Vor dem Brandenburger Tor sind Mitglieder der Osmanen Germania am 1. Juni 2016 zum Protest gegen die Armenien-Resolution des Bundestages aufgezogen. Abhörprotokolle belegen, dass Staatschef Erdogan vom organisierten Aufmarsch der rockerähnlichen Gruppe in Berlin wusste. Foto: dpa

In Stuttgart beginnt ein Prozess gegen acht Osmanen. Darunter sind auch drei der Anführer. Die Anklage: versuchter Mord und Totschlag, gefährliche Körperverletzung und Freiheitsberaubung, Waffendelikte.

Stuttgart - Weil Richter und Polizei Ausschreitungen befürchten, haben sie das Strafverfahren gegen Mitglieder der rockerähnlichen Gruppe Osmanen Germania Boxclub aus der Stuttgarter Innenstadt in das Stammheimer Gefängnis verlegt. Hier entscheiden die Richter der 3. Großen Jugendkammer des Landgerichts ab Montag darüber, ob die acht Beschuldigten – unter ihnen drei Mitglieder des früheren Weltvorstandes – schwerste Straftaten begangen haben. Die Angeklagten sind derzeit in Untersuchungshaft. Sie waren im vergangenen Sommer teilweise von Spezialeinheiten nach Ermittlungen baden-württembergischer Fahnder und Bundespolizisten verhaftet worden.

Der Tatvorwurf

Stuttgarter Staatsanwälte werfen den Beschuldigten versuchten Mord und Totschlag, gefährliche Körperverletzung, räuberische Erpressung, Freiheitsberaubung, Waffen- und Drogendelikte vor. Aus der Fülle der Anklagepunkte sticht vor allem ein Fall hervor: Am 2. Februar 2017 soll der für die Einhaltung der selbst verordneten Regeln der Osmanen zuständige Stuttgarter Präsident, Levent Uzundal, einen Aussteiger in eine Wohnung in Herrenberg (Kreis Böblingen) gelockt haben. Dort sei dem Mann zunächst ein Schlafmittel verabreicht worden. Uzundal habe dann, so belegen es Abhörprotokolle, den Vize-Weltpräsidenten Selcuk Sahin in Hessen angerufen. Beide hätten beraten, was mit dem Aussteiger geschehen solle. In der Folge sei der Delinquent mit Rohrzangen, Sandhandschuhen und Fäusten malträtiert worden. Mit einer Rasierklinge habe einer der Beschuldigten zudem versucht, einen Teil eines Ohres abzuschneiden. Eine in den Oberschenkel des Opfers abgefeuerte Kugel habe eine Altenpflegerin ohne Betäubung wieder herausoperiert. Nach drei Tagen sei dem Aussteiger die Flucht gelungen.

Die Täter

Die acht Beschuldigten sind zwischen 19 und 46 Jahre alt. Zu den Promis unter ihnen gehören der frühere Weltpräsident der Osmanen, Mehmet Bagci (46), sein Stellvertreter, Selcuk Sahin (38), und der für die Einhaltung der selbst gegebenen Clubregeln und für die Ausführungen von Befehlen zuständige Sergeant at Arms und Präsident des Stuttgarter Ortsvereins, Levent Uzundal (35). Er verwaltet zudem die Waffen der Gruppe und entscheidet darüber, wo und wie nach außen wie nach innen im Club Gewalt angewendet wird. Im Gegensatz zu Rockergruppen war diese Funktion in etlichen Ortsgruppen der Osmanen – sogenannte Chapter – bis zu dreimal besetzt. So wollen die Osmanen sicherstellen, dass sowohl Waffen wie auch Mitglieder schnellstmöglich dann zur Verfügung stehen, wenn beides gebraucht wird. Drei der an der Folter des Aussteigers in Herrenberg beteiligten Osmanen haben sich offenbar in die Türkei abgesetzt, um sich der Strafverfolgung zu entziehen.

Der Prozess

Der Vorsitzende Richter hat sich einer Gefährdungsbewertung des Landeskriminalamtes von diesem Januar angeschlossen und das Verfahren in den Gerichtssaal der Justizvollzugsanstalt Stuttgart-Stammheim verlegt. Im sogenannten Mehrzweckgebäude (MZG) wurde in den 1970er Jahren gegen Terroristen der RAF verhandelt. Heute wird der Saal für gefährliche Straftäter genutzt. Ermittler befürchten, dass sowohl Osmanen und deren Unterstützer als auch mit ihnen verfeindete Kurden nach Stuttgart kommen. Zusätzliche Brisanz erhält der Prozessauftakt durch den türkischen Angriff auf die kurdische Enklave Afrin in Nordsyrien und die damit verbundene Vertreibung der kurdischen Bevölkerung. Ermittler befürchten, dass es beim Aufeinandertreffen beider Gruppen „mit hoher Wahrscheinlichkeit“ zu gewalttätigen Auseinandersetzungen – möglicherweise mit Waffen – kommen wird. Bislang sind 50 Verhandlungstage bis kommenden Januar angesetzt.

Hinweis auf ein Urteil könnten die Entscheidungen des Stuttgarter Oberlandesgerichtes geben, das sich erst in diesem Jahr mit der Untersuchungshaft aller Angeklagten beschäftigte. Auf Antrag der Verteidiger müssen Richter prüfen, ob weiterhin Haftgründe vorliegen. Wegen der zu erwartenden hohen Strafen ordneten die Richter an, dass alle Beschuldigten im Gefängnis bleiben.

Die Osmanen

Die Osmanen Germania wurden Ende 2014 in Frankfurt am Main vor allem von türkischen Migranten gegründet. In Baden-Württemberg tauchte erstmals ein Chapter im Frühsommer 2015 im Bodensee-Raum auf. In Anlehnung an den bei Rockern üblichen Namenszusatz Motorradclub fügte Bagci die Bezeichnung Boxclub hinzu. Statt mit Motorrädern sind die Osmanen jedoch in Luxuskarossen und Sportwagen unterwegs.

Bagci und Sahin versuchten nach außen hin, dem Club ein soziales Image zu verpassen: Sie würden kriminelle Jugendliche von der Straße holen und durch den Boxsport läutern. In Wirklichkeit pflegte der Club bereits im Herbst 2015 engste Verbindungen in die türkische Staatsführung. So traf sich Anführer Bagci mit einem der engsten Berater von Präsident Recep Tayyip Erdogan. Dessen Sohn Bilal plauderte am Telefon mit Selcuk Sahin über „Geschäfte“, für die die Osmanen einen Investor aus Deutschland vermittelten.

Die Straßengang sicherte Veranstaltungen des -nahen Lobbyvereins Union der Europäisch-Türkischen Demokraten (UETD). Über deren Mannheimer Vorsitzenden Yilmaz Ilkay Arin und den Jugendfreund, Abgeordneten, UETD-Beauftragten und Vertrauten s, Metin Külünk, wurde den Osmanen für den Kampf gegen Kritiker des Präsidenten und Kurden Geld für Waffen zugeschustert. Am Welttreffen der Osmanen am 5. August 2017 im türkischen Alanya nahmen auch Vertreter der Regierungspartei AKP und der UETD teil, um über die Neuausrichtung der Osmanen zu diskutieren. Wohl nur zufällig besucht Külünks Nachfolger als UETD-Beauftragter, der -Vertraute Mustafa Sen, an diesem Abend die UETD in Stuttgart.

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