Nebenbei gab der Prozess einen Blick frei auf die Tristesse des Geschehens hinter den blickdichten Scheiben. Die Gäste wetten an Automaten. Foto:Patricia Sigerist Foto:  

Ein 24-Jähriger hat ein Wettbüro überfallen und erpresst. Schon die Angestellten enttarnten ihn mühelos.

Böblingen - Die Polizei ermittelte den Täter mühelos. Das Verfahren vor dem Landgericht Stuttgart war nach zwei Prozesstagen beendet. Schon die drei, die geplant waren, wären rekordverdächtig gewesen. Für den überaus reumütigen und nicht weniger naiven Angeklagten ist das Urteil ein hartes. Er muss für eine Beute von etwas mehr als 1700 Euro drei Jahre lang ins Gefängnis. Der 24-Jährige hatte in Böblingen ein Wettbüro zunächst überfallen und einige Wochen später versucht, mit einem Erpresserbrief ein zweites Mal die Tageseinnahmen zu erbeuten. Dies allerdings vergeblich.

Der Angeklagte gestand die Taten bereits wenige Minuten, nachdem die Polizei begonnen hatte, seine Wohnung zu durchsuchen. Seinen Erpresserbrief hatte er handschriftlich auf der letzten Seite seines frisch unterschriebenen Mietvertrags verfasst. Nicht nur der Textverlauf passte zum Rest des Stapels, sondern auch die Abrisskante zum Papierfetzen an der Heftklammer. Die Beweise gegen den 24-Jährigen hätten dem Gericht aber auch ohne dies mit einiger Gewissheit für ein Urteil ausgereicht, zumal Kameras das Geschehen im Wettbüro aufzeichnen.

Geldnot und Liebeskummer waren die Motive

Geldnot sei sein Motiv gewesen, gepaart mit Liebeskummer, hatte der Angeklagte am ersten Prozesstag erklärt. Er habe in eben jenem Wettbüro nahezu täglich Geld verloren. Seine Freundin habe ihm mehrfach gedroht, ihn wegen seiner Spielsucht zu verlassen. Nebenbei gab der Prozess einen Blick frei auf die Tristesse des Geschehens hinter den blickdichten Scheiben solcher Etablissements. Die Gäste wetten an Automaten. „Manche sitzen jeden Tag von morgens bis abends davor“, hatte die Angestellte gesagt, die sowohl Opfer des Überfalls als auch des Erpressungsversuchs geworden war. Sie kannte den 24-jährigen Stammgast gut von Thekengesprächen. Trotzdem hatte sie ihn bei dem Überfall nicht wiedererkannt.

Im Januar hatte der 24-Jährige sie mit einem gewöhnlichen Taschenmesser bedroht. Sein Gesicht war mit einem roten T-Shirt umwickelt. Die Frau übergab ihm sofort das Geld. Zunächst ermittelte die Polizei erfolglos. Der Erpressungsversuch im März war dann derart unbedarft, dass schon eine Kollegin der Überfallenen den Täter mühelos enttarnte. Er hatte in seiner charakteristischen Handschrift Liebesbotschaften an sie geschrieben. Seinen Erpresserbrief übergab er selbst und behauptete, er habe ihn vor dem Lokal gefunden. Um ihn zu holen, war er zu einer Rauchpause vor die Tür gegangen. Draußen war es kalt und regnete. Das Wettbüro ist ein Raucherlokal. Der Brief, den der 24-Jährige angeblich auf einem nassen Auto gefunden hatte, war trocken.

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