Gute Stimmung bei der Prunksitzung in der Alten Reithalle Foto: Georg Linsenmann

Mit einem große Finale und Nonstop-Programm sorgte die Gesellschaft Zigeunerinsel Stuttgart 1910 mit zahlreichen Gästen bei der Premiere ihrer Prunksitzung in der Alten Reithalle für gute Laune.

Ganz erstaunlich: auch in Stuttgart lässt sich zu Fasching der Saal vollbekommen. Das hat die Gesellschaft Zigeunerinsel einmal mehr mehr bewiesen. Kaum hatte der Spielmannszug die Fanfare von der Galerie in den voll besetzten Saal geschmettert, strömten die Akteure mitten durchs stehende und klatschende Publikum und fabrizierten auf der Bühne eine Vollversammlung, die an Masse kaum zu überbieten war.

 

Der Name soll bleiben

Fünf Gastvereine samt den Formationen der Zigeunerinsel, was ein Bild abgab, das den Präsidenten der sanft schrumpfenden Gesellschaft an alte Zeiten erinnerte und in Hochstimmung versetzte. So pries Thomas Haas „die Tradition, die wir als ein Stück gewachsene Kultur auch weiter pflegen wollen“. Später erklärte er, „wie sinnlos und sinnleer“ es wäre, wenn man latentem Druck von einschlägiger politischer Seite nachgeben und den Namen des „ältesten Bürgervereins der Stadt“ ändern würde.

Nachwuchs punktet beim Gardetanz

Und an diesem Abend zeigte die Zigeunerinsel, dass sie noch immer in der Lage ist, ein großes karnevalistisches Programm zu stemmen, gespickt auch mit zugekauften humoristischen und musikalischen Beiträgen. Wie eine Selbstvergewisserung wirkte da auch das traditionelle Spiel der Hutzelmännle vor der Vorkriegs-Marktplatz-Kulisse, und zuvor hatten die Minis bewiesen, dass noch immer mit aktivem Nachwuchs zu rechnen ist, der Spaß an der Fasnet hat. Auch am Gardetanz, wie sogleich das Solisten-Duo Joy (12) und Stella (13) mit einem dynamischen Auftritt mit aparter Artistik demonstrierte. Unterstrichen wurde das von der Traditionsgarde mit perfekt einstudiertem, klassischen Gardetanz. Das Sextett freilich wird nach der Saison auf Trio-Stärke schrumpfen.

Reimender Rathauschef

Dann war der Mann ganz vorn dran. , Oberbürgermeister Frank Nopper ließ sich gern ein auf ein närrisches Grußwort vor den „hochwohllöblichen Gästen“, tat sich aber ein bisschen schwer beim Zünden der humoristischen Narrenrakete, brachte die Sache mit Loriot ganz mopsig und endgereimt auf den Punkt: „Stuttgarts beste Fasnetspinsel sind bei der Zigeunerinsel“, worauf er von zwei artigen Garde-Grazien zu „Oh, wie ist das schön!“ zurück an die Seite von Gattin Gudrun geleitetet wurde.

War die Helferschar beim Aufbauen noch von einem Staubsauger-Roboter verwirrt worden, ging es nun mit der als „heißester Putzfrau“ angekündigten Elfriede Schäuffele ans Großreinemachen. Der schwäbische Putzteufel mit monströser Lockenwickler-Haube zündete ein Feuerwerk an Pointen, wusste den XXL-Vorbau auch perkussiv zu nutzen, blieb als Influencerin für Botox to go aber doch im Versuch stecken, vom Gewicht runterzukommen und bekannte sich zu „20 Brötchen für zwischendurch“. Wird bestimmt lustig, wenn er, wie angedroht, „Gudrun beim Zumba“ trifft!

Die „Filderer“ ernten tosenden Applaus

Einen großen Auftritt hatten die „Fidelen Burggrafen“. Die befreundete Gesellschaft aus Bad Godesberg war in voller Busstärke auf Gegenbesuch und hatte sichtlich Spaß an ihrem operettenhaften Schaustück in barocker weiß-grüner Montur und museumsmäßigem Gardisten-Habitus: „Mariechen, präsentier‘ dich und bring de Jong mit!“ etwa bescherte gewagte Hebungen zum Tsching-derassa-tsching des Spielmannszugs, der Auszug den Saalchor „Es war einmal ein treuer Husar“. Das Ganze ein einziges „Alaaf – Tschä-Hoi!“

Auch andere Gäste überzeugten bei den Besuchern. Die brillante Tanzgruppe der „Filderer“ erntet tosenden Applaus mit ihrer rasanten, ausdrucksstarken Show, nicht minder „Dance House 74“ mit coolem, sexy Broadway & Co: ein semiprofessionelles Ereignis! Da wollte und sollte die Showgarde der Zigeunerinsel kaum zurückstecken mit ihrer gruftigen, zündenden Horror Picture-Performance, die ebenfalls Jubel zeitigte.

Und dann war da ja noch Tina, die einstige Baronesse der Zigeunerinsel, die mit ihrem ABBA-Medley SOS funkte und den Saal buchstäblich zum Tanzen brachte. Auch mal von einem Stuhl aus mitten im Publikum. „Gimme! Gimme a man! A man after midnight“ hätte auch perfekt zu Sängerin Melissa Naschenwang gepasst. Die langbeinige Blondine aus Österreich mimte im knappen Topp, in Hotpants und Netzstrümpfen die personifizierte Männerfantasie – und sorgte damit für eine Vollversammlung direkt an der Rampe, samt Gelegenheit zu Kuschel-Selfies: Ein absolut heißer Act, so knapp nach Mitternacht. Ach ja, Musik war da auch noch! Alpenländler-Pop. Und „So ein Tag, so wunderschön wie heute!“ Keine Ahnung, wann der zu Ende ging!