Vor dem Landgericht Stuttgart hat ein 34-Jähriger Telefonbetrüger ein Geständnis abgelegt. Die international agierende Bande, für die er gearbeitet hat, hat unter anderem eine Seniorin aus Leonberg um 17.000 Euro betrogen. Die Bande war auch in Bayern, Niedersachsen, Hessen, Nordrhein-Westfalen und Hamburg aktiv.
Der Prozess gegen einen 34-Jährigen wegen gewerbsmäßigen Betruges mit der so genannten Schockanrufmasche am Landgericht Stuttgart dürfte schneller zu Ende gehen als geplant. Richter, Staatsanwaltschaft und Verteidigung einigten sich am zweiten Prozesstag auf eine Prozessverständigung, nach der dem Angeklagten für den Fall eines Geständnisses ein Strafrahmen zwischen dreieinhalb und viereinhalb Jahren in Aussicht gestellt wurde. Im Anschluss räumte der Angeklagte über seinen Verteidiger die Tatvorwürfe im Wesentlichen ein.
„Es ist richtig, dass ich Kurierfahrer mit Bargeld und Handys ausgestattet habe. Aber ich hatte nicht vor, andere Menschen zu betrügen. Davon wusste ich nichts“, erklärte Rechtsanwalt Jürgen Just für den 34-Jährigen. Er habe einen Job gesucht und bei einer Firma angeheuert, bei der er die Aufträge eines Mannes, der unter falschem Namen agiert hatte, ausgeführt habe. „Ich hatte durchaus das Gefühl, dass da nicht alles mit rechten Dingen zuging“, führte der Anwalt für seinen Mandanten weiter aus. Vor allem sei ihm merkwürdig vorgekommen, dass er die Kurierfahrer immer an einer anderen Stelle treffen sollte und die unterschriebenen Arbeitsverträge anschließend wegwerfen sollte. Es sei ihm auch unangenehm gewesen, aber er habe nicht damit aufgehört.
Die Aussage einer 80-jährigen Geschädigten aus Leonberg am ersten Prozesstag, die einem Abholer wegen eines angeblichen Verkehrsunfalls ihrer Tochter 17 000 Euro als Kaution übergeben hatte, habe ihn sehr erschüttert. Das Ausmaß seiner Taten sei ihm nicht klar gewesen. Er bereue diese sehr und hoffe, dass man ihm irgendwann verzeihen könne. Äußerst ungewöhnlich war, dass sich anschließend auch die Mutter des 34-Jährigen anschließend vor den Richtern entschuldigte. „Ich hatte mit meinem Sohn nie Probleme bei der Erziehung. Er ist selbst Opfer eines Betruges geworden“, sagte die Frau, die eine Anreise von mehr als 1000 Kilometern für diese Aussage auf sich genommen hatte.
Die Staatsanwaltschaft wirft dem 34-Jährigen banden- und gewerbsmäßigen Betrug in zwölf Fällen vor. Er soll Mitglied einer europaweit agierenden Bande sein, die allein in vier Wochen im März und April vergangenen Jahres bundesweit einen Schaden von rund 230 000 Euro verursacht hat. Rund 115 000 Euro konnten jedoch sichergestellt werden.
Oberster Chef dieser Bande war laut Anklage ein Pole, der 2022 in London festgenommen wurde. Von Großbritannien aus hätten sogenannte Keiler Schockanrufe bei überwiegend älteren Personen getätigt, eine Ebene darunter hätten sogenannte Logistiker gearbeitet, die die Abholer mit Bargeld und Wegwerfhandys ausgestattet haben. Die Logistiker hätten aus den deutschen Nachbarländern Polen, Tschechien, Frankreich und den Niederlanden agiert.
Um ihre meist sehr betagten Opfer unter Druck zu setzen, hätten die Keiler den Angerufenen erklärt, ein Verwandter habe einen Verkehrsunfall verursacht. Um nicht ins Gefängnis zu kommen, müssten sie eine Kaution hinterlegen, die eine Vertrauensperson abholen werde. Laut Anklage war der 34-Jährige einer der Logistiker, der die Abholer im deutsch-polnischen Grenzbereich mit Handys und Bargeld ausstattete.
Nach dem ersten Fall in Leonberg gab es noch fünf weitere in Bayern, je zwei in Hessen und Nordrhein-Westfalen und je einen in Hamburg und Niedersachsen. In neun der zwölf Fälle wurden die Abholer von der Polizei festgenommen. In Hanau scheiterte der Versuch an einem aufmerksamen Bankangestellten, der einen Senior auf einen möglichen Enkeltrick aufmerksam machte. Im bayerischen Oberhaching war eine 63-Jährige so aufgeregt, dass sie ihren Tresor nicht öffnen konnte. Als der Abholer versuchte, diesen abzutransportieren, scheiterte er erst am Gewicht und wurde kurz darauf festgenommen. Bei einem Opfer in Bayern erbeuteten die Abholer dafür gleich zweimal 30 000 Euro Bargeld – unter dem Vorwand, dass die erste Kaution nicht ausgereicht habe.
Für den Prozess sind noch vier weitere Verhandlungstage vorgesehen. Das Urteil dürfte aber noch in diesem Jahr verkündet werden.