Prozess vor dem Landgericht Stuttgart Erpressungen nach “Deal“ gestanden

Von Thomas Schwarz 

Nicht mehr als vier Jahre und sechs Monate soll das Urteil gemäß der Absprache lauten. Foto: dpa
Nicht mehr als vier Jahre und sechs Monate soll das Urteil gemäß der Absprache lauten. Foto: dpa

Ein junges Paar soll sich rund 200 000 Euro erschlichen haben, indem es Freier der als Prostituierten arbeitenden Frau „abzockte“. Als Grund gaben die beiden ihre schwere Kokainsucht an.

Stuttgarte/Schorndorf - Bereits am ersten Verhandlungstag hatte sich abgezeichnet, was am Montag geschehen würde: Nach einer Absprache zwischen Gericht, Verteidigung und Staatsanwaltschaft hat ein Ehepaar vor der 7. Strafkammer des Stuttgarter Landgerichts gestanden, mehrere Freier der Frau erpresst und so einen Betrag von rund 200 000 Euro erbeutet zu haben. Im Gegenzug sicherte das Gericht zu, keine Strafen von mehr als vier Jahren und sechs Monaten für die 25-jährige Frau und ihren 33 Jahre alten Ehemann zu verhängen. Ausgeschlossen sei aber auch eine Strafe von unter vier Jahren, führte der Vorsitzende Richter Rainer Gless aus.

Drohung mit abgeschnittenem Finger

Die Verteidiger des Paares gaben für ihre Mandanten die entsprechenden Erklärungen zur Sache ab. Durch einen Freier der damals als Prostituierte arbeitenden Angeklagten, der offenbar „völlig vernarrt“ in die Frau gewesen war, sei diese auf die Idee gekommen, sich von ihren Kunden aushalten zu lassen – und das nicht zu knapp. Dem Mann hatte die 25-Jährige vorgegaukelt, sie sei in Gefahr, wenn sie einen geliehenen Geldbetrag nicht rechtzeitig zurückzahle, führte die Anwältin Anke Stiefel-Bechdolf aus. Der verliebte Mann, der bis zu 20 Mal am Tag bei der Angeklagten anrief, gab ihr bereitwillig mehrere tausend Euro. „Es war zu leicht“, so die Anwältin, die betonte, sie wolle mit der Schilderung weder das Handeln ihrer Mandantin entschuldigen, noch dem Mann eine Mitschuld geben. „Ich will nur eine Erklärung abgeben, wie es zu den Taten kommen konnte.“

Zusammen mit ihrem Mann, den sie Ende 2014 kennengelernt hatte, nahm die aus dem Raum Sinsheim stammende Frau nun auch andere Freier aus, unter anderem einen Mann aus Schorndorf. Dessen Sohn zeigte den 33-jährigen Ehemann schließlich an, der auf die Idee gekommen war, diesen „abzuzocken“, wie der Verteidiger Lars Middendorf vortrug. Auch der 33-Jährige räumte sämtliche Vorwürfe ein, welche die Staatsanwaltschaft erhoben hatte.

Statt Notlagen vorzugaukeln, hatte das Paar nun dem Freier gedroht. Sollte der Schorndorfer nicht 36 000 Euro zahlen, „habe er ein ernsthaftes Problem“, kündigte der Angeklagte an – und unterstrich die Drohung noch mit einer Bemerkung über einen abgeschnittenen Finger. Tatsächlich bezahlte der eingeschüchterte Mann das Geld. Dieses und weitere Beträge verbrauchte das Paar für seine Kokain- und Spielsucht. „Zwei bis drei Gramm Kokain pro Tag“, hätten sie zum Schluss konsumiert, sagte die Frau: „Und das jeden Tag. Von dem Geld ist nichts mehr übrig. So wie es hereinkam, haben wir es ausgegeben.“

Beide hoffen auf eine Therapie

„Bei mir ist es wie bei ihr, nur zehn Mal schlimmer“, sagt der 33-Jährige, der ein umfangreiches Vorstrafenregister mit einigen Drogendelikten vorweist. Wie seine Frau hofft auch er auf eine Therapie. Ob sie diese während der Haft antreten können, darüber wird das Gutachten eines Psychiaters entscheiden. Der Prozess wird am 29. Juni fortgesetzt.

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