Wird es Regen geben? Manches lässt sich kontrollieren, aber eben nicht alles. Diese Einsicht ist der erste Schritt zu mehr Gelassenheit. Foto: Unsplash/Anna Demianenk

Krisen, Kriege, Reizüberflutung – wer damit klarkommen will, sollte auf eine Tugend setzen, die schon im Buddhismus und bei antiken Philosophen hoch im Kurs stand.

Das Handy blinkt und ringt. Irgendwo tobt ein Krieg. Irgendein Promi hat sich von seinem Partner getrennt. Vielleicht poppt auch noch eine emotional aufwühlende Nachricht des Ex-Partners auf. Wir swipen, scrollen und klicken uns auf dem Smartphone durch unsere persönlichen Krisen und die Probleme dieser Welt.

 

Manchen wird das zu viel. Und so wächst im Zeitalter der Reizüberflutung die Sehnsucht nach einer inneren Haltung, die schon in der Antike als Tugend galt. Einer Haltung, die Ruhe und Klarheit verspricht. Die Rede ist von Gelassenheit: Seit jeher gilt sie als Kernkompetenz im Umgang mit den Herausforderungen des Lebens. Und seit einiger Zeit ist sie die Eigenschaft im Ratgeber-Regal, die jeder haben will. Aber was ist das eigentlich? Und wie kommt man dahin?

Gelassenheit heißt nicht Gleichgültigkeit

Gelassenheit. Nicht zu verwechseln mit Zufriedenheit. Auch nicht mit Gleichgültigkeit. „Gelassenheit kommt von Lassen“, sagt der Philosoph Wilhelm Schmid (72). Der Vater von vier Kindern lebt in Berlin und beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit den Grundlagen und Voraussetzungen eines gelassenen Lebens, auch als Buchautor.

Mit Gelassenheit sei auch gemeint, Erwartungen nicht zu genügen, sie ziehen zu lassen. „Viele Menschen wünschen sich ein Leben frei von Schmerz, Konflikten und Zumutungen“, sagt Schmid. Es bestehe aber kein Anspruch auf ein Leben ohne Leid. Dies zu akzeptieren, falle vielen Menschen schwer, da ihr Denken von einer Autonomie-Ideologie beherrscht sei. Der Vorstellung also, dass der Mensch völlig frei sei in seinem Tun und Handeln. Selbstbestimmt und unabhängig. Das entspreche aber nicht der Lebensrealität.

Die Spurensuche im Internet lässt erahnen, worauf Schmid abzielt. Auf Youtube, Tiktok und Co. kursieren jede Menge Videos mit Titeln wie: „Du bist verantwortlich für dein Glück“, „Alle Regeln brechen – so habe ich mich befreit“, „Warum ich niemandem mehr Rechenschaft schulde – radikale Selbstbestimmung“. Im Sog von Selbsthilfe, Persönlichkeitsentwicklung oder Lebensveränderung appellieren Coaches und Influencer an die Eigenverantwortung des modernen Menschen.

Gelassenheit heißt, das auszuhalten, was man nicht ändern kann

Verantwortung für sein Leben zu übernehmen – dafür plädiert auch Wilhelm Schmid. Für ihn bedeutet Eigenverantwortung jedoch auch zu akzeptieren, dass wir Menschen uns in Abhängigkeiten befinden und Begrenzungen erleben. Das betrifft nicht nur die Weltpolitik, sondern auch das persönliche Leben.

Wer sich beispielsweise von seinem Partner trennt, kann wenig dagegen ausrichten, wenn der daraufhin aus Wut Konflikte provoziert, Entscheidungen über das gemeinsame Kind sabotiert oder das Kind aufhetzt. Das Verhalten des anderen schmerzt und ist schwer auszuhalten. Manchmal muss man aber genau das tun.

Menschen erleben derlei Situationen als Kontrollverlust. Sich dagegen aufzulehnen, kostet Energie. Wer diese Energie aufbringt – und beispielsweise das Gespräch mit dem Ex-Partner sucht –, probiert die Situation zum Positiven zu verändern. Doch es kann sein, dass es nicht das gewünschte Resultat bringt. Sondern dass es heftige Gefühle provoziert: Schuld, Scham oder Wut.

Was dann hilft: Gelassenheit. „Das bedeutet nicht, widerstandslos alle Umstände über sich ergehen zu lassen“, sagt Wilhelm Schmid. Aber zum gegebenen Zeitpunkt hilft diese Haltung anzuerkennen, dass Gespräche scheitern können, Argumente nicht fruchten und sogar Gerichtsprozesse nicht immer Gerechtigkeit bringen.

Manches lässt sich kontrollieren, aber eben nicht alles.

„Es gibt Dinge im Leben, die wir nicht ändern können“, sagt Wilhelm Schmid. Momente, in denen alle Möglichkeiten ausgeschöpft seien. Wer dies leugnet, verkennt aus Sicht des Philosophen, dass der Mensch nicht alles beeinflussen kann.

Der Gedanke ist keineswegs neu: Die Wurzeln dieser Haltung reichen bis in die Antike zurück – vor allem in die Philosophie der Stoa. Der Stoizismus, der im antiken Griechenland entstand, war eine Denkschule, die genau diese Unterscheidung betonte: Manches lässt sich kontrollieren, aber eben nicht alles.

Der römische Kaiser, Feldherr und Philosoph Marc Aurel Foto: Harald Tittel/dpa

Das Verhalten anderer Menschen, deren Meinung über uns, Krankheiten – all das unterliegt nur bedingt unserem Einfluss. Was sich hingegen beeinflussen lässt, ist die eigene Haltung dazu. Die Stoiker – etwa Seneca, Epiktet und Marc Aurel – lehrten daher, nicht das Leben beherrschen zu wollen, sondern die eigenen Affekte.

Akzeptanz hilft, Emotionen zu regulieren

In der psychologischen Fachliteratur lautet der Begriff Emotionsregulation. Psychologinnen und Psychologen nennen so die Fähigkeit, die eigenen Gefühle gezielt zu beeinflussen. Emotionen abzuschwächen, zu verstärken oder auch bewusst aufrechtzuerhalten. Die Forschung unterscheidet eine ganze Reihe von Strategien, mit denen Menschen versuchen, ihre emotionale Reaktion auf belastende Situationen zu steuern.

In seiner Studie „Flexible Emotionsregulation: Theoretische Modelle und Empirische Befunde“ kommt der klinische Psychologe Sven Barnow von der Universität Heidelberg zu dem Schluss: Eine der wirksamsten und zugleich alltagstauglichsten Methoden, dieses Ziel zu erreichen, ist die Akzeptanz.

Eine Haltung, die sich auch in einem alten buddhistischen Gedanken wiederfindet. Leiden entsteht nicht allein durch Schmerz, sondern durch den Widerstand, den wir ihm entgegensetzen. Oder anders ausgedrückt: Hast du ein Problem und willst es nicht haben, hast du gleich zwei.

Zwischenschritt Achtsamkeit

Die Gelassenheit hat bis heute nichts von ihrer Bedeutung verloren und der Weg zu ihr kann über Achtsamkeit führen. Achtsamkeit hat ihren Ursprung in der buddhistischen Lehre, deren Elemente bereits Mitte der 70er Jahre ihren Weg in die Psychotherapie gefunden haben.

In der Achtsamkeit geht es keineswegs um dauernde Tiefenentspannung, Räucherstäbchen-Romantik oder das Wegatmen negativer Gefühle. Achtsamkeit bedeutet vielmehr, den gegenwärtigen Moment bewusst, aufmerksam und ohne Wertung wahrzunehmen. Viele psychosomatische Kliniken arbeiten mittlerweile mit Übungen der achtsamkeitsbasierten Stressreduktion, kurz MBSR genannt (Mindfulness-based stress reduction).

MBSR basiert auf der buddhistischen Achtsamkeitspraxis und ist wissenschaftlich gut untersucht. Sie hilft gegen Stress, Angst, Depression und chronische Schmerzen. MBSR ersetzt bei schweren Störungen und Krisen zwar keine Psychotherapie, kann diese aber sinnvoll ergänzen – ähnlich wie Sport oder Entspannungstherapie.

Sich selbst mit Abstand beobachten

In MBSR-Kursen lernen die Teilnehmer, die eigenen Gedanken mit einem Abstand zu beobachten. Wenn man sich dabei ertappt, dass man gedanklich abschweift, sagt die eigene innere Stimme vielleicht: „Heute bin ich wieder unkonzentriert.“ Darin schwingt aber schon eine Wertung mit – beispielsweise „Ich bin wieder faul und undiszipliniert“. Wäre der Gedanke eine pure Beobachtung ohne Wertung, würde der Satz so lauten: „Ich bemerke, dass mein Geist abschweift.“

Solch eine gelassene und beobachtende Haltung hat zwei Vorteile. Sie verschafft inneren Abstand zu Gedanken und Gefühlen. Und lässt uns begreifen, dass wir unsere eigenen Gedanken und Wertungen hinterfragen dürfen.

Zu dieser Haltung gehört auch die Akzeptanz, dass man mal ängstlich oder wütend ist. Wer solchen Gefühlen mit Widerstand begegne, setze sich unter Druck und verstärke unangenehme Emotionen, sagt Psychologe Sven Barlow.

Erlauben wir uns hingegen zu fühlen, was wir fühlen, sei es nicht notwendig, Emotionen zu unterdrücken. Gelassen zu sein, bedeutet also nicht, einen Zustand der tiefenentspannten Dauerzufriedenheit anzustreben, sondern eine entspannte Haltung zum Auf und Ab der Gefühle zu kultivieren.

Was soll ich bloß tun? Nichts!

Das kann über einen spirituellen Weg der Achtsamkeit – mit buddhistischem Überbau – passieren. Oder über einen wissenschaftsbasierten, psychologisch geprägten Zugang zu unseren Gefühlen. Beide Herangehensweisen nehmen aber dieselben Ziele in den Fokus. Erstens sensibilisieren sie dafür, dass Gefühle wie Wut, Enttäuschung und Verzweiflung kommen und gehen. Und zweitens verdeutlichen beide Anschauungen, dass Hoffnungen, Erwartungen und feste Vorstellungen zu unserem Leid beitragen. Gelassenheit bedeutet auch, Hoffnungen fahren zu lassen.

Was einfach klingt, ist in Wahrheit ein innerer Kraftakt. Denn Hoffnung ist selten bloß ein Gedanke. Sie ist oft eng verwoben mit Wünschen nach Zugehörigkeit, Anerkennung, Liebe, Gesehenwerden.

Viele Menschen warten und hoffen ihr Leben lang auf liebevollere Eltern, einen verständnisvolleren Partner, einen reiferen Chef, ein schmerzfreies Leben oder leibliche Kinder. Und erleben immer wieder Enttäuschungen.

Es bleibt dann die Frage: Was soll ich jetzt noch tun? Die Antwort lautet manchmal schlicht: Nichts!

Auch wenn sich Gelassenheit in einer äußerlich ruhigen und zurückgelehnten Haltung zeigen kann, stellt sie im Kern doch etwas anderes dar. Gelassenheit ist das Gegenteil von Gleichgültigkeit. Gelassenheit bedeutet den Mut zu erkennen, was wir nicht bekommen haben – und vielleicht nie bekommen werden. Dies zu betrauern und dann langsam ziehen zu lassen, verschafft Freiheit – um selbst innerlich weiterziehen zu können.