„Die fehlende Planbarkeit hat viele sehr frustriert“, sagt der psychologische Uni-Berater Stefan Balz. Foto: privat/privat

Seit Beginn der Pandemie gab es kein echtes Studentenleben. Auf junge Menschen hatte das psychische Auswirkungen, sagt Stefan Balz, der Leiter der Beratungsstelle des Studierendenwerks Tübingen-Hohenheim.

Tübingen - Wer in die Psychotherapeutische Beratungsstelle des Studierendenwerks Tübingen-Hohenheim kommt, hat in der Regel ein persönliches oder ein studienbezogenes Problem – oft auch beides. Während der Pandemie sind aber einige Gründe dazugekommen, berichtet der Leiter Stefan Balz.

 

Nach anderthalb Jahren kehren die Studierenden dieses Semester wieder in Präsenz an die Uni zurück. Ist das für alle Grund zur Freude?

Die meisten freuen sich nach meinem Eindruck tatsächlich. Manche sagen aber auch, dass der Gedanke an Präsenz-Uni sie verunsichert. Viele jüngere Studierende kennen das Leben an der Uni noch gar nicht, manche sind erst gar nicht ausgezogen aus ihrem Elternhaus und haben aus ihrem Kinderzimmer heraus studiert.

Und andere sind wieder zurück nach Hause gezogen . . .

Genau. Das hat viele um Chancen gebracht, ihre Unabhängigkeit weiter zu entwickeln und ihre Autonomie zu erproben. Stattdessen haben sich viele samt ihrer Familien in alten Rollenmustern wiedergefunden.

Wer introvertiert ist, hat dem Online-Studium aber sicher etwas abgewinnen können, oder?

Ja, einige haben uns berichtet, dass das Studieren von zu Hause ihnen getaugt habe, weil sie eher schüchtern oder introvertiert sind. Zu Hause gibt es weniger Reize als an der Hochschule und man ist nicht so exponiert und sozial herausgefordert.

Was raten Sie Studierenden, die Unbehagen oder gar Angst vor dem ersten Semester in Präsenz verspüren?

Es könnte helfen sich klar zu machen, dass wenn man etwas anderthalb Jahre nicht oder nicht mehr hatte, man damit nicht mehr vertraut ist. Das ist normal und geht vielen so. Das ist ähnlich, wie wenn man anderthalb Jahre keinen Sport mehr gemacht hat, danach ist man etwas eingerostet. Aber das Unbehagen und die Anstrengung werden sich mit der Zeit legen.

Haben sich in den vergangenen anderthalb Jahren die Gründe verändert, warum Studierende zu Ihnen kommen?

Arbeitsstörungen wie beispielsweise das Aufschieben von Arbeiten haben durch die Pandemie deutlich zugenommen. Viele waren sehr auf sich allein gestellt, als Präsenzveranstaltungen wegfielen und Lernorte wie Bibliotheken geschlossen oder nur beschränkt zugänglich waren. Wenn sich der Großteil des Lebens und Lernens in einem 10-Quadratmeter-Zimmer abspielt, gibt es kaum noch Trennlinien zwischen den Lebensbereichen. Viele Studierende waren strapaziert, frustriert und enttäuscht – nicht nur vom Studium, sondern vom ganzen Leben.

Nehmen Sie eine Aufbruchstimmung wahr?

Ich würde von Hoffnung sprechen. Aber gleichzeitig ist bei vielen immer noch eine Skepsis da, weil in der Vergangenheit so vieles anders kam als erwartet und gewünscht. Gerade auch die fehlende Planbarkeit während der letzten eineinhalb Jahre hat vielen Studierenden zu schaffen gemacht und ihr Bedürfnis nach Kontrolle sehr frustriert.

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Der Experte

Psychotherapeut
 Stefan Balz, 1973 in Böblingen geboren, hat an der Uni Tübingen Psychologie und Pädagogik studiert. Seit 2013 arbeitet er in der Psychotherapeutischen Beratungsstelle des Studierendenwerks Tübingen-Hohenheim, die er seit diesem Frühjahr leitet. In den vergangenen anderthalb Jahren hat sein Team vor allem per Video beraten – das soll auch weiterhin angeboten werden.