Masken gehören zum Alltag von Kleinkindern. Foto: Aron M/Austria – stock.adobe.co/m

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ntwicklungspsychologe Rüdiger F. Pohl spricht über die Auswirkungen der Coronapandemie auf Kleinkinder

Stuttgart - Es gab auch eine Realität vor unserem aktuellen Corona-Alltag – zweijährige Kinder kennen es aber nicht anders. Wie wirkt sich diese Zeit auf Kinder aus? Werden sie Ängste oder gar Depressionen entwickeln? Und wie reagieren diese Kinder, wenn plötzlich die Menschen keine Masken mehr tragen, sich umarmen? „Die Pandemie könnte dazu führen, dass wir in ein paar Jahren mehr sozial auffällige Kinder haben werden“, sagt der Entwicklungspsychologe Rüdiger F. Pohl.

 

Herr Professor Pohl, eine ganze Generation von Kleinkindern macht ihre ersten Lebenserfahrungen in einer Welt, die gebeutelt ist vom Coronavirus. Wird das diese Kinder prägen? Oder werden sie sich in fünf Jahren ohnehin kaum noch an die Pandemie erinnern?

Wahrscheinlich beides. Zwar sorgt die sogenannte frühkindliche Amnesie dafür, dass im frühen Grundschulalter die Erinnerungen an die ersten drei Lebensjahre weitgehend verloren gehen. Das heißt aber nur, dass man sich nicht mehr explizit an diese Zeit erinnern kann – und keineswegs, dass Erfahrungen dieser Jahre nicht nachwirken.

Bitte erklären Sie das.

Was wir in den ersten drei Lebensjahren erleben, prägt uns fundamental. Die Erfahrungen dieser Zeit bestimmen, was wir als Normalität definieren. Wir lernen unveränderliche Wahrheiten kennen: Wenn ich weine, kommt Mama; meine Eltern füttern mich am Essenstisch. Solche Sachen.

Was bedeutet das in Bezug auf Corona?

Dass die Pandemie für Zweijährige die Normalität ist. Ein sechsjähriges Kind hat schon die pandemiefreie Welt kennengelernt und kann diese Erfahrung mit der derzeitigen Lage kontrastieren. Es versteht, dass wir uns in einer Ausnahmesituation befinden. Für Zweijährige aber sind Menschen mit Masken oder Eltern im Homeoffice normal.

Das heißt, wenn die Pandemie überwunden ist und unsere alte Lebensweise zurückkehrt, werden diese Kinder sie als unnormal wahrnehmen?

Wahrscheinlich schon. Zumindest für die Übergangszeit prognostiziere ich Probleme. Kinder werden irritiert sein, wenn die Menschen wieder ohne Abstand zusammenkommen, sich umarmen.

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Wie lang wird diese Irritation anhalten?

Das ist schwer zu sagen. Grundsätzlich kann man davon ausgehen, dass Kinder, die die Pandemie als nicht so einschneidend erlebt haben, sich schnell wieder umstellen werden. Je mehr sie diese Zeit aber als problematisch wahrgenommen haben, desto länger wird sie nachwirken. Frühkindliche Erfahrungen können für lebenslange Ängste sorgen. Und wenn ein Kleinkind die Umwelt als etwas Gefahrvolles kennenlernt, auch andere Menschen als potenzielle Gefahrenquelle – wie soll es dann später unbefangen auf andere zugehen?

Bekommen wir durch Corona eine Generation ängstlicher Menschen?

Das gilt wie gesagt erstens nicht für alle Kinder und zweitens in unterschiedlichen Ausprägungen. Aber in der Tendenz ist das durchaus zu befürchten.

Was können Eltern tun, um dem entgegenzuwirken?

Sie sollten ihre Sorgen möglichst von ihren Kindern fernhalten. Ihnen ein Gefühl der Sicherheit geben. Ihnen noch mehr Aufmerksamkeit und Zuwendung schenken als normalerweise.

Das fällt vielen Eltern zunehmend schwer.

Ja, fraglos. Zur Sorge wegen der Seuche kommt oftmals ja die Angst um den Job, dazu beengte Wohnverhältnisse, Homeschooling. Das führt zu permanentem Stress, der überträgt sich auf die Kinder. Dauerhafter Stress macht krank. Das wird Probleme geben.

Was heißt das?

Man weiß aus Studien, dass angestauter Stress sich früher oder später Bahn bricht, bei Kindern grob gesagt auf zwei Weisen. Entweder sie internalisieren die schlechten Erfahrungen, werden introvertiert bis hin zur Depression. Oder sie externalisieren das Problem, das zeigt sich dann in Provokationen, Aggressionen. Die Pandemie könnte dazu führen, dass wir in ein paar Jahren mehr sozial auffällige Kinder haben werden.

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Aber persönliche Probleme können überwunden, Rückstände aufgeholt werden. Man ist doch seinen frühkindlichen Erfahrungen nicht ein Leben lang machtlos ausgeliefert.

Richtig, man entwickelt sich, man kann sich reflektieren, Veränderungen anstreben. Aber es bleibt dabei, dass die ersten Jahre unser Selbstwertgefühl und unser Bindungsverhalten prägen. Und deswegen ist es doppelt problematisch, wenn Kindern die sozialen Kontakte zu Gleichaltrigen fehlen und gleichzeitig zu Hause eine angespannte Atmosphäre herrscht.

Klingt alarmierend.

Corona kann für Kinder gravierende Folgen haben, leider vor allem in den sogenannten sozial schwachen Familien. Man kann nur hoffen, dass viele Eltern die Herausforderungen möglichst gut meistern. Je nachdem, wie gut das gelingt, kann es sogar sein, dass Kinder an der Krisensituation wachsen.

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Inwiefern?

Es gibt Studien, etwa mit Kindern, die den Zweiten Weltkrieg miterlebt haben, die ohne Vater aufgewachsen sind und echte Not gelitten haben. Viele von denen sind daran zerbrochen, nie mehr richtig auf die Beine gekommen. Aber es gab auch etliche, die sich durch die Krise schneller entwickelt haben, mehr Verantwortung übernommen haben. Das waren die, die vom Umfeld stabil durch die Krise geführt worden sind. Die die Erfahrung gemacht haben: Egal wie schlimm es ist, wir stehen das gemeinsam durch.

Was lehrt uns das?

Welche Folgen die Pandemie für ein Kind hat, hängt maßgeblich vom unmittelbaren Umfeld ab. Und das ist in der Pandemie geschrumpft, Pädagogen und Erzieher fehlen, Gleichaltrige fehlen. Es kommt also, noch mehr als sonst, auf die Eltern an.