Um diese Szene am 19. Februar 2017 geht es beim Amtsgerichtsprozess. Foto: Andreas Werner/SDMG

Vier Polizisten gehen auf einen Raucher los, der nach einem Unfall die Zigarette nicht ausmachen will. Eine Szene, die für Aufsehen sorgte. Der Prozess beim Amtsgericht geht in die Verlängerung.

Stuttgart - Der Prozess um mutmaßlich rechtswidrige Polizeigewalt in Stuttgart wird länger dauern als ursprünglich vorgesehen. Amtsrichter Gerhard Gauch hat weitere Verhandlungstermine vorgesehen. Einem 30-jährigen Polizeikommissar wird vorgeworfen, einen Unfallbeteiligten ungerechtfertigt festgenommen und mit Hilfe seiner Kollegen misshandelt zu haben – nur weil der Betroffene das Rauchen nicht einstellen wollte. Die Szenen wurden von einem Pressefotografen gefilmt und erregten über soziale Netzwerke bundesweit Aufsehen.

Ursprünglich war am Dienstag der letzte Verhandlungstag im Amtsgericht angesetzt – doch die Beweisaufnahme zu einem angeklagten Übergriff der Polizei, der sich am 19. Februar 2017 in der Willy-Brandt-Straße in der Innenstadt abgespielt hatte, dauert weiter an. Beweisanträge und weitere Zeugen halten das Schöffengericht in Atem.

Der Sanitäter ahnt einen „unguten Verlauf“

Der Vorwurf lautet auf Körperverletzung im Amt und versuchte Verfolgung Unschuldiger. Der 35-jährige Beifahrer eines Unfallautos, das sich in jener Nacht überschlagen hatte, hatte sich der Anordnung eines 30-jährigen Polizisten widersetzt, seine Zigarette auszumachen. Danach kam es zu einem Ringkampf. Der Raucher, ein gelernter Ringer, wurde von vier Polizisten mit Schlagstock und Fäusten zu Boden gebracht.

Erfolgte die Polizeiaktion zurecht? Der 47-jährige Rettungsdienst-Einsatzleiter sagt als Zeuge vor Gericht, „der Unfallbeteiligte war nach meinem Eindruck respektlos“. Er habe dessen Verhalten als „nicht angemessen empfunden, in keinster Weise“.

Ein 26-jähriger Notfallsanitäter bezeichnet das Verhalten des Beifahrers als provokant. Er habe dem Beamten sogar Rauch ins Gesicht geblasen. „Das nimmt einen unguten Verlauf“, will der 26-Jährige seinem Kollegen prophezeit haben, als die Rangelei dann auch schon losgegangen sei. Dabei habe er beobachtet, wie der Mann und der Polizist zu Boden gingen und der Beamte mit dem Hinterkopf hart aufgeschlagen sei.

Faustschläge „im Stresstunnel“

Die Szene hatte auch der Fahrer des anderen Unfallwagens beobachtet, ein 43-Jähriger aus Villingen-Schwenningen. Der nennt das Opfer, das als Nebenkläger im Gerichtssaal sitzt, beim Vornamen. Man hat ja Gemeinsamkeiten als Ringer und Kfz-Mechaniker. Er bestätigt die Ringerqualitäten des Opfers beim „Standkampf“ mit der Polizei, bei der er sich „stabil gehalten“ habe. Eine Rangelei, die unnötig gewesen sei. Ein Polizeiausbilder sieht die Stockhiebe als mildestes Mittel. Die Faustschläge des 30-jährigen Polizisten seien damit erklärbar, dass er sich offenbar „im Stresstunnel“ befunden habe.

Am Donnerstag plant Richter Gauch das Finale: Nach den Plädoyers soll das Urteil folgen. Bei mehr als einem Jahr Haft auf Bewährung ist der Polizist seinen Job los.

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