Eine Auseinandersetzung unter zwei Jugendgruppen vor sieben Monaten im Europaviertel hatte heftige Debatten um Messerverbote und Jugendgewalt aufbranden lassen. Jetzt beschäftigt sich das Stuttgarter Landgericht mit vier Angeklagten. Was sagen sie?
Es hätte Tote geben können in dieser Nacht. Selbst die erfahrenen Sozialarbeiter hatten das Unheil nicht kommen sehen. Wenig sprach dafür, dass an jenem Freitagabend überhaupt noch Jugendgruppen auf dem Mailänder Platz zwischen dem Einkaufszentrum und der Stadtbibliothek auftauchen würden. Also suchte die Mobile Jugendarbeit einen anderen Brennpunkt in der Innenstadt auf – eine Stunde zu früh. Plötzlich und unerwartet gingen zwei Jugendgruppen mit Messer und Schlagstock aufeinander los. Und dann rannten alle vor der Polizei davon. Zwei Opfer überlebten knapp. Was steckte hinter der Bluttat?
Vier Angeklagte, zur Tatzeit zwischen 17 und 18 Jahre alt, könnten Aufklärung leisten. Was der Auslöser war, was die Beteiligten getrieben hat. Vor der 3. Jugendkammer des Landgerichts haben sie sich seit Freitag unter anderem des versuchten Totschlags zu verantworten. Der Vorsitzende Richter Johannes Steinbach hat die weiteren Verhandlungstage bis September terminiert.
Tiefe Stiche in die Brust treffen auch die Lunge
Sie kamen mit Messern, Macheten, Schlagstöcken. Laut Anklage war das blutige Zusammentreffen zweier Jugendgruppen kein Zufall, sondern „seit Längerem geplant“ gewesen. Zwei 17-Jährige standen offenbar besonders im Visier – den Angehörigen einer gegnerischen Gruppe soll der Angriff gegolten haben. Alle Beteiligten gehören Flüchtlingskreisen an, wie die Polizei schnell ermittelte, als sie mit einem Großaufgebot an jenem 17. November 2023 um 20 Uhr anrückte und damit wohl noch Schlimmeres verhinderte.
Der Jüngste der Angeklagten soll sich besonders hervorgetan haben. Die Staatsanwältin schildert, wie er mit einer Machete einem der gleichaltrigen Gegner drei Stiche in den Oberkörper versetzt haben soll. Tief genug, dass die Lunge getroffen wurde, kollabierte – und ein Polizeioberkommissar zum Lebensretter werden musste. Mit Druckverbänden stillte er die Blutungen, ehe sich ein Notarzt um den Jugendlichen kümmern konnte. Der andere 17-Jährige überlebte ebenfalls nur knapp, von den Angreifern mit tiefen Stichen in Rücken, neben die Wirbelsäule und in den Nacken niedergestreckt. Welche Folgen das haben kann, hat der Tod des Mannheimer Polizisten jüngst gezeigt. Die Opfer überlebten nur dank Ersthelfern und notärztlicher Hilfe. Schwere Kopfverletzungen erlitt ein weiteres Opfer – von zwei bisher noch unbekannten Tätern vermutlich mit einem Schlagstock niedergestreckt. Die Polizei hatte bei ihrer Fahndung Mühe, die in alle Himmelsrichtungen geflüchteten Rabauken aufzuspüren. Einer fiel in einer Stadtbahn an der Haltestelle Waldau in Degerloch auf, unter pöbelnden Jugendlichen, mit blutenden Verletzungen.
Ermittlungen richten sich gegen 24 Beschuldigte
Insgesamt gibt es in diesem Verfahren, das die Polizei mit der Ermittlungsgruppe „Milano“ aufzuklären versuchte, 24 Beschuldigte. Die Verfahren seien noch nicht abgeschlossen, sagt die Staatsanwältin. Es sei aber die ganze Bandbreite zu erwarten – von der Einstellung bis zur Anklage.
Über die Hintergründe sind von den Beschuldigten keine Angaben zu erwarten. Die Verteidiger erklären zum Prozessauftakt, dass sie bestenfalls zu ihrer Person, nicht aber zur Sache aussagen werden. Mit einer Ausnahme: Der Jüngste dürfte wohl etwas sagen, wie sein Verteidiger Andreas Baier erklärt: „Die Anklage ist so nicht zutreffend“, sagt er. Sein Mandant befindet sich als einziger nicht in U-Haft, sondern ist derzeit in einer Jugendhilfeeinrichtung untergebracht. Der Prozess, begleitet von zahlreichen Angehörigen und hohen Sicherheitsvorkehrungen, wird nächste Woche fortgesetzt.
Wie sicher ist der Mailänder Platz?
Der Fall hatte auch Debatten über den Tatort selbst ausgelöst. Der Mailänder Platz und das Einkaufszentrum Milaneo sind ein Anlaufpunkt für Jugendgruppen, und das Quartier des Europaviertels war bereits Jahre davor Schauplatz von schweren Gewalttaten. Streetworker der Mobilen Jugendarbeit kümmerten sich von 2018 an um die jungen Leute und auch ihre Probleme. Das Projekt war bis Ende 2023 finanziert – und ironischerweise war es nicht zuletzt diese Bluttat, die den Gemeinderat vollends überzeugte, die Arbeit der Streetworker zu verlängern und finanziell sicherzustellen.
Der Auseinandersetzung der Jugendgruppen war wohl nur die Spitze eines Eisbergs – denn 2023 stieg die Zahl der Straftaten am Mailänder Platz und im Stadtteil Europaviertel an. Dies hatte das Innenministerium zu Beginn dieses Jahres auf Anfrage festgestellt. Dabei wurde schon bei einer Auswertung der Zahlen von 2022 festgestellt, dass unter 52 Delikten allein auf dem Mailänder Platz fast jede dritte Tat ein Rohheitsdelikt war. Aktuell ist es im Europaviertel wieder ruhiger geworden. In den Bereichen Hauptbahnhof und Klett-Passage gibt es weitaus häufiger Alarm.