In der Coronapandemie sind immer mehr Kinder und Jugendliche auf die Hilfe von Psychologen oder Schulsozialarbeitern angewiesen. Foto: dpa/Christin Klose

Corona ist nicht nur für die körperliche Gesundheit gefährlich. Dass die Pandemie seelisch krank machen kann, spüren Hilfeeinrichtungen wie das diakonische Beratungszentrum Esslingen.

Esslingen - Corona kann körperlich sehr krank machen. Die Pandemie und ihre Einschränkungen sind aber auch für die seelische Gesundheit eine Gefahr. Vor allem Kinder und Jugendliche stecken in der Krise. „Wir haben mehr und deutlich schwerwiegender belastete Familien, die zu uns in die Beratung kommen“, schlägt Ralf Weers, der kommissarische Leiter des Diakonischen Beratungszentrums in Esslingen, Alarm. „Viele Kinder und Jugendliche haben Schwierigkeiten, ihrem Leben eine Struktur zu geben, denn vieles ist weggebrochen. Oder sie ziehen sich komplett zurück. Dazu kommt der Stress in der Schule, das ist oft sehr belastend“, sagt er. Durch Corona sei der Alltag unberechenbarer geworden. „Wenn unsichere Menschen aber auf eine unsichere Welt treffen, kann es schwierig werden“, erklärt Ralf Weers, weshalb psychische Probleme wie Selbstverletzungen, Depressionen bis hin zu Suizidalität derzeit zunähmen.

 

Nur keine Scham und möglichst früh Hilfe suchen

Die psychologische Beratungsstelle versteht sich nicht nur als Hilfeeinrichtung, sondern ist als Schnittstelle in engem Austausch mit psychiatrischen Einrichtungen, niedergelassenen Psychologen, Schulen und Schulsozialarbeitern. „Wir haben dadurch einen guten Einblick, was gerade passiert“, betont Ralf Weers. Derzeit würden sich in der Beratungsstelle auffallend viele Jugendliche allein und von sich aus melden. Auch das zeige, wie schwierig Situation für viele geworden sei. „Wir sehen es als einen Beleg dafür, dass die Ressourcen knapper werden. Ein großer Teil ihrer Selbstwirksamkeit ist für Jugendliche durch die Pandemie weggebrochen. Alle fühlen sich hilfloser, viele schaffen es nicht mehr alleine“, berichtet Gabriele Hübner, die in der psychologischen Beratung vor allem mit Eltern, Kindern und Familien arbeitet. „Die Schulen müssen unbedingt weiter offen bleiben“, appelliert Hübner, sie seien mehr als ein Ort der Wissensvermittlung, denn sie stellten auch ein sozialen Mittelpunkt dar.

Trotzdem war die Rückkehr zum Präsenzbetrieb nicht einfach. Eine Herausforderung ist er vor allem für die Erst- und Fünftklässler. Die haben neu an einer Schule angefangen und monatelang keine Kameraden und Lehrkräfte leibhaftig gesehen. „Viele sind immer noch dabei, ihren Platz in der Schulgemeinschaft zu finden“, sagt Hübner.

Weit verbreitet sei auch die Schulangst bis hin zu Schulverweigerung. Schon seit Jahren beobachten Schulpsychologen, dass der sogenannte Schulabsentismus zunimmt. In der Pandemie hat diese Entwicklung sich weiter verschärft. „Auch deshalb ist es so wichtig, dass die Einrichtungen nicht wieder schließen. Diese Kinder und Jugendlichen müssen regelmäßig in die Schule, auch wenn es nur für wenige Stunden ist“, sagt Gabriele Hübner. Dem Team der Diakonischen Beratungseinrichtung ist es ein Anliegen, dass in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird, wie sehr Kinder und Jugendliche in der Pandemie unter Druck stehen und wie viel ihnen oft abverlangt wird. „Es ist derzeit eine völlig unnormale Situation und von daher völlig normal, dass das zu Stress führt“, sagt Ralf Weers und appelliert damit an alle Betroffenen, sich Probleme einzugestehen. „Keiner braucht sich zu schämen. Es ist angemessen, sich Hilfe zu holen“, sagt der kommissarische Leiter. Er berichtet beispielsweise von einem jungen Klienten, den der Lockdown so aus der Bahn geworfen hat, dass der einst zielstrebige Schüler sich jetzt kaum mehr in der Lage sieht, überhaupt zu lernen.

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Essstörung als Kontrolle über den eigenen Körper

Die Pandemie hat auch dazu geführt, dass wichtige Entwicklungsschritte bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen unterbrochen wurden. „Sie haben sich endlich abgenabelt, wollen hinaus in die Welt – und plötzlich sitzen sie wieder zu Hause und können scheinbar nichts tun“, umschreibt Barbara Hammann, die die Anlauf- und Beratungsstelle für Essstörungen betreut, mögliche Auslöser für eine Krise. Das Unterbewusste suche sich dafür eine Lösungsstrategie. Das könnten beispielsweise Essstörungen wie Magersucht oder Ess-Brech-Sucht sein. „Es ist unterbewusst oft ein Weg, um wieder die Kontrolle zu bekommen“, sagt Hammann. Auch selbstverletzendes Verhalten, umgangssprachlich als Ritzen bekannt, werde als Ausweg gesehen, um Druck abzubauen. Von beidem seien vermehrt Mädchen und Frauen betroffen. Bei den Jungs habe in der Pandemie vor allem der Medienkonsum deutlich zugenommen, der oft mit der Angst einhergehe, sich mit anderen real zu treffen.

Mehr Geld und Personal für nachhaltige Hilfe

Die psychischen Folgen von Corona werden wohl noch lange andauern. „Es gibt derzeit viele projektartige Hilfsmodelle. Man müsse sich aber fragen, wie man sich nachhaltig aufstellt, damit Kinder und Jugendliche Ansprechpartner haben. Da habe ich bis jetzt noch nicht viel wahrgenommen“, sagt Ralf Weers. Für eine dauerhafte Struktur müsse die Politik endlich deutlich mehr Geld investieren, fordert er. Dramatisch sei derzeit die Situation in der Kinder- und Jugend-Psychiatrie, die Einrichtungen seien völlig überlaufen und könnten nur noch die schlimmsten Fälle aufnehmen. Mit der Folge, dass die jungen Klienten, die eigentlich eine Therapie brauchen, länger als früher üblich beim Diakonischen Beratungszentrum betreut würden. So könne die Wartezeit wenigstens überbrückt werden. „Wir lassen keinen allein“, laute das Credo der Beratungsstelle. Auch während des Lockdowns war das Beratungszentrum offen. „Jugendliche wollten lieber live vorbeikommen. Hier ist ein geschützter Raum und das gibt Sicherheit“, erzählt Barbara Hammann.

Oft litten nicht nur die Kinder. „Derzeit wird viel Verantwortung in die Familien abgeschoben, die oft schwer zu tragen ist“, so Weers. „Wir haben hier Eltern, die sagen, dass sie einfach nicht mehr können“, berichtet Hübner, auch Schuldgefühle belasteten viele. Dass ihnen überhaupt jemand zuhört und sie ernst nimmt, habe vielen geholfen.

Wo es Hilfe gibt

Beratung
Das Diakonische Beratungszentrum in Esslingen, Berliner Straße 26, bietet Erziehungs-, Familien-, Jugend-, Paar- und Lebensberatung an. Die psychologische Beratung ist telefonisch unter 07 11/ 34 21 57-100 oder per Mail unter dbz.es@kdv-es.de zu erreichen. Telefonische Sprechstunde: Montag bis Freitag zwischen 10 und 12 Uhr unter der Telefonnummer 01 52 55 86 58 18. Bei akuten Krisen (Selbstmordgefährdung) oder akuter Gewalt sind kurzfristige Krisentermine möglich. Die psychologische Beratungsstelle arbeitet mit einem multiprofessionellen Team. Die Beraterinnen und Berater haben aber alle eine psychotherapeutische Ausbildung. Sie unterliegen der Schweigepflicht. Die Beratung steht allen offen und ist grundsätzlich kostenlos. Für Paar- und Lebensberatung ist eine Eigenbeteiligung erwünscht, die sich nach den finanziellen Möglichkeiten richtet.

Essstörungen Im Diakonischen Beratungszentrum befindet sich auch die Anlauf- und Beratungsstelle bei Essstörungen. Telefonische Sprechstunde ist immer montags, 14 bis 15 Uhr. Beratungstermine gibt es unter 07 11/342 157 100. Wenn die Gedanken nur um Essen oder Nicht-Essen, wenn Gewicht und Figur zum Mittelpunkt des Lebens werden und die Angst vor dem Zunehmen ständiger Begleiter ist, sollten sich Betroffene oder deren Umfeld Hilfe holen.

Weitere Anlaufstellen
Psychologische Beratungsstellen bietet in Esslingen und Nürtingen auch der Landkreis an, Telefon: 07 11/ 39 02-42 671. Hilfe gibt es auch bei der Psychologische Familien- und Lebensberatung Nürtingen der Caritas, Telefon 070 22/21 58-0. In Kirchheim gibt es die psychologische Beratungsstelle der Stiftung Tragwerk eine psychologische Beratung an, Telefonnummer 070 21/48 559-0. Vom Kreisdiakonieverband gibt es auch die psychologische Beratungsstelle Filder, die in Filderstadt sitzt, Telefon: 07 11/70 20 96.