Gejagt werden, die Zähne verlieren oder sich im freien Fall befinden? Was die Wissenschaft über wiederkehrende Träume weiß, und wie man sie wieder loswird.
Berlin - Eine nächtliche Gestalt verfolgt uns, wir stehen nackt in der Fußgängerzone oder verlieren unsere Zähne. Das kennen wahrscheinlich viele von uns. Wiederkehrende Träume, auf die wir gut und gerne verzichten könnten. Aber woher kommen diese nächtlichen Plagegeister, und was haben sie zu bedeuten?
Typisch sind Themen wie Fallen, Verfolgungen, Prüfungssituationen
Natürlich sind Träume individuell. Aber längst nicht so sehr, wie viele meinen. Die meisten wiederkehrenden Träume sind düsterer Natur. Sie bringen unangenehme Emotionen mit sich wie Angst, Traurigkeit, Wut und Schuld. „Es gibt typische Träume“, sagt der Schlaf- und Traumforscher Michael Schredl vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim. Dabei handele es sich oft um Wiederholungsträume. „Typisch sind Themen wie Fallen, Verfolgungen, Zuspätkommen, Prüfungssituationen und der Tod von Angehörigen.“ Es gebe aber auch positive Wiederholungsträume – etwa solche, in denen man fliegen kann.
Wiederkehrende Träume gibt es oft in Stresssituationen
Der klinische Psychologe Reinhard Pietrowsky von der Uni Düsseldorf unterscheidet verschiedene Arten von Wiederholungsträumen. Eine Patientin von ihm träumte immer wieder: Sie liegt im Bett, und ein scharfkantiges Metallteil kommt auf sie zugeflogen und droht ihr die Kehle aufzuschneiden. Es gebe aber auch wiederkehrende Träume in einem weiteren Sinn. „Hier bleibt zumindest das Traummotiv immer gleich. Man träumt etwa davon, verfolgt zu werden – einmal vielleicht von einem Auto und einmal von einer Person.“
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Wiederkehrende schlimme Träume treten häufiger in Stresssituationen auf. Wenn wir Prüfungen vor uns haben, uns vom Partner getrennt oder finanzielle Sorgen haben. Dinge, die uns im Wachzustand Sorgen bereiten, tauchen dann gerne in Träumen auf. Studien deuten darauf hin, dass Träume dazu dienen, unsere Emotionen zu managen und uns an stressige Ereignisse anzupassen. Und viele Theorien stimmen in einem überein: Wenn Träume wiederkehren, beziehen sie sich auf ungelöste Konflikte und Schwierigkeiten des Träumers im realen Leben.
Man muss sich den Herausforderungen stellen
„Ungelöste Konflikte kommen in allen Träumen vor, so auch in den wiederkehrenden“, bestätigt Michael Schredl. Aber bei den Wiederholungsträumen gehe es um einen spezifischen Konflikt. „Kehrt ein Traum immer wieder, zeigt das, dass gewissermaßen etwas festhängt.“ Läuft man im Traum vor einer Gefahr wie einem Monster weg, heißt das vermutlich: Man stellt sich im Leben Herausforderungen nicht, etwa einem unangenehmen Gespräch mit dem Chef. „Stellt man sich den Herausforderungen im wirklichen Leben, hören die Träume wieder auf“, so Schredl.
Trauminhalte allerdings wie Symbole zu deuten, wie es der Erfinder der Psychoanalyse, Sigmund Freud, getan hat, sei oft zu stark vereinfacht. Man könne aber Trauminhalte durchaus „metaphorisch“ verstehen. Träume könnten oft auf einen ähnlichen Gefühlszustand im realen Leben hindeuten. Menschen, die ein Trauma wie Missbrauch erlebt haben, träumen häufig davon zu fallen. „In beiden Fällen fühlt man sich von Gefühlen völlig überwältigt, verliert komplett die Kontrolle“, sagt Schredl.
Die Einstellung macht viel aus
So oder so möchten wir die nächtlichen Plagegeister gerne loswerden. Und das geht ziemlich gut. „Man muss den Traum so zu Ende führen, wie man es möchte“, rät Michael Schredl. „Sich der Herausforderung aktiv stellen.“ Wird man im Traum verfolgt, ist es keine gute Strategie wegzulaufen. Denn: Wird man selbst schneller, wird auch der Verfolger schneller. Vielmehr solle man sich im Wachzustand die nächtliche Verfolgung vorstellen, wie man sich umdreht, vielleicht noch mit ein paar Helfern im Hintergrund, und wie man dann der Gefahr ins Auge sieht.
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„Bei dieser Übung stellt man sich die abgewandelte Situation jeden Tag für fünf Minuten im Laufe von zwei Wochen vor“, so Schredl. „In 80 bis 85 Prozent der Fälle verschwinden die Träume nach kurzer Zeit.“ Wahrscheinlich weil man weiterschläft, wenn der Traum ein gutes Ende findet. Wenn der Traum dennoch wieder auftauchen sollte, berichten Betroffene davon, dass die Gefahr kleiner gewirkt hat und man gar nicht mehr weiß, warum man verfolgt wird. „Es verändert sich also die Einstellung.“
Nächtliche Plagegeister kann man in den Griff kriegen
Treten die Träume in Stresssituationen auf, sollte man sich überlegen, wie man den Stress reduzieren kann. „Bei einer bevorstehenden Prüfung kann man sich mit dem Gedanken beruhigen, dass die Prüfung bald vorbei ist“, sagt Pietrowsky. So ausgeliefert man sich in wiederkehrenden Albträumen fühlt, man hat es immerhin bis zu einem gewissen Grad selbst in der Hand.
Schlaflabor, Symbole und Deutung
Traumforschung
Um Träume zu untersuchen, nutzen Forscher verschiedenste Methoden: Mit Hirnstrommessungen werden Schlafphasen erfasst; das Schlafverhalten wie Augenbewegungen und Muskelzuckungen wird beobachtet. Zudem werden Erfahrungsberichte von Probanden nach gezieltem Wecken im Schlaflabor während bestimmter Schlafphasen ausgewertet.
Traumdeutung
Für den Erfinder der Psychoanalyse, Sigmund Freud, stand fest: Die Deutung von Träumen ist der „Königsweg“ zum Verständnis unseres Unbewussten. Bei Freud verweisen Trauminhalte symbolisch meist auf Sexuelles. So stehen etwa Höhlen und Gefäße im Traum für weibliche Genitalien. Viele Traumforscher lehnen es aber heutzutage ab, Träume als Symbole zu deuten.