Am 5. Verhandlungstag um das Handgranatenattentat auf eine Trauergemeinde in Altbach haben die Opfer das Wort. Sie schildern, wie bis heute die Bluttat aus dem vergangenen Juni ihr Leben beeinträchtigt.
Als die Handgranate auf dem Friedhof explodierte, „knallte es laut, sehr laut”. Eine Rauchwolke stieg auf. Manche Besucher der Trauerfeier interpretierten das als Feuerwerk, das den Toten auf seinem letzten Weg begleiten sollte. Hätten da nicht Mädchen gekreischt. Namen seien gerufen worden, „dazwischen auch meiner”. Schreie: „Da hat einer eine Pistole, „da ist er“ und „Leute sind weggerannt”, „geflohen”. „Alles war durcheinander”, so schildern die Zeugen vor der 19. Kammer des Stuttgarter Landgericht das Chaos. Es ist der 5. Verhandlungstag zum Anschlag auf eine Trauergemeinde bei Esslingen im Juni 2023. Der Prozess gehört an diesem Tag ganz den Opfern.
Die berichten sieben Monate nach dem Handgranatenwurf mit nur einer Ausnahme, wie sie heute noch zusammenschrecken, wenn es laut wird. Dass sie Menschenmengen meiden. Sie erzählen von durchwachten Nächten und schlafraubenden Träumen. Eine 29-jährige Mutter beschreibt, wie sie Bilder jenes Freitagmittags unvermittelt heimsuchen. Nur zwei der acht an diesem Tag befragten Zeugen lassen sich deswegen von einem Psychologen helfen, besser mit der sogenannten posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) zu leben.
Seelische Verletzungen
„Ich muss Sie loben: Sie packen es an! Denn so ein Geschehen löst sich ja nicht einfach so in Luft auf”, sagt Richter Norbert Winkelmann zu der Frau. Er wirbt bei den männlichen Zeugen dafür, nicht nur ihre Wunden versorgen zu lassen, die die bis zu drei Millimeter großen Stahlkügelchen der M-75-Handgranate in Oberarme, Hals, Oberschenkel der Opfer rissen. „Seien Sie sich nicht zu schade und suchen Sie sich Hilfe”, mahnt Winkelmann, auch die seelischen Verletzungen ernst zu nehmen, die ein so Ereignis mit sich bringt.
Winkelmann hat seine eigene Art, mit den traumatisierten Menschen umzugehen, von denen die meisten auch von einem oder mehreren der 3000 Stahlkügelchen getroffen wurden, die in die Hülle der jugoslawischen Handgranate eingegossen sind. Sie werden durch die Explosion stark beschleunigt, wirken im Umkreis von bis zu 15 Meter tödlich, verletzen bis zu 54 Meter weit Menschen auch schwer.
Stuttgarter Richter mit rheinischem Migrationshintergrund
„Ach was, das ist ja toll! Da haben Sie ja mitgedacht. Kommen Sie doch mal nach vorne, das will ich mir genauer anschauen”, spricht der Unparteiische einem 18-jährigen zu, der das T-Shirt vom Tattag auch gleich zur Gerichtsverhandlung angezogen hat. Oder Winkelmann bemüht eine Soul-Sängerin zurück, um einem Zeugen zu erklären, dass er die Aussage verweigern kann, wenn er sich dadurch selbst belasten würde: „Wenn ich Sie frage, ob Sie Amy Winehouse umgebracht haben. . . – das ist ein schlechtes Beispiel, die ist zu alt für Sie. Die kennen Sie nicht, oder? Was gibt es denn da Jüngeres?“ „Haftbefehl, einen Rapper”, hilft die junge Protokollantin aus.
Es mag am rheinischen Migrationshintergrund des Richters liegen, dass er den aufgeregten Zeugen viele Fragen auf „kölsche Art” stellt. Und so den acht Männern und der Frau zwischen 17 und 58 Jahren die Furcht vor ihren Aussagen in der Öffentlichkeit nimmt. Sie so auch dazu bringt, über die Traumata zu sprechen, die bis heute die Gewalttat nach sich zieht.
Unbeteiligt wirkender Angeklagter
Den Angeklagten lässt es scheinbar kalt, was 15 Meter vor ihm im Gerichtssaal geschieht: Sein Gesicht zeigt keine Mimik. Nach jeder Befragung versichert Verteidiger Stefan Holoch, seinem Mandanten tue leid, was er getan habe.
Bereits am ersten Prozesstag im Dezember hatte der aus dem Irak stammende, 24 Jahre alte Mann gestanden, die Handgranate auf die Besucher einer Trauerfeier für einen jungen Mann in Altbach am 9. Juni geworfen zu haben. Die Tat gilt als einer der Höhepunkte einer mit scharfen Waffen, unter ihnen auch Kriegswaffen wie Maschinenpistolen und Handgranaten, ausgetragenen, blutigen Fehde zwischen zwei Gruppen aus dem Raum Zuffenhausen, Göppingen und Vaihingen, Esslingen.
Beide Gruppen greifen dabei offenbar auf Waffen wie eine Scorpion-Maschinenpistole sowie Handgranaten aus dem früheren Jugoslawien zurück. Bereits die vor sieben Jahren in Stuttgart und Frankfurt aktive, rockerähnliche Gruppierung „Osmanen Germania“ deckte sich mit Waffen vom Balkan ein. Damals konnten Ermittler durch mitgeschnittene Telefonate und observierte Transporte die Lieferungen von Bosnien-Herzegowina über die Schweiz nach Baden-Württemberg und Hessen zurückverfolgen.
Am Mittwoch, 31. Januar, wird das Verfahren im Gerichtsgebäude Stammheim mit der Aussage von Polizeibeamten fortgesetzt.