Bei einer Razzia gegen „Reichsbürger“ führen Polizisten Heinrich XIII. Prinz Reuß (Mitte) ab. Er steht unter dem Verdacht, einer der Rädelsführer des geplanten Umsturzes zu sein. Foto: dpa/Boris Roessler

Eine bewaffnete Gruppe aus „Reichsbürgern“ soll einen Staatsstreich geplant haben. Die einen halten sie für harmlose Spinner, die anderen für hochgefährlich. Wie ticken „Reichsbürger“ psychisch?

Die einen glauben, das Deutsche Reich habe nie aufgehört zu existieren, die anderen sehen sich als „staatenlose Aussteiger“ und Selbstverwalter, weil sie nicht mehr zur „BRD GmbH“ zählen wollen. Sie glauben, Deutschland ist eine Firma. Was sie eint: Sie negieren den deutschen Staat. Als Begründer der „Reichsbürger“ gilt der Berliner Wolfgang Ebel. Nach Verlust seines Arbeitsplatzes bei der Reichsbahn 1980 ernannte er sich in Eigenregie zum „amtierenden Reichskanzler für das Deutsche Reich von 1871“. Ein Spinner, könnte man sagen.

 

So denken viele auch über die 50 „Reichsbürger“, die kürzlich bei einer Razzia festgenommen wurden: harmlose alte Spinner. Doch: „Von diesem Denken sind wir schon lang weg“, sagt Jan-Gerrit Keil, Kriminalpsychologe beim Staatsschutz des Landeskriminalamts Brandenburg. Spätestens seit dem Polizistenmord in Georgensgmünd 2016 sehe man die „Reichsbürger“ in der Polizei bundesweit nicht mehr als ungefährlich an. Sie stellten die Legitimität des Staates infrage. Und wenn sich eine Gruppe organisiere und Waffen besorge, könne man als Polizei nicht zuschauen. Er stellt jedoch klar: „Es ist ein heterogenes Milieu, wir betrachten nicht jeden als Topterrorist.“

Viele haben Ängste und finden in ihren Gruppen Gleichgesinnte

Das „Reichsbürger“-Milieu reiche vom unpolitischen Trittbrettfahrer über den Querulanten und Papierterroristen zu dem politisch überzeugten Agitator bis hin zum psychisch wahnhaften Kranken. „Es gibt nicht den einen ‚Reichsbürger‘-Typ“, sagt Keil.

„Reichsbürger“ haben häufig einen eigenen Pass, geben sich Fantasietitel wie Reichskanzler oder Kaiser. Das klingt verrückt. „Aber lediglich bei circa einem Fünftel der Szene findet man psychiatrische Diagnosen wie Angststörungen oder stark paranoide Züge, die in Verbindung mit der Radikalisierung in die ‚Reichsbürger‘-Szene gebracht werden können“, sagt Keil.

Warum driftet jemand derart in eine eigene Welt ab? „Viele sorgen sich in Krisenzeiten um ihre Zukunft, haben starke Ängste und suchen nach Antworten“, sagt Keil. „Und die machen keine Therapie, sondern geraten stattdessen in so ein Milieu.“ Und in dieser Art „Selbsthilfegruppe“ träfen sie auf andere, die sie in ihren Ängsten bestätigen und permanent weitere apokalyptische Zustände herbeireden.

Und: „Viele, die Verschwörungstheorien wie der ‚Reichsbürger‘-Ideologie anhängen, haben das Bedürfnis nach Einzigartigkeit“, sagt Keil. Eine Selbstüberhöhung und die Gier nach Titeln sind bei vielen vorhanden. „In diesem Milieu gibt es Leute, die reden auf Teufel komm raus in jedes Mikrofon“, sagt Keil.

Darin unterscheiden sich diese Akteure deutlich von gewöhnlichem Narzissmus. „Die Währung des Narzissten ist Bewunderung“, sagt Keil. „Die Währung des Histrionikers ist dagegen die Aufmerksamkeit.“ Menschen mit einer histrionische Persönlichkeitsstörung oder einer stark dramatisch akzentuierten Persönlichkeit haben einen sehr großen Drang nach Aufmerksamkeit. Als Beispiel verweist Keil auf Attila Hildmann. Er hat sein Geschäftsmodell zerstört und ist am Ende vor dem Zugriff der Justiz ins Ausland geflohen. „Trotzdem konnte er dem zwanghaften Drang zur Selbstinszenierung nicht widerstehen“, sagt Keil.

Verschwörungstheoretikern fehlt es an Ambiguitätstoleranz

Zu bedenken sei aber: Der normale „Reichsbürger“ oder Selbstverwalter brauche keinen Putsch. Er schafft sich seine Ersatzregierung in seiner Fantasie und lebt in seiner kleinen, selbst verwalteten Welt, die oft hinter seinem Gartenzaun endet. Da steht dann ein gelbes Schild „Hier ist das Deutsche Reich“. „Nun beobachten wir aber in Teilen eine neue Qualität“, sagt Keil. „Sie gehen nach draußen.“

Verschwörungstheorien, das weiß man aus der sozialpsychologischen Forschung, geben Menschen Sinn, Sicherheit und soziale Anerkennung durch eine Gruppe. „Bei den ‚Reichsbürgern‘ gibt es noch etwas on top“, sagt Keil. Nämlich: Jeder kriegt eine Rolle. Sie bezeichnen sich als Reichskanzler, Kaiser oder Selbstverwalter. „Das ist ein psychologischer Zusatznutzen“, sagt Keil.

Zudem haben Menschen mit Hang zu Verschwörungstheorien häufig eine mangelnde Ambiguitätstoleranz, es fehlt ihnen also die Fähigkeit mehrdeutige Situationen und widersprüchliche Handlungsweisen zu ertragen. Typisch für Anhänger von vielen Verschwörungstheorien wie den „Reichsbürgern“ sind laut Sarah Pohl von der Zentralen Beratungsstelle für Weltanschauungsfragen Baden-Württemberg (Zebra), dass sie unter dem Dunning-Kruger-Effekt leiden.

Dieser bezeichnet die kognitive Verzerrung, was das eigene Wissen und Können angeht. Einfacher formuliert: Menschen schauen sich drei Youtube-Videos über Corona an und glauben dann, sie hätten dasselbe Wissen wie ein Virologe, der seit 20 Jahren forscht.

„Reichsbürger“ haben sich stark radikalisiert

Sarah Pohl, Paartherapeutin und systemische Paar- und Familienberaterin, rät dennoch dazu, mit Verallgemeinerungen vorsichtig zu sein. Nicht alle in der Szene seien gewaltbereit, aber Teile hätten einen Hang zu Waffen. „Und was sie eint, ist der Staatshass. Sie sind also im Radikalisierungsprozess weit fortgeschritten“, sagt Pohl, die Angehörige von Verschwörungstheoretikern in ihren Beratungen betreut. „Aber wir haben auch 70-jährige Damen, die über die Esoterikszene da reingerutscht sind. Die planen sicher keinen Putsch“, betont die Pädagogin. Manche sind nur renitente Rentner.

Von einer direkten persönlichen Veranlagung will Pohl nicht sprechen. Es sei ein komplexer Prozess, der multifaktoriell sei, der eine Person dazu bringt, sich plötzlich als „Reichsbürger“ zu bezeichnen. „Krisen können Auslöser sein“, sagt Pohl. Zudem gibt es psychologisch auch individuelle Ursachen wie Demütigungen durch staatliche Bedienstete zum Beispiel auf dem Sozialamt.

Was „Reichsbürger“ oder andere Verschwörungstheoretiker tatsächlich mit wahnhaften Menschen eint, ist: „Alles muss eine Bedeutung haben, es gibt keine Zufälle, und alles hängt irgendwie zusammen“, sagt Pohl. Zudem glaubten sie, alles sei eine Inszenierung. „Die Überforderung durch die Komplexität der Welt löst bei vielen Menschen starke Ängste aus“, sagt Pohl. Viele suchen sich dann einen Sündenbock, auf den sie negative Gefühle projizieren können, das ist dann der Staat oder die globale Elite. Eine psychische Störung ist das nicht.

Wer sind die „Reichsbürger“?

Forschung
Inzwischen spricht man in der Forschung nicht mehr von Sonderlingen, Spinnern und Querulanten, wenn es um „Reichsbürger“ geht, sondern generell gilt das „Reichsbürgertum“ als atypischer Extremismus der zweiten Lebenshälfte. Das Durchschnittsalter ist um die 50 Jahre, die meisten sind männlich. Die Rollenbilder in der Szene gelten als „klassisch patriarchalisch“. Viele sind Frührentner, wissen nichts mit ihrer Zeit anzufangen. Die Klientel eint zwei Dinge: Zeit und Geld. Aufgrund der späten Radikalisierung gilt es als schwierig, Menschen aus diesem Milieu zurückzuholen. Es gibt daher kaum Aussteiger.

Sonderlinge
Viele beschäftigten ausschließlich die Ämter, weshalb man sie „Papierterroristen“ nennt – weil sie Behörden mit ausschweifenden Texten mit „Reichsbürger-Rhetorik“ drangsalieren. (nay)