Drei Männer müssen sich vor dem Landgericht Stuttgart verantworten, weil sie durch ein illegales Rennen einen tödlichen Unfall verursacht haben sollen. So lief der Prozessauftakt.
Es ist ein Moment, der an die Nieren geht: Die Angehörigen der beiden jungen Frauen stehen im Gerichtssaal zum ersten Mal den Männern gegenüber, die schuld sein sollen am Tod von Merve (23) und Selin (22). Es schüttelt sie. Sie ballen die Fäuste um nicht ihren Schmerz herauszuschreien, als die Angeklagten hereingeführt werden. Als der Staatsanwalt vorliest, wie ihre geliebten Töchter und Schwestern ums Leben kamen am 20. März dieses Jahres, halten sie sich an den Händen und hören – zumindest äußerlich – gefasst zu.
Am 20. März geschah in Ludwigsburg ein schwerer Unfall. Drei Männer stehen deswegen nun vor dem Landgericht Stuttgart. Zwei von ihnen wegen Mordes und versuchten Mordes. Sie sollen auf der Schwieberdinger Straße gerast sein und dabei den Tod anderer Verkehrsteilnehmer billigend in Kauf genommen haben.
Rasantes Kräftemessen endet in tödlichem Zusammenstoß
Was der Staatsanwalt vorträgt, ist ein Minutenprotokoll des illegalen Autorennens dreier Männer – und zugleich ein Protokoll der letzten Augenblicke im Leben von Merve und Selin. Mehrfach haben die drei Männer auf der Anklagebank an jenem Abend Gas gegeben, ein Kräftemessen ihrer hochmotorisierten Fahrzeuge sollte das werden. Durch die Ludwigsburger Innenstadt sind sie gerast, durch die Bahnhofsunterführung – und zuletzt auf der Schwieberdinger Straße, wo es zum tödlichen Zusammenstoß kam.
Zwei rasten, der dritte Fahrer kann nicht ganz mithalten mit den anderen. Sein Auftrag: Videos drehen mit dem Handy. Das verabreden sie um 19.50 Uhr auf dem Parkplatz des Supermarktes Kaufland. Wieder geht es durch die Bahnhofsunterführung, davon geht die Staatsanwaltschaft aus. Dann starten sie zur letzten Fahrt.
Mit bis zu 150 Kilometer pro Stunde, so der Staatsanwalt, rasen sie auf Schwieberdinger Straße, die stadtauswärts führt. Von einer Tankstelle biegt der Wagen mit den zwei jungen Frauen ein. Sie hätten nicht von einer so hohen Geschwindigkeit ausgehen müssen, so der Anklagevertreter, als Merve den Wagen nach links auf die Straße lenkt. Der vordere der beiden PS-starken Mercedes knallt frontal in den Ford der Frauen. Das Auto dreht sich, prallt gegen eine Mauer, überschlägt sich seitlich. Die Frauen werden so schwer verletzt, dass die Rettungskräfte nichts mehr für sie tun können. Um 20.45 Uhr stellen die Ärzte den Tod von Selin fest, um 21.10 den von Merve.
Der Prozess soll am Montag fortgeführt werden
Der zweite am Rennen beteiligte Mann soll auf einen Parkplatz abgebogen sein und sich unter die Menge gemischt haben, die vom Straßenrand den Rettungsarbeiten zusah. Er habe sich gegenüber der Polizei nicht zu erkennen gegeben.
Die Anklageverlesung geht auch an den Männern offenbar nicht spurlos vorbei. Die Anwälte müssen an ihrer Stelle sprechen. Für den Fahrer, dessen Auto in den Wagen der Frauen krachte, kündigte sein Rechtsanwalt eine Erklärung zu einem späteren Zeitpunkt an. Die zwei anderen wollten sich am Freitag zu ihrer Person äußern, konnten aber direkt nach der Verlesung der Anklage noch nicht sprechen, sie bräuchten etwas Zeit, so ihre Verteidiger.
Das Verfahren wird am Montag fortgesetzt. Dann sollen Zeugen gehört werden, die die gefährlichen Fahrten in Ludwigsburg an jenem Abend im März beobachteten.