Die Pandemie, der Krieg und die Klimazerstörung – viele Kinder und Jugendliche sind auch durch die zunehmenden Krisen seelisch stark belastet. Wie kann ihnen geholfen werden?
Nicht erst seit der Pandemie ist das Hilfesystem für Kinder und Jugendliche mit psychischen Erkrankungen überlastet. Aber der Bedarf an ambulanten und stationären Therapieplätzen ist seitdem weitaus größer als das Angebot. In manchen Regionen Deutschlands, wie zum Beispiel Berlin, beträgt die Wartezeit für einen Therapieplatz fast bis zu einem Jahr. Natürlich ist daran nicht nur die Coronapandemie schuld. Das wäre zu vereinfacht und wird auch der Komplexität von psychischen Störungen nicht gerecht.
Die Psychologen-Gesellschaft fordert die Politik zum Handeln auf
So sieht die Deutsche Gesellschaft für Psychologie (DGPs) eine Ursache in den multiplen weltweiten Krisen wie Corona, dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine, einem überstrapazierten Bildungssystem und der Klimazerstörung. Die Gesellschaft fordert daher in einer Stellungnahme den Ausbau von psychotherapeutischer Versorgung und Angeboten zur Prävention für die Jugend. „Die Politik muss jetzt handeln. Die Versorgung muss dringend verbessert werden“, sagt der DGPs-Präsident Stefan Schulz-Hardt.
So brauche es mehr niederschwellige Beratungs- und Unterstützungsangebote an Schulen. Auch benötige es außerschulische Strukturen, die die Resilienz von Kindern und Jugendlichen stärken wie zum Beispiel betreute Jugendklubs sowie vor allem mehr ambulante und stationäre Therapieplätze. „Die Anzahl der Kassensitze wurde irgendwann mal festgelegt, aber da muss man auch mal wissenschaftlich überprüfen, wie eigentlich der Bedarf wirklich ist“, ergänzt Julia Asbrand, Professorin für Klinische Psychologie des Kindes- und Jugendalters an der Universität Jena.
Wie gehen wir eigentlich mit großen Krisen um? Dazu benötigt es mehr Forschung
Die Pandemie habe gezeigt, dass es an evidenzbasiertem Wissen zu multiplen Krisen fehle. „Da gehört auch dazu, welche Auswirkungen es auf unser Wirtschaftssystem hat, wenn immer mehr Menschen psychisch belastet oder erkrankt sind“, sagt Asbrand.
Dies genüge ihrer Ansicht nach nicht: „Die Politik muss Kinder und Jugendliche mehr zuhören und in Entscheidungen mit einbeziehen“, so Asbrand. Das sei für sie persönlich eigentlich fast einer der wichtigsten Punkte. Sie hätten bisher keine Möglichkeit, am politischen Prozess teilzunehmen und sich mit ihren Interessen einzubringen. „Das ist aber wichtig für die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen“, sagt Asbrand. „Und auch für unsere Demokratie.“
Als Gerontokratie bezeichnen manche Politikwissenschaftler spöttisch die Bundesrepublik – also eine Herrschaft der Älteren. Durch den demografischen Wandel werden die deutschen Bürgerinnen und Bürger im Durchschnitt immer älter. Waren bei der Bundestagswahl 1990 noch 27 Prozent der Wahlberechtigten 60 Jahre und älter, so waren es bei der Bundestagswahl 2017 schon 36 Prozent – die Tendenz steigt weiter an.
Kinder und Jugendliche werden selten direkt gehört
Nun dürfen Kinder und Jugendliche ohnehin nicht wählen – lange ging man einfach davon aus, dass ihre Interessen von ihren Eltern vertreten werden. Oft haben aber junge Menschen andere Erwartungen und Ansprüche an ihr Leben, an die Gesellschaft und das politische System als ihre Eltern.
Diese nicht berücksichtigten Interessen und Bedürfnisse können dann durchaus unter dem Druck globaler Krisen wie der Pandemie derart ausufern, dass aus seelischen Belastungen psychische Krankheiten werden. Vor allem, wenn gewohnte Strukturen wegfallen. „Viele machen die Schulschließungen verantwortlich“, sagt Asbrand. „Aber die waren es sicher nicht allein.“ Sie sieht – rückblickend – ein größeres Problem darin, dass es keine niederschwelligen Angebote mehr gegeben habe. So seien oft Lehrer, Schulsozialarbeiter und Schulpsychologen erste Ansprechpartner bei auftauchenden Problemen oder erkennen zumindest, wenn etwas im Argen liegt. „Die merken oft schneller, dass etwas nicht stimmt“, sagt sie.
Insgesamt sei bei der Versorgung ein großes Stadt-Land-Gefälle zu beobachten. Große und wirtschaftsstarke Städte wie Stuttgart hätten oft ein gutes Hilfesystem und mehr Kapazitäten als ländliche Gegenden, sagt die Kinder- und Jugendtherapeutin.
Psychische Erkrankungen hängen, so Asbrand, stark mit dem sozioökonomischen Hintergrund zusammen. Armut gilt als einer der stärkeren Risikofaktoren für seelische Erkrankungen. „Da hilft aber eben auch keine Psychotherapie.“ Deshalb sei es wichtig, in der öffentlichen Debatte und in der Politik auf diese Risikofaktoren hinzuweisen.