Ehrenamtliche Helfer des Roten Kreuzes bei einer Übung. Im Landkreis gibt es derzeit rund zwei Dutzend Foto: DRK

Bei der Hochwasserkatastrophe im Juni waren auch Kräfte der Psychosozialen Notfallversorgung im Einsatz. Die ehrenamtlichen Helfer stehen Betroffenen in Krisensituationen zur Seite.

Großeinsatz statt Gummibärchen. Eigentlich wollte Heide Wieland ihren Kollegen vom Roten Kreuz, die in Ruderberg im Hochwassereinsatz waren, etwas Gutes tun und Süßigkeiten vorbeibringen. „Schon auf der Anfahrt wurde ich angefunkt, dass ich sofort zur Einsatzleitung kommen soll.“ Ein Polizist habe gemeldet, dass neben der medizinischen Versorgung auch Kräfte der Psychosozialen Notfallversorgung (PSNV) hilfreich seien, um den Betroffenen im Schadensgebiet beizustehen.

 

Was braucht mein Gegenüber?

Heide Wieland ist selbst PSNV-Kraft und bildet ehrenamtliche Helfer dazu aus. In allen akuten psychischen Krisensituationen leisten diese Interventionshelfer psychosoziale Akuthilfe für Betroffene: Sie sind da, hören zu, trösten, begleiten, informieren und vermitteln. Sie kümmern sich um erste organisatorische Belange, helfen beim Verständigen von Angehörigen, Freunden und Bekannten.

„Wir schauen vor Ort danach, welchen Bedarf die Menschen haben“, ergänzt Wielands Kollegin Alexandra Zoller, die ebenfalls Ausbilderin beim Roten Kreuz ist. „Es geht in der PSNV nicht nur darum, das Gespräch anzubieten, sondern auch darum, zu sehen, was braucht mein Gegenüber gerade, was ist notwendig.“ Mal sei es wichtiger, die Schaufel in die Hand zu nehmen oder etwas zu essen zu besorgen. „Dann ist das die Notfallnachsorge, die wir betreiben.“

Im Tandem auf Tour

Während der Akutphase in Rudersberg hätten die Helfer der PSNV oftmals auch als eine Art Informationsbörse zwischen Betroffenen und Helfern gedient. „Die Leute wollten wissen, wann wird mein Müll abgeholt, wo kann ich duschen, wie komme ich an Trinkwasser“, erzählt Heide Wieland. Ihre Helfer machten sich täglich auf, gingen in Zweierteams durch die Straßen in Rudersberg und sprachen Anwohner an, ob sie Hilfe benötigten oder von jemandem wüssten, dem geholfen werden soll.

„Ein älterer Herr war beispielsweise allein in seiner Wohnung und hatte weder zu essen noch zu trinken.“ Weil seine Tochter erst am Folgetag zu ihm kommen konnte, versorgten ihn die Helfer. „Die Spendenbereitschaft in der Bevölkerung war riesig“, erzählt Wieland. Bäckereien hätten Brot und Brötchen gestiftet, Gärtnereien Obst und Gemüse. Firmen, Gemeinden und Privatpersonen hätten zusammengehalten und sich geholfen.

Ehrenamtliches Engagement beim DRK

„Wir waren während der ersten Tage mit acht bis 15 Kräften gleichzeitig vor Ort. Es hätten aber gut und gerne doppelt so viele sein können.“ Mehr war nicht machbar. Da es sich um ein Ehrenamt handle und manche Helfer auch verreist waren, seien nicht alle der rund zwei Dutzend PSNV-Kräfte des Roten Kreuzes verfügbar gewesen. Nach knapp einer Woche hätten sich die PSNV-Kräfte, allesamt ehrenamtliche Helfer, aus dem Gebiet zurückgezogen. „Wir hatten das Gefühl, dass wir die meisten Aufgaben abgearbeitet haben.“ Längerfristige Betreuung sei nicht die Aufgabe der PSNV. „Wir sind in der akuten Phase da“, erklärt Alexandra Zoller. „Wir machen keine Therapie, aber vermitteln bei Bedarf weitergehende Hilfen.“

Rund zwei Dutzend Einsatzkräfte

Im gesamten Rems-Murr-Kreis sind ehrenamtliche Einsatzkräfte an sieben Tagen der Woche rund um die Uhr innerhalb von 15 bis 60 Minuten bereit, um in der akuten Phase Menschen helfen zu können. Alarmiert werden sie über die Integrierte Leitstelle in Waiblingen auf Anforderung des Rettungsdienstes, der Polizei, der Feuerwehr oder anderer Personen. „Die Einsatzkräfte gehen zu ihrem eigenen Schutz immer im Tandemteam in den Einsatz, entweder mit einem Vertreter der kirchlichen Seelsorge oder mit einer Kollegin oder einem Kollegen des DRK“, erklärt Heide Wieland.

Neben Großereignissen wie dem Hochwasser werden die PSNV-Kräfte auch zu anderen Anlässen hinzugerufen; etwa erfolglosen Wiederbelebungsversuchen, dem Überbringen von Todesnachrichten in Zusammenarbeit mit der Polizei, plötzlichem Kindstod, Unfalltod, Suizid oder versuchter Selbstmord, Begleitung zur Identifizierung von Familienangehörigen, Betreuung nach Brandeinsätzen, Katastrophenfälle oder Großschadenslagen wie etwa in Ramstein und Eschede oder auch Amokläufe wie in Winnenden, um einige Beispiele zu nennen.

Morgens meist Todesfälle in der Familie

„Wenn bei mir morgens der Funkmelder klingelt, kann ich davon ausgehen, dass jemand neben einem Toten aufgewacht ist“, sagt Alexandra Zoller. Dann machen sie oder ihre Kollegen sich auf den Weg, um Beistand zu leisten – falls das gewünscht ist. „Wir bieten unsere Hilfe an, es kann aber auch vorkommen, dass wir wieder gehen.“ Oft blieben die Helfer mehrere Stunden, etwa bis weitere Angehörige am Ort des Geschehens eintreffen und die Betroffenen versorgt sind.

Neben der Betreuung von Betroffenen spiele auch die Betreuung der Hilfskräfte vor Ort eine wichtige Rolle, denn deren Dienst ist nicht selten auch äußerst belastend für die Seele. „Wir haben nach den Einsatztagen eine Nachsorge für die Hilfskräfte angeboten, die auch gut angenommen wurde“, erzählt Alexandra Zoller. Dann gilt, und auch das ist wichtig: die Hilfe den Helfenden.