Warum wurde ein Mann in Filderstadt auf offener Straße niedergestochen und lebensgefährlich verletzt? Der Prozess im Stuttgarter Landgericht zeigt: Der Angriff hatte einen offenbar banalen Anlass.
„Ich bin eigentlich kein Gewalttäter“, sagt der Mann, der beschuldigt wird, einen anderen auf offener Straße mit mehreren Messerstichen beinahe umgebracht zu haben. Doch was hat dann dazu geführt, dass an einem späten Sommerabend in Filderstadt (Kreis Esslingen) ein Auto vorfuhr, zwei Männer ausstiegen, mit einem 41-Jährigen auf dem Gehweg unvermittelt eine Auseinandersetzung anzettelten, ihn mit Schlägen, Tritten, zwei Stichen in den Oberkörper lebensgefährlich verletzten?
Zwei 27 und 28 Jahre alte Brüder müssen sich vor der 19. Strafkammer des Stuttgarter Landgerichts wegen versuchten Totschlags und gefährlicher Körperverletzung verantworten. Die Tat spielte sich am 13. Juli 2024 gegen 20.20 Uhr in einem ruhigen Wohngebiet im Filderstädter Stadtteil Sielmingen ab – und sie fiel zeitlich in eine Reihe ähnlicher Gewalttaten in der 46 000-Einwohner-Stadt, bei der unbekannte Täter mit Autos von den Tatorten flüchteten.
Die Vorgeschichte der Bluttat
Am zweiten Verhandlungstag hört die Kammer um den Vorsitzenden Richter Norbert Winkelmann, was die Brüder aus Filderstadt und Esslingen, beide im Kfz-Handwerk tätig, zu dem Messerangriff auf einen türkischen Landsmann, einen Auslieferungsfahrer, zu sagen haben. Dazu geben die Verteidiger jeweils eine schriftliche Erklärung ab. Alles habe zwei bis drei Wochen vorher begonnen – mit einem Streit zweier Autofahrer in einem Sielminger Gewerbegebiet im Bereich einer Autowerkstatt. Der 27-Jährige habe ausparken wollen – und war offenbar dem 41-Jährigen in die Quere gekommen, was den heftig erbost haben soll. Es kam zu einem Wortgefecht, auch mit dem 28-Jährigen, dann fuhr der 41-Jährige davon.
Wochen später, am 13. Juli, seien die Brüder mit einem Bekannten in dessen Auto auf dem Heimweg gewesen – als sie zufällig in der Eberhardstraße den Wagen und den 41-Jährigen entdeckten, der dort auf zwei Bekannte wartete. Für den 28-Jährigen die Gelegenheit, den Mann zur Rede zu stellen. Es sei dann zu gegenseitigen Beleidigungen gekommen, und der andere habe dann Drohungen ausgestoßen, alle drei umzubringen. „Er machte dann eine Bewegung, und ich ging nach meiner Logik davon aus, dass er eine Waffe ziehen würde – da verlor ich die Fassung“, so der 28-Jährige.
Nächtliche Not-OP im Marienhospital
Das Messer habe er dabei gehabt, weil er es in seiner Arbeitskleidung immer bei sich führe, als Handwerkszeug, etwa um Pakete zu öffnen. Nun ging es aber gegen den 41-Jährigen, und der versuchte zu flüchten. Die Brüder verfolgten und überwältigten ihn, es folgten Schläge und Tritte. „Ich habe völlig überreagiert“, so der 28-Jährige, „ich sah mich und meinen Bruder in Gefahr.“ Als Zeichen der Reue biete er eine Entschädigung an: „Ich habe 5000 Euro in bar dabei.“
Richter Winkelmann hat da andere, strafprozessuale Prioritäten. Vom 41-jährigen, dessen Leben gegen 0.30 Uhr mit einer Not-OP im Marienhospital gerettet worden war, will er die Abläufe minutiös geschildert bekommen. Der Geschädigte bestreitet „Beleidigungen in meinen Mund genommen“ zu haben, bestätigt den „Stress mit dem kleinen Bruder“ Wochen zuvor, sagt, dass er vor dem Angriff keine Stichwaffe gesehen habe. „Ich dachte, es gibt hier eine Diskussion, mit einem Messerangriff habe ich nicht gerechnet“, sagt er. Der 28-Jährige ist seit fast sieben Monaten in Untersuchungshaft, der jüngere Bruder gegen Auflagen auf freiem Fuß. Die Kammer hat noch zwei Verhandlungstage bis 24. Februar terminiert.