen Umgang mit dem Internet?
Für mich war die Erfahrung, meine digitale Korrespondenz nach Räumlichkeiten zu trennen, am eindrucksvollsten: Ich stellte meinen Account so ein, dass ich meine ­E-Mails nur noch am Arbeitsplatz abrufen konnte. Wenn ich unterwegs oder zu Hause war, kam natürlich häufig der Moment, in dem ich eigentlich gerne Zugriff auf meine Mails gehabt hätte. Dann aber zu merken, dass man diesen Moment auch aushalten kann, war sehr lehrreich. Hinzu kam, dass ich aufgrund meiner nicht ständigen ­Erreichbarkeit auch seltener angeschrieben wurde. Ich wurde irgendwie unattraktiv. Das fühlt sich erst belastend an – ist aber eigentlich eine Entlastung. Es ist doch so: Wir halten vieles und viele für unheimlich wichtig – aber wenn wir merken, so be­deutungsschwanger ist das alles gar nicht, dann kommt man automatisch in einen ­entspannteren Modus.
Zur Person: Jan Kalbitzer

Der Psychiater forscht an der Charité Berlin zu den Auswirkungen des Internets auf die Psyche. 2015 erhielt er den Max-Rubner-Innovationspreis.

Seit 2016 ist er wissenschaftlicher Leiter des Ladenburger Kollegs „Internet und seelische Gesundheit“ der Daimler-und-Benz-Stiftung.

Am Donnerstag, 22. September, 18 Uhr, stellt er in der Stuttgarter Buchhandlung Wittwer sein Buch „Digitale Paranoia – Online bleiben, ohne den Verstand zu verlieren“ (C. H. Beck Verlag) vor.

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