Einfach nur aufmerksam zuzuhören, ist eine Kunst. Viele müssen das aber erst üben. Foto: imago images/Westend61/Joseffson

Oft sind wir mit unseren Gedanken woanders, wenn uns jemand etwas erzählt, geben sofort ungefragt Tipps oder erzählen von uns selbst. Warum fällt es uns so schwer, anderen Menschen einfach nur zuzuhören?

Der Hamburger Drehbuchautor Christian Busch hat irgendwann festgestellt, dass ihm die Geschichten ausgehen. Er fand 2017 in Hamburg-Eimsbüttel an der U-Bahnhaltestelle Emilienstraße einen leer stehenden Kiosk. An die Tür hängte er ein Schild mit der Aufschrift „Ich höre Ihnen zu“.

 

Der Kiosk erhielt so viel Zulauf, dass er nun seitdem mit einem Team dort jeden Tag Menschen einfach zuhört. „Das ist total irre“, sagt die Psychologin Margarete Imhof, Professorin für Psychologie in den Bildungswissenschaften an der Universität Mainz. Sie forscht zu gutem Zuhören und weiß daher: „Das Bedürfnis, wirklich gehört zu werden und Raum für die eigenen Gedanken zu bekommen, ist bei Menschen einfach sehr groß.“

Viele Menschen tut sich schwer, einfach nur zuzuhören. Generell soll unsere Aufmerksamkeitsspanne kürzer geworden sein. Im Jahr 2000 lag die durchschnittliche Aufmerksamkeitsspanne eines Menschen bei etwa 12 Sekunden. Wie eine Studie der Firma Microsoft in Kanada zeigt, ist dieser Wert bis zum Jahr 2013 auf acht Sekunden gesunken.

Der Grund dafür? Zwischen Job, Familie, Freunden und Hobbys verführt uns inzwischen häufig unser Smartphone. Hier noch schnell durch Instagram scrollen, da noch schnell ein Post auf Twitter absetzen und Whatsapp ist auch schon wieder voll mit unbeantworteten Nachrichten. Oft sind wir dadurch ziemlich abgelenkt in Gesprächen mit Freunden, Arbeitskollegen oder der Familie und hören nur mit halbem Ohr zu.

Haben wir das Zuhören verlernt?

Haben wir gutes Zuhören verlernt? „Verlernt? Da müssten wir ja annehmen, dass wir es mal konnten. Aber das wäre Sozialromantik“, sagt Imhof und lacht. In unserer Gesellschaft habe zuhören seit jeher eher einen schwachen Stellenwert und kein Prestige. Zuhören sei oft mit „Der hat Nichts zu sagen“ oder mit „gehorchen“ konnotiert, dem Zuhörer werde oft auch eine unterlegene Position unterstellt.

Margarete Imhof sieht dies jedoch anders: „Man lernt von anderen nichts, wenn man immer redet.“ Es gebe auch durchaus Menschen, die gut zuhören könnten. „Und so einen Menschen vergisst man dann auch nicht mehr“, ergänzt sie.

Denn gutes Zuhören ist eine Kunst, die man sich aneignen kann – und die sich lohnt. Der Fußballtrainer Jürgen Klopp sagte einmal auf eine Interviewfrage, was das Geheimnis seines Führungsstils sei: Aufmerksam zu zuhören. „Menschen, die sich verstanden fühlen, schöpfen Kraft aus sich selbst.“ Auch der Psychologe Erich Fromm („Die Kunst des Liebens“) schrieb: „Zuhören ist eine Kunst wie das Verstehen von Poesie.“ Was es dafür braucht, führt Fromm ebenfalls aus: volle Konzentration, das Fehlen von Angst, eine frei arbeitende Fantasie sowie die Fähigkeit zur Empathie und eine grundlegende Liebesfähigkeit.

Auch die Forscher Guy Itzchakov von der israelischen Universität in Haifa und seine Kollegin Netta Weinstein vom Institut für Psychologie und klinische Sprachwissenschaften an der Universität Reading haben in einer Untersuchung analysiert, was gutes Zuhören ausmacht. Ihr Fazit: Der Zuhörer müsse dem Gesprächspartner einen „sicheren Ort“ bieten. Dies bedeute „wertschätzend“ und „ohne Wertung“ zu agieren. Guy Itzchakov bezeichnet Zuhören als „Herzstück der sozialen Handlungsfähigkeit“.

In einer Metaanalyse kam sein Team mit Forschern von der Universität Rochester und der Universität Reading zu dem Schluss, dass gutes Zuhören „die zwischenmenschliche Verbindung“ fördert, weil es für viele positive affektive und kognitive Auswirkungen hat. „Zuhören ist ein grundlegendes soziales Verhalten und eines der fundamentalen Elemente sozialer Interaktion“, schreiben Itzchakov und Weinstein.

Oft schweifen wir schnell mit unseren Gedanken ab

Vielen Menschen passiert es jedoch, dass sie in einem Gespräch nur kurz zuhören, dann abschweifen, direkt eine eigene Geschichte zum Thema erzählen oder unterbrechen, um sogleich Ratschläge zu geben. Aber auch in politischen Debatten ist in den letzten Jahren ständig zu hören, man müsse den Bürgern mehr zuhören. Die Publizistin Carolin Emcke schrieb vor einigen Jahren in ihrer Kolumne „Zuhören“ in der Süddeutschen Zeitung, heutzutage sei das Zuhören „schon fast ein subversiver Akt“. Weil wir in Zeiten lebten, in denen „eine fragmentierte Öffentlichkeit vor allem das möglichst laute, möglichst enthemmte Propagieren der eigenen Überzeugungen fördert, in denen alle sich selbst ernst nehmen, aber nicht mehr den anderen.“

Denn das Zuhören impliziere die Bereitschaft, sich auf die Gedanken, die Interpretation, die Perspektive eines anderen einzulassen. „Ohne umgehenden Widerspruch. Ohne die Anmaßung, es prinzipiell besser zu wissen“, schreibt Emcke.

Aber Zuhören hat nicht nicht nur positive Aspekte, das gibt die Forscherin Margarete Imhof zu Bedenken. Es sei eine häufig benutzte Methodik von Politikern, dieser Satz „Ich höre euch zu“ – das sei ja schließlich auch ein „Pfund“, sagt Imhof. Dies sei eine andere Form der Wahrnehmung von Menschen, im Vergleich zu Politikern die das Gefühl vermittelten, sie wüssten, wie es geht und die Bürgerinnen und Bürger müssen einfach mitmachen. Das sei ihr im Zuge der Diskussion zur Wärmewende oder auch bei Corona häufig aufgefallen. Dennoch, gebe es auch manche Positionen, die „fast nicht auszuhalten“ seien. Dies sei bei ihr zum Beispiel bei einigen bekannten rechtspopulistischen Politikern der Fall. „Und viele Menschen kriegt man auch durch Zuhören nicht mehr eingefangen, das ist ein Irrglaube.“

Auch Svenja Goltermann und Philipp Sarasin von der Universität Zürich schreiben in ihrer Analyse „Zuhören. Die politischen Fallstricke einer schönen Idee“, dass die Forderung, den Bürgern mehr zu zuhören, häufig eher ein Instrument der Rechtspopulisten sei. Die Forderung, endlich zu zuhören, könne auch unterschwellig dazu dienen, dem politischen Gegner bestimmte Inhalte aufzuzwingen.

So habe zum Beispiel der Pegida-Aktivist Lutz Bachmann 2014 gesagt: „Pegida will einfach, dass die vom Volk gewählten Politiker endlich wieder zuhören, und zwar uns, und sich den wirklichen Problemen annehmen, die in unserer Gesellschaft herrschen.“ Unklar bleibt dabei dann eben, wer eigentlich bestimmt, was die „wirklichen Probleme“ einer Gesellschaft sind. Dem liegt der irrtümliche Gedanke einer Einheitsmeinung innerhalb eines demokratischen Staates zugrunde, das oft in dem Schlachtruf „Wir sind das Volk“ gipfelt.

Ein guter Zuhörer ist nicht automatisch ein besserer Mensch

Eine andere Form des „Zuhörens“ beobachtet die Psychologin Imhof in sozialen Netzwerken. „Es gibt ja nichts, was nicht zu blöd zum Posten ist – nur um viele Likes zu bekommen.“ Die Situation sei dabei eine andere: Eine Person poste etwas und ganz viele hören ihr zu. Dabei befinde sich diese Person wie „in einem Schaukasten“, während die User dieser folgten als ginge es um „die Weltformel“. „Viele schalten dann ihr eigenes Gehirn komplett aus“, sagt Imhof. „ Aber Zuhören ist nicht blind folgen, nicht gehorchen.“

Zuhören ist trotzdem nicht immer das bessere Kommunikationsmittel. „Es ist nicht nur das Gute, das wir ins Schatzkästchen legen“, gibt Imhof zu bedenken. Beim guten Zuhören geht es also laut Imhof immer auch darum, das Gehörte zu hinterfragen, um kritisches Denken und Selbstreflexion. „Sonst kommen wir schnell in eine esoterische Ecke“, sagt Imhof. Ein guter Zuhörer zu sein, mache einen nicht automatisch zu einem besseren Menschen. „So einfach ist es nicht“, sagt Imhof.