Mit einer Schweigeminute für die Opfer hat am Dienstagvormittag in Oldenburg der Prozess gegen den Todespfleger Niels Högel begonnen. Foto: epd

In einem Oldenburger Festsaal hat der Mammutprozess um die Mordserie des Krankenpflegers Niels Högel begonnen, und der „Todespfleger“ legt dabei ein Geständnis ab.

Oldenburg - Wird er schweigen? Wird er aussagen? Die Verhandlung ist fast zwei Stunden im Gang, da macht der Angeklagte dem Rätselraten ein Ende: „Ja, ich möchte zur Sache Angaben machen.“ Und nach weiteren 45 Minuten bekommt er die entscheidende Frage gestellt: Treffen die Anklagevorwürfe mehrheitlich zu? Seine Antwort: ein leises „Ja“. Alles andere wäre auch unglaubwürdig gewesen. Der Angeklagte, das ist Niels Högel – besser bekannt als „der Todespfleger“.

Dem früheren Krankenpfleger in den städtischen Kliniken von Oldenburg und Delmenhorst wird seit Dienstag zum wiederholten Mal der Prozess gemacht – ein Mordprozess gewaltigen Ausmaßes, ein mehrmonatiges Mammutverfahren um die wohl größte Mordserie in Nachkriegsdeutschland. Insgesamt mehr als hundert Menschen soll Högel zu Tode gespritzt haben – einfach so, aus Geltungssucht und später auch aus Langeweile. Fast fünfeinhalb Jahre griff er immer wieder zur Spritze, bis er 2005 auf frischer Tat ertappt wurde.

Der 41-Jährige und der Vorsitzende Richter Sebastian Bührmann (54) sind sozusagen alte Bekannte. Schon zweimal hat Bührmanns Schwurgericht den Spritzenmann verurteilt: 2008 zu einer Haftstrafe wegen eines ersten aufgeflogenen Mordversuchs; 2015 wegen fünf weiterer versuchter oder vollendeter Taten, diesmal zu lebenslanger Haft mit „besonderer Schwere der Schuld“. Ein Berufsverbot gab es obendrauf. Fast wäre der Fall damit erledigt gewesen. Doch inzwischen sind nachträglich hundert weitere mutmaßliche Spritzattacken aus den Jahren 2000 bis 2005 aufgedeckt worden.

Die Verlesung der Anklage dauert 80 Minuten

Seine Methode war immer dieselbe: Er spritzte grundlos überdosiertes Kalium oder Herzmedikamente, die lebensbedrohliche Nebenwirkungen haben können. Kurz vor dem Exitus reanimierte er seine Opfer und glänzte damit als begabter Lebensretter. Oft ging das alles gut, aber oft verlor der Angeber das Spiel mit dem Tod.

Am ersten Verhandlungstag trägt die Staatsanwaltschaft 80 Minuten lang die Anklage vor – einen Fall nach dem anderen, 100 Namen. Das älteste Opfer war 96, das jüngste gerade mal 34. Das Ausmaß der Mordserie wurde erst nach und nach deutlich, vor allem durch Zeugenaussagen im Prozess von 2015. Demnach soll Högel im Gefängnis erzählt haben, dass er nach den ersten 50 Toten mit dem Zählen aufgehört habe.

Da wurden die Ermittler endlich hellhörig, nachdem sie früheren Hinweisen nicht richtig nachgegangen waren. Sie bildeten die Sonderkommission „Kardio“, vertieften sich in Patientenakten und ließen 130 Gräber öffnen. Dort wollten sie Spuren der verdächtigen Medikamente finden. In 100 Fällen hatten sie Erfolg. Opfer-Vertreter Christian Marbach glaubt, dass Högel sogar mehr als 200 Tote auf dem Gewissen hat.

Reicht denn nicht einmal „lebenslänglich“? Nein, findet die Oldenburger Justiz. Alle Angehörigen sollten Gerechtigkeit erfahren und Gewissheit über das Schicksal der Opfer bekommen. Und: Je mehr Morde nachgewiesen werden, desto unwahrscheinlicher ist es, dass Högel wieder aus der Haft entlassen wird. „Ich bin behütet und beschützt aufgewachsen“, erzählt Högel Allerdings hatte er Ängste: vorm Alleinsein, vorm Überqueren von Brücken.

Wie konnten die Verbrechen unbemerkt bleiben?

Auf der Oldenburger Intensivstation wollte er unbedingt zur „elitären Gruppe der Intensivstation“ dazugehören und hatte den Ehrgeiz, gute Leistung zu bringen. Nebenbei arbeitete er als Rettungssanitäter. „Ich stand immer unter Strom.“ Gegen den Leistungsdruck nahm er Opiate, immer mehr. Im Februar 2000 soll er dann den ersten Mord begangen haben. Dass er sich mit gelungenen Reanimationen Anerkennung verschaffte, nennt er heute „falsches Imponiergehabe“. Er erwähnt Depressionen, Angstzustände und Alkoholmissbrauch. „Ich muss leider sagen, dass Empathie damals bei mir keine tragende Rolle gespielt hat.“ Dabei hatte er Menschen helfen wollen, wie seine Oma und sein Vater, selbst Pflegekräfte, es ihm vermittelt hatten. Aber auf Intensivstationen würden die Patienten „entpersonifiziert“, sagt er. Dort gehe es nur um noch um Nummern. In Oldenburg sei der Druck immer größer geworden. „Ich habe mich wie ein Rädchen in einem Wirtschaftssystem gefühlt.“

Hat denn keiner etwas bemerkt? Eine Frage, die erst in einem Folgeprozess gegen Vorgesetzte beantwortet werden wird. Bekannt ist, dass es bereits in Oldenburg Verdachtsmomente gab. Aber es fehlten Beweise. Dennoch drängte die Klinik Högel 2002 vorsichtshalber zu einem Auflösungsvertrag samt Abfindung – und stellte ihm ein gutes Zeugnis aus. So konnte Högel problemlos nach Delmenhorst wechseln und weitermachen. Bis er 2005 erwischt wurde.

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