Ausgangspunkt der Tat waren offenbar nicht bezahlte Lieferungen von Kokain (Symbolfoto). Foto: dpa

Am Stuttgarter Landgericht startet ein brisanter Prozess. Eine offene Kokain-Rechnung führte zu brutaler Gewalt und Erpressung der Familie.

Ein großes Aufgebot von Pressevertretern sitzt im größten Sitzungssaal des Stuttgarter Landgerichts. Wahrscheinlich deswegen hält sich einer der drei Angeklagten eine Aktenmappe vor das Gesicht, als er unter größten Sicherheitsvorkehrungen in den Saal gebracht wird. Es sind schwere Vorwürfe, die in diesem Prozess Anfang Januar erhoben werden, der nach derzeitigem Stand bis in den April hinein dauern wird. Hauptangeklagter ist ein 34-Jähriger, dem die Staatsanwaltschaft versuchten Mord, gefährliche Körperverletzung und räuberische Erpressung vorwirft. Wegen Beihilfe mit angeklagt sind ein 50-Jähriger und ein 38-Jähriger, Letzterer zudem wegen Drogenhandels in 17 Fällen.

 

An ihn, der nach einer fünfjährigen Haftstrafe wegen Drogenhandels im November 2018 vorzeitig entlassen worden war, hat sich laut der Anklage ein Bekannter gewandt, der nach der Trennung von seiner Partnerin in einem psychischen Tief war und Bedarf an Kokain hatte. Zwischen Herbst 2018 und Anfang 2020 soll der 38-Jährige den Mann in Fellbach (Rems-Murr-Kreis) in 17 Fällen mit jeweils zehn Gramm Kokain zum Preis von jeweils 700 Euro versorgt haben. Da der Käufer kein Geld hatte, blieb der Gesamtbetrag von 11 900 Euro offen.

Drogenschulden führen zu Bedrohungen im Familienkreis

Der Mann zog laut Anklage in der Folge nach Ludwigsburg um, besuchte aber regelmäßig seine Kinder in Fellbach. Immer wieder soll ihn dabei der 50-jährige Angeklagte, der mittlerweile der neue Partner der Ex-Frau war, an seine Schulden erinnert haben. Da der 38-Jährige das Rauschgift von albanischen Hintermännern auf Kommission bezogen hatte und diese die 11 900 Euro einforderten, sei es sogar zu Besuchen im Restaurant der Familie des Abnehmers gekommen.

Die Verhandlung wird am Landgericht Stuttgart geführt (Symbolfoto). Foto: dpa

Laut Anklage entschloss sich dann der Hauptangeklagte, der sich 6000 Euro geliehen und damit die Hintermänner bezahlt hatte, die 11 900 Euro mit Gewalt einzutreiben. Über den 50-Jährigen habe er sich die neue Adresse des Schuldners besorgt und diesen aufgefordert, innerhalb einer Woche zu bezahlen – unter dem Hinweis, er habe Kontakte zur Mafiaorganisation ’Ndrangheta. Nachdem dieser nicht reagiert habe, soll der 38-Jährige ihn an einem Septemberabend 2020 vor seiner Wohnung abgepasst und auf einen Parkplatz in Ludwigsburg gebracht haben.

„Kampfsportler schlägt brutal zu: Opfer erleidet Todesangst“

Dort habe der 34-Jährige ohne Vorwarnung mit einem Radmutterschlüssel mehrfach auf den Mann eingeschlagen und als dieser am Boden lag auf ihn eingetreten. „Da er in seiner Freizeit Kampfsport betrieb, nahm er tödliche Verletzungen seines Opfers billigend in Kauf“, sagte der Oberstaatsanwalt Thomas Schek. Der Geschädigte erlitt eine Platzwunde am Kopf sowie ein Schädel-Hirn-Trauma und verlor zwei Zähne. Erst als ein Zeuge in einer Kleingartenanlage in der Nähe drohte, die Polizei zu alarmieren, ließ der 34-Jährige von seinem Opfer ab. Der Mann erlitt laut Anklage abstrakt lebensgefährliche Verletzungen, lag drei Wochen im Krankenhaus und litt in der Folge unter Todesangst.

Nachdem der 34-Jährige wenige Tage später vom 50-Jährigen erfahren hatte, dass der Drogenkäufer „keinen müden Cent besitze“, sollen sich beide in der Folge an die Eltern des Mannes gewandt haben und diese mit unterschwelligen Drohungen und dem Hinweis auf Verbindungen zu einer Mafia-Gruppierung darauf gedrängt haben, die 11 900 Euro zu bezahlen. Diese trieben laut Anklage 12 000 Euro auf und bezahlten diese aus Angst um ihr Leben im Oktober 2020.

Der Prozess wird am 14. Januar fortgesetzt, das Urteil soll im April verkündet werden.