Zentnerweise hat eine Bande Drogen ins Land geschmuggelt. Jetzt stehen die Köpfe in Heilbronn in einem Mammutprozess vor Gericht.
Heilbronn - Mehrere Männer warten in einem Schrebergarten im Heilbronner Stadtteil Sontheim. Ein Mietwagen fährt heran. Eilends werden mehrere Kilogramm Marihuana ausgepackt. Doch die Polizei liegt schon auf der Lauer. Als die Männer damit beginnen, die Ware kiloweise abzupacken, greifen die Beamten zu. Einer der Männer springt in sein Auto und rast los. Der Golf schlittert über mehrere Grundstücke, mäht Büsche nieder. Nach mehreren Hundert Metern rast der Mann in einen Apfelbaum. Dann klicken auch bei ihm die Handschellen.
Die spektakuläre Festnahme vom vergangenen Mai ist Teil einer Serie von Erfolgen, die die Heilbronner Drogenfahnder im vergangenen Jahr verzeichnen konnten. Systematisch zogen sie einen Drogenring aus dem Verkehr, der seit 2018 insgesamt mehrere Tonnen Marihuana und 30 Kilogramm Kokain in den Großraum zwischen Heilbronn, Stuttgart und Karlsruhe importiert haben soll. Zunächst verhaftete man kleinere Zuträger, im Juli zog man dann die Führungsköpfe der Bande aus dem Verkehr. Sieben Männer und eine Frau müssen sich seit Dienstag vor dem Heilbronner Landgericht wegen gewerbsmäßigen und bandenmäßigen Handeltreibens mit Drogen verantworten.
Die Polizei findet eine Maschinenpistole
Einer der Hauptangeklagten, ein 27-jähriger Deutscher, besaß neben einem Revolver eine Maschinenpistole vom Typ Guzi. Offenbar war man nicht zimperlich. Gab es Ärger mit Kunden, wurden Schusswaffen eingesetzt, so im kleinen Walzbachtal im Kreis Karlsruhe, wo es auf offener Straße zu einem Schusswechsel kam. Ein Querschläger schlug im Hobbyraum eines Unbeteiligten ein.
Mehr als zweieinhalb Stunden dauert am Dienstag die Verlesung der Anklageschrift. Die Staatsanwältin Karin Fischer weiß, wann wie viel Marihuana geliefert wurde, dass es in Lastwagen aus Spanien kam und wer es abholte. Sie nennt Lagerhallen in Horb und Rottenburg, die Namen von Kunden und den Preis, der meist bei 6000 Euro pro Kilogramm lag. Sie kennt die Übergabeorte an dem Katharinenhospital in Stuttgart, einem Lidl-Markt in Heilbronn, in einer Wohnung in Erligheim oder einem Burger King in Pforzheim. Und sie weiß um Tauschgeschäfte mit einer Bande aus dem Raum Freiburg: Wenn der Nachschub stockte, bekam man Marihuana und gab Kokain.
Dass die Drogenfahnder ihrer Klientel im vergangenen Jahr immer öfter einen Schritt voraus waren, ist ein europaweites Phänomen und hat mit einem Erfolg der französischen Polizei zu tun. Ihr gelang es, das Encro-Chat-Netzwerk zu hacken – ein System von Smartphone-Nachrichten –, das wegen seiner Verschlüsselung vor allem von Kriminellen genutzt wurde. Plötzlich konnten die Behörden mitlesen. Auch die Heilbronner Fahnder profitierten von der französischen Amtshilfe.
Hilfe aus Frankreich
Mehr als 40 Verhandlungstage sind bisher angesetzt. Nur der Kopf der Bande steht nicht vor Gericht. Als es ihm in Heilbronn zu heiß wurde, ging er in die Türkei und organisierte von dort die Transporte. Man sei mit den türkischen Behörden in Kontakt, sagte Fischer. Bisher gebe es aber von dort noch keine Signale.